Alternativen zur US-dominierten Internet Governance?

Feature | 11. Oktober 2006 von admin 0

Wolfgang Kleinwächter

Wolfgang Kleinwächter

Welche Alternativen zu einer Verlängerung des ICANN-Vertrags durch die USA gibt es?

Kleinwächter: Solange es kein funktionierendes neues System gibt, wird man mit der zweitbesten Lösung, der US-Kontrolle, leben müssen. Kofi Annan hat im Juni 2004 die UN Working Group on Internet Governance (WGIG) aufgerufen, bei der Diskussion von politischen Internet-Governance-Modellen ebenso kreativ zu sein, wie es die Erfinder der technischen Infrastruktur in den 60er und 70er Jahren waren. Noch warten wir auf eine Innovation. Das Internet einer zwischenstaatlichen Behörde im UN-System zu übergeben, wäre die schlechteste aller Möglichkeiten. Würde sich ICANN als transparente Organisation präsentieren, die im Interesse der und in Kooperation mit der globalen Internet Community agiert, aber unabhängig von Regierungen bleibt, dann wäre man einen Schritt weiter.

Wann könnte die US-Kontrolle über das Internet beendet sein?

Kleinwächter: Hier gilt es zwei vertragliche Arrangements zu beachten: Das allgemeine “Memorandum of Understanding” zwischen ICANN und dem amerikanischen Handelsministerium ist zeitlich befristet. Es läuft aus, wenn ICANN “reif” für die Unabhängigkeit ist, das heißt, einen transparenten und verlässlichen Entscheidungsprozess implementiert und die Beziehungen zu den einzelnen für die IP-Adressen zuständigen Regional Internet Registries und den Root Server Operators auf eine tragfähige Grundlage gestellt hat. Als ein Zwischenschritt in Richtung Unabhängigkeit haben ICANN und die US Regierung Ende September 2006 das Memorandum durch ein “Joint Project Agreement” ersetzt, das die Leine zwischen ICANN und dem Department of Commerce etwas verlängert. Das Abkommen gilt bis 2009.

Komplizierter ist der Vertrag zwischen ICANN und dem US-Handelsministerium, der das Management der Root Zone Files für die Top Level Domains (TLD) regelt, der so genannte “IANA Contract”. Die TLD Root Zone Files werden von der “Internet Assigned Numbers Authority” (IANA), einer Unterorganisation von ICANN, verwaltet. IANA kontrolliert und führt Modifikationen aus, aber auch Streichungen oder Hinzufügungen von TLD Zone Files. Bevor aber die TLD Zone Files veröffentlicht werden, muss IANA die Datenpakete vom US-Handelsministerium genehmigen lassen. Dies ist der eigentliche Stein des Anstoßes.
Vorschläge für alternative Verfahren zur Autorisierung der Publikation von TLD Root Zone Files gibt es zuhauf. Die meisten laufen darauf hinaus, ein inakzeptables, aber funktionierendes System durch ein anderes inakzeptables System zu ersetzen, dessen Praktikabilität sich erst erweisen muss. Meist geht es bei der Autorisierung um rein technische Belange. Die ICANN sollte meiner Ansicht nach Verfahren entwickeln, die eine Autorisierung durch eine Regierungsbehörde nur für Fälle mit politischer Dimension vorsieht. In diesen Fällen können Regierungen ja eine Ad-Hoc-Arbeitsgruppe bilden – oder ICANNs “Governmental Advisory Committee” (GAC) einbinden. Das von der polnischen Registry NARSK entwickelte eIANA-Verfahren zur automatischen Modifikation von ccTLD Zone Files ist ein Schritt in die richtige Richtung. Hier erfolgt dann kein individueller Check mehr sondern das File wird praktisch “durchgewunken”.

Sind denn eigentlich Fälle von Manipulation oder Missbrauch durch die amerikanischen Behörden bekannt?

Kleinwächter: Es wird gerne unterstellt, dass die US-Regierung ein Land – einen “Schurkenstaat” oder einen untreuen Verbündeten – einfach vom Internet abklemmen könnte. Bislang sind keine solchen Fälle bekannt geworden. Selbst medienwirksame Blackouts der Domains “.af” (Afghanistan), “.ly” (Libyen) oder “.iq” (Irak) stellten sich hinterher als kommerzielle Streitfälle heraus. Meist konnten sich rivalisierende Gruppen in den jeweiligen Ländern nicht darauf einigen, wer die Länderdomain managt. Dabei könnte die US-Regierung tatsächlich die Sicherheitsfirma VeriSign anweisen, das ccTLD Zone File eines Landes zu entfernen. Der Effekt wäre jedoch – abgesehen vom politischen Schaden für die USA – ziemlich gering. Seitdem es durch das Anycast System mehr als Hundert Root Server gibt, braucht nur einer dieser Server den Löschbefehl für das betroffene ccTLD Zone File nicht auszuführen, und die Kommunikation mit dieser ccTLD kann weiter funktionieren, wenngleich auch vielleicht ein wenig zeitverzögert wegen längerer Kommunikationswege.

Was spricht dagegen, dass beispielsweise die UNO die Internet Governance in die Hand nimmt?

