So intuitiv wie ein iPhone

30. Januar 2012 von Paul Baur 0

Die Benutzerfreundlichkeit von Unternehmenssoftware ist für SAP einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren, um bis 2015 die Zielmarke von einer Milliarde Nutzer zu erreichen. Tag für Tag setzen SAP-Mitarbeiter rund um den Globus ihr ganzes Wissen und Können dafür ein, Produkte zu entwickeln, deren Anwendung den Kunden Spaß macht – unabhängig davon, ob sie über die Cloud, aus dem eigenen Rechenzentrum oder mit dem Smartphone konsumiert werden.

Wir haben mit Dan Rosenberg, SVP for User Experience der SAP, über das Thema Produktdesign gesprochen. Daniel Rosenberg blickt auf eine über 33-jährige Laufbahn im Bereich User Experience für Unternehmenssoftware zurück. Vor seinem Einstieg bei der SAP im Jahr 2005 war Dan Vice President R&D für User-Interface-Design bei Oracle. In früheren Positionen war er unter anderem als User Interface Architect für Borland International und Ashton-Tate tätig. Dan ist Autor und Mitautor von über 40 Publikationen auf dem Gebiet der Interaktion zwischen Mensch und Computer. Er war zudem einer der Gründungsredakteure des Magazins „netWorker” der Association for Computing Machinery. Zudem ist er das einzige Vorstandsmitglied von interaction-design.org, das aus der Branche stammt.

Jeder, der schon einmal mit einem Apple-Gerät herumgespielt hat, weiß, wie wichtig Design ist und welchen Einfluss es auf den Benutzer hat. Aber muss Unternehmenssoftware genauso intuitiv sein wie ein iPhone?

Dan Rosenberg: Um unsere Umsatz- und Wachstumsziele zu erreichen, müssen wir Design zu einem zentralen Thema und zu einer Kernkompetenz machen. Der Erfolg von Apple beruht auf deren Fähigkeit, „Design” als Teil ihrer Marke zu verkaufen. Die „iSomething”-Produkte von Apple bieten ihren Kunden meist eine überaus intuitive Benutzungsoberfläche. Noch viel wichtiger ist aber, sie machen Spaß. Diese Geräte tun genau das, was die Benutzer wollen, aber so, wie sie es am wenigsten erwartet haben. Beispielsweise ist das Zoomen von Visualisierungen keine neue Idee, aber was jetzt daran Spaß macht, ist die
Multi-Touch-Technologie.

Allerdings müssen wir uns auch darüber im Klaren sein, wie Ihre Frage schon impliziert, dass wir nicht in der gleichen Branche agieren wie Apple. Wir entwickeln Produkte, mit denen Menschen ihre Produktivität steigern können. Ob es ein komplexes Produkt für einen Fachbenutzer oder eine einfache iPhone-App für einen Vorstandsvorsitzenden ist, beide müssen dem Benutzer ein Erfolgsgefühl geben und die Sicherheit, dass er eine Aufgabe erfüllen konnte – und zwar ohne Frust. Wir müssen also genauso gut wie Apple sein, aber unsere Design-Lösung und deren positiven Effekt auf den Wert der Marke SAP kann nicht aus dem simplen Kopieren von Apple-Elementen hervorgehen.

 

Wenn man bei der SAP durch die Büros geht, klingeln einem die Ohren von den vielen Modewörtern, die derzeit kursieren. Um nur einige zu nennen: Design Thinking, „schönes Design”, Gamification, „Mobile First”.  Was müssen Mitarbeiter im Kern über gutes Produktdesign wissen?

Dan Rosenberg:  Erst einmal müssen Mitarbeiter wissen, dass „Schönheit” eine subjektive Bewertung eines Werks oder einer Person ist. Im Zusammenhang mit Design bevorzuge ich den Begriff „Eleganz”. Eleganz als klare Intention des Designs lässt sich in gut gestalteten Produkten erkennen, ohne dass eine subjektive Bewertung ins Spiel kommt.