Kleinwächter: Können Sie sich vorstellen, dass sich die USA, die EU, China, Indien, Südafrika und Brasilien – sechs potenzielle Kandidaten für einen UN Internet Sicherheitsrat – auf einheitliche Kriterien für Meinungsfreiheit im Internet einigen? Nein, die Internet-Aufsicht sollte bei den technischen Entwicklern, Anwendern und Anbietern von Internet-Diensten aus Privat- und Zivilgesellschaft bleiben – und die sind alle bei ICANN im Boot.

Welches Ziel hat das neu gegründete Internet Government Forum (IGF) der UNO?

Kleinwächter: Das IGF ist als reine Diskussionsplattform konzipiert. Es soll keine Entscheidungen treffen, sondern eher die Kommunikation zwischen allen Beteiligten fördern und neue Modelle entwickeln. Im Prinzip ist das IGF selbst ein neues Modell der Politikfindung. Die Entscheidungen sollen dezentral fallen. Damit wird der Mechanismus der politischen Entscheidungsfindung der technischen Infrastruktur des Netzes immer ähnlicher: ein Netzwerk von Netzwerken ohne “Zentrum”. Sofern es im Internet um Macht geht, hat diese sich bereits zugunsten der Endanwender verschoben. Diesen Prozess kann das IGF weiter vorantreiben. Hierzu will auch GigaNet beitragen.

Ist es denkbar, dass es irgendwann mehrere parallele Internetwelten geben wird?

Kleinwächter: Alle TLD Root Zone Files, so auch “.com”, basieren bislang auf dem ASCII-Code. Und die Datei für eine TLD existiert nur ein einziges Mal. Die chinesische Variante von “.com” ist ein neues Root Zone File. Und hier ist die Frage, wer die Publikation dieses neuen Files autorisiert. VeriSign reklamiert eine Art universelles Handelsmarkenrecht für “.com” und “.net” in allen Sprachvarianten. Ähnlich argumentieren die Unternehmen PIR für “.org” oder Afilias für “.info”.

Die Chinesen haben aber ziemlich deutlich gesagt, die Veröffentlichung eines TLD Root Zone Files mit chinesischen Buchstaben nicht von einer Autorisierung durch die US-Regierung abhängig zu machen. Bei den jetzt laufenden Tests in Peking hängen die chinesischen Name-Server an die chinesische Variante von “.com” und “.net” noch das ASCII-Kürzel “.cn”, den chinesischen Ländercode, an. Damit bleibt man im ASCII/IANA/ICANN System. Das Problem ist nur, dass ein Chinese, der in San Francisco eine “.com”- Adresse mit chinesischen Buchstaben sucht, nicht fündig wird, solange er nicht weiß, dass er “.cn” an die Web- oder E-Mailadresse dranhängen muss. Für die Chinesen ist es mittelfristig ein Leichtes, auf den ASCII-Zusatz “.cn” zu verzichten und einen eigenen Root mit eigenen Root Servern und eigenen Root Zone Files mit chinesischen Buchstaben aufzubauen. Die Publikation dieser Root Zone Files ließe sich dann durch das chinesische Ministerium für Informationsindustrie autorisieren.
Alternative Roots mit eigenen TLDs sind eigentlich nichts Neues, aber scheiterten bislang immer an der fehlenden kritischen Masse von Internet-Nutzern. Bei bald 500 Millionen Internet-Nutzern in China ändert sich das. Wenn es denn also einen neuen Root geben sollte, dann stellt sich wiederum die Frage, wie die beiden Roots miteinander verbunden werden. Lösbar ist alles, aber momentan weiß noch niemand, wie.

Kann eine Initiative wie das nicht US-kontrollierte, alternative Internet der Türkei die Idee eines globalen Internets bedrohen?

Kleinwächter: Einen alternativen oder besser gesagt komplementären Root sehe ich nur als realistisch an für Sprachen, deren Schrift nicht auf den ASCII-Code basiert: Russisch, Griechisch, Persisch, Arabisch, Koreanisch, Japanisch oder Hindi. De facto bilden diese die Mehrheit der in der Norm ISO 639 gelisteten Sprachen der Welt. Für Sprachen mit lateinischer Schrift wie Spanisch, Deutsch, Französisch oder Tschechisch, die lediglich einige vom ASCII-Code nicht abdeckte Zusatzbuchstaben enthalten, ergibt ein eigener Root eigentlich keinen Sinn.

Außerdem macht der Aufbau eines eigenen, sprachbasierten Internet Root nur dort Sinn, wo eine kritische Masse von Nutzern zustande kommt – um nicht im eigenen Saft zu schmoren. Die Chinesen etwa könnten auch mit zwei Netzen leben. Das chinesische Netz wäre dann für den Hausgebrauch. Und für die fünf Prozent der Chinesen, die sich weltweit orientieren wollen oder müssen – immerhin auch schon 80 Millionen Nutzer – könnte man ein staatlich verwaltetes Passwort ausgeben, mit dem man in das ASCII-Internet kommt, das von ICANN/IANA verwaltet wird. Auch bei den Arabern könnte es funktionieren – aber dort gibt es ja noch nicht einmal eine einheitliche Sprachtabelle. Russen und Iraner haben vielleicht auch ein politisches Interesse daran, sich nach außen abzuschirmen. Bei den Koreanern und Japanern würde es vielleicht funktionieren, aber dort sehe ich kein politisches Interesse an einem Alleingang.

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