Eleganz kommt beispielsweise im Design mancher Automobile zum Ausdruck, etwa bei BMW, wie ich finde. Die frühere Generation von BMW-Fahrzeugen war sehr kantig und gefiel dem Publikum entweder sehr gut oder überhaupt nicht. Allerdings finde ich es wirklich toll, dass Chris Bangle den Mut hatte, so ein starkes Branding-Statement abzugeben. Aus finanzieller Sicht hat es absolut funktioniert, und das ist letztlich das Ziel von gutem Design – Geld machen, nicht Kunst.

Was das Phänomen „Gamification” angeht, so ist meines Erachtens eines noch nicht erwiesen: Handelt es sich um einen vorübergehenden Trend, oder kann die SAP solche Mittel sinnvoll nutzen, um Produkte zu entwickeln, die die Benutzer begeistern – und das ohne Abstriche bei der Produktivität? Jedem, der sich für dieses Thema interessiert, empfehle ich die Lektüre des Buchs Reality is Broken von Jane McGonigal. Sie weist zum Beispiel darauf hin, dass Spielen freiwillig ist und Arbeiten nicht. Deshalb kann es ins Auge gehen, wenn wir einfach Spielelemente auf vorhandene Benutzungsoberflächen aufpflanzen.

Und nicht zuletzt: Das Zeitalter des PC ist vorüber, jetzt heißt die Devise „Mobile First”! Angesichts der rasch wachsenden Zahl von Mobilgeräten bietet es sich an, Anwendungen zuerst für mobile Endgeräte zu entwickeln und anschließend für den Desktop zu erweitern. Es hat seine Vorteile, wenn man mit einem kleineren Bildschirm beginnt, weil man dabei gezwungen ist, sich auf die wichtigsten Funktionen zu konzentrieren. Das Ergebnis ist Einfachheit.

Sollten wir bei SAP dann die Umgestaltung unserer On-Premise-Produkte fallen lassen und uns auf das verbrauchergerechte Design unserer mobilen Apps und On-Demand-Lösungen konzentrieren?

Dan Rosenberg: Wir können es uns nicht leisten, unsere On-Premise-Produkte links liegen zu lassen, besonders jetzt, da die Wartung bis 2020 ausgeweitet worden ist. Das nächste Release der SAP Business Suite wartet mit einigen tollen Verbesserungen und Innovationen auf. Erfreulicherweise sind eine Reihe von Innovationen in der Entwicklung, beispielsweise die so genannten „Chips” – flexible, widget-ähnliche Programmierelemente, mit denen ein Sidepanel modular und kostengünstig entwickelt werden kann, z. B. für eine vorhandene Anwendung auf Basis der SAP-GUI oder eine ganze Webseite. Das kann man schon in der neuesten Version des SAP NetWeaver Business Client sehen.

In Kundenbesprechungen habe ich von vielen CIOs immer wieder erfahren, dass gute mobile Anwendungen schlecht designte Desktop-Benutzungsoberflächen nicht vergessen machen. Oder wie es ein Top-Manager eines großen Lebensmittelherstellers ausdrückte: „Eine mobile Lösung ist kein Deodorant gegen eine schlechte Desktop-UI.” Den Kunden gefällt unsere Herangehensweise für mobile Benutzungsoberflächen, aber umgekehrt wollen sie die gleiche Design-Qualität auch bei den Desktop-Produkten, die sie schon gekauft haben.

Unternehmenssoftware wird zunehmend mit Verbrauchersoftware verglichen. Wie aber ist das Design von SAP-Produkten im Vergleich mit Konkurrenzprodukten zu bewerten, etwa von Oracle, Microsoft oder Salesforce.com?

Dan Rosenberg: Ehrlich gesagt kümmert es mich wenig, wie wir im Vergleich zum Wettbewerb abschneiden. Und das sage ich, obwohl ich elf Jahre lang das User-Experience-Team von Oracle geleitet habe. Mit zunehmender Verbreitung von Cloud und Mobile Computing werden Kaufentscheidungen immer weniger von CIOs und immer häufiger von Endbenutzern oder der Abteilungsleitung getroffen. Diese Kunden vergleichen SAP SRM mit Amazon.com und SAP Travel Management mit ihrer Lieblings-Webseite zum Buchen von Urlaubsreisen. Deshalb stellen wir unsere Kennzahlen für die Benutzerfreundlichkeit unter anderem Amazon, Google, iPhone, MS Outlook und MS Excel gegenüber.

Die Produkte von Microsoft, zum Beispiel Excel, sind für uns aber von Bedeutung, weil sie der De-facto-Standard in ihrer Klasse sind. Ein wesentlicher Baustein unserer Strategie für SAP-Benutzungsoberflächen besteht darin, SAP-Inhalte in die Standardumgebungen einzubringen, in denen die Menschen den ganzen Tag arbeiten. Besonders für das SAP BusinessObjects-Portfolio und SAP HANA ist es wichtig, innerhalb von Excel fein auf diese Anwendung abgestimmte Funktionen zu bieten. Damit erfüllen wir die Erwartungen unserer Benutzer.

Welche Rolle spielt Design Thinking für die Produktentwicklung bei der SAP?

Dan Rosenberg: Design Thinking spielt bei uns eine wichtige Rolle, weil wir traditionelle Produktmanagement-Modelle allmählich dadurch ersetzen. Da sind wir aber nicht die einzigen. Intuit hat Design Thinking beispielsweise unter dem Motto „Design for Delight” in seinen Entwicklungsprozess integriert – ein anderer Name für die gleiche Sache.

Beim Design Thinking geht es darum, die Bedürfnisse von Kunden zu erfüllen, aber nicht nur bei einer Benutzungsoberfläche. Die Methode kann genauso angewendet werden, um eine gesündere Speisekarte für eine Kantine zu entwickeln. Das Ziel dieser Methode liegt darin, „das Richtige zu tun”. Das ist etwas Anderes, als „die Dinge richtig zu tun”. In meiner dreißigjährigen Laufbahn als Designer und Leiter des Designs habe ich häufig erlebt, dass ein Team ein sehr benutzerfreundliches Produkt entwickelt hat, das aber kommerziell ein Misserfolg war, weil es kein Problem löste, das für den Kunden bedeutsam war.

Manche Mitarbeiter verstehen Design Thinking als Philosophie, andere möchten es als Prozess integrieren. Tatsächlich ist es beides. Jeder Physiker, der bei der SAP arbeitet, wird bestätigen, dass Licht sowohl als Welle als auch als Teilchen gesehen werden kann. Deshalb glaube ich, dass diese Diskussion hinfällig ist und wir uns auf das Entwickeln von erfolgreichen Produkten konzentrieren sollten.

Welche ist unter Design-Gesichtspunkten Ihre Lieblings-App und warum?

Dan Rosenberg: Jetzt erwarten Sie wahrscheinlich, dass ich Ihnen eine App auf meinem iPad nenne. Aber meine Lieblings-App ist ein Programm für eine digitale Musik-Workstation, „Studio 1″ von einem deutschen Hersteller namens PreSonus. Studio 1 ist das Rückgrat meines Homerecording-Studios, und wie bei allen DWAs braucht es Zeit, um es zu lernen. Ich arbeite jede Woche mehrere Stunden mit diesem Programm. Was mir daran gefällt, ist, dass ich mich auf die Musik konzentrieren kann, anstatt mich mit dem technischen Prozess für das Recording, Mixing und Mastering einer CD befassen zu müssen.

Wenn Sie die Mitarbeiter darum bitten könnten, einen Beitrag zur Verbesserung des Designs und der Benutzerfreundlichkeit der SAP-Produkte zu leisten, um was würden Sie sie bitten?

Dan Rosenberg:  Das ist einfach. Gehen Sie raus und beobachten Sie tatsächliche Benutzer in Aktion, fühlen Sie nach, welche Schwierigkeiten sie haben, und denken Sie sich in ihre Bedürfnisse hinein, bevor Sie über die Inhalte eines Produkts entscheiden. Unterhalten Sie sich nicht nur mit ihnen. Gehen Sie ihnen nach, und beobachten Sie, was sie tun und welche Arbeitsinhalte sie erstellen. Das ist das Wesentliche an Design Thinking.

 

 

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