Ein Trumpf gegen Oracle

24. Juli 2012 von Christiane Pütter 0

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Wer dieser Tage die Stichworte SAP und Ariba googelt, kommt auf fast drei Millionen Treffer. Die Übernahme von Ariba, einem Anbieter von kollaborativen Business Commerce Lösungen, durch SAP America rauscht kräftig im Blätterwald: SAP habe „sich den Konkurrenten geschnappt“, schreibt etwa das Handelsblatt, ein Blogger auf wiwo.de spekuliert bereits über weitere Zukäufe. Analysten sehen es nüchterner.

Lünendonk: „Nach vorne gedacht“

Einhelliger Tenor verschiedener Experten: Diese Entscheidung war gut für SAP, vor allem war sie nach vorne gedacht. So erklärt Mario Zillmann, Leiter Professional Services bei Lünendonk, dieser Schritt sei eine Investition in die Zukunft. „SAP hat mit der Übernahme von Ariba gezeigt, wie wichtig Cloud-Services als zukünftiges Wachstumsfeld bewertet werden. Insofern ist Ariba auch als konsequente Fortsetzung der Übernahme des HR-Software-Anbieters Successfactors zu sehen“, so Zillmann. Andreas Fey, Partner Technology Advisory Services bei Deloitte, fügt an: „Diese Akquisition passt in SAP’s Produktstrategie. SAP hat heute schon Supplier-Relationship-Management (SRM)-Funktionalitäten im ERP- Portfolio, mit Ariba wird dieses funktionale Angebot signifikant um cloudbasierte Lösungen erweitert. Ariba ist ein führender Anbieter von webbasierten Sourcinglösungen, diese Software wird weltweit von vielen Unternehmen genutzt.“ Der Vorteil für die Walldorfer liegt auf der Hand: „SAP kann somit den Bestandskunden gegebenenfalls erweiterte Funktionalitäten anbieten und hat mit den Ariba-Kunden neue Zielkunden für das weitere Produktportfolio“, erklärt Fey.

IDC: „Prozessketten auch über Unternehmensgrenzen hinaus“

Für Zillmann ist nun die entscheidende Frage, wie die Integration gelingen wird. Vermutlich gut, erwartet Ruediger Spies von IDC Central Europe. Der Vice President sagt: „Dass SAP und Ariba eine lange Tradition der Zusammenarbeit haben, erweist sich bei der Akquise als Vorteil – die Unternehmen kennen sich, vor allem aber kennen sie die Technologie.“ Eben das werden die Walldorfer zu nutzen wissen, so Spies weiter: „Bisher punkten sie damit, dass sie Prozessketten innerhalb der Unternehmen optimieren. Dank Ariba geht das nun auch leichter über Unternehmensgrenzen hinaus. Für die Anwender heißt das: Wer an beiden Enden der Ariba-Plattform mit SAP-Anwendungen operiert, erhält alles aus einer Hand.“

Experton Group: Enge Integration mit SAP Supply Chain möglich

Lünendonk: In der Logistik großer Unternehmen stecken große Effizienzpotenziale

PAC: Sinnvoller Bruch mit Traditionen

 

Andreas Zilch aus dem Vorstand der Experton Group attestiert SAP „einen brillanten Schachzug“. Zilch erklärt: „SAP gewinnt dadurch die Kontrolle über das größte Handelspartner-Netzwerk, welches nun eng mit den SAP Supply Chain Applikationen integriert werden kann. SAP hat damit eine Trumpfkarte gegen Oracle in der Hand.“ Der Markt werde sich verändern, so Zilch.

Experton Group: Enge Integration mit SAP Supply Chain möglich

Wird er, das sagen auch die anderen Analysten. SAP stärke die eigene Position gegenüber Oracle und Microsoft. Doch auch hier gilt: Keine künstliche Aufregung, bitte. „Am Kräfteverhältnis auf dem Weltmarkt wird sich grundsätzlich nicht viel ändern. Es ist nicht so, dass die Walldorfer jetzt an einem anderen Unternehmen vorbeiziehen“, erklärt Frank Niemann, Principal Consultant Software Markets bei Pierre Audoin Consultants (PAC). Auch Deloitte-Mann Fey sagt: „Es führt nicht zu einer wesentlichen Kräfteverschiebung auf dem Weltmarkt der Anbieter von Unternehmens-Software.“

Lünendonk: In der Logistik großer Unternehmen stecken große Effizienzpotenziale.

IDC-Mann Spies will die Dinge vor allem von der Anwenderseite sehen: „Die Motivation, SAP einzusetzen, steigt jetzt bei bisherigen Ariba-Kunden.“ Hartmut Lüerßen, Partner bei Lünendonk, ergänzt: „In den Bestell- und Logistikprozessen großer Unternehmen bestehen große Effizienzpotenziale in Hinblick auf Automatisierung und digitaler Verknüpfung der Ökosysteme, bestehend aus Lieferanten, Händlernetzen, Abnehmern und Logistikunternehmen. Großunternehmen und Konzerne investieren enorme Summen in die Prozess-Reorganisation.“ Und weiter: „SAP kann mit Ariba nun einen neuen und ergänzenden Ansatz liefern, unternehmensübergreifende Geschäftsprozesse abzubilden.“

PAC: Sinnvoller Bruch mit Tradition

Nicht ganz einig sind sich die Analysten in der Frage, inwieweit der Ariba-Zukauf als Bruch mit SAPs bisheriger Firmentradition zu werten ist. Spies kommentiert: „Als Bruch mit der bisherigen Tradition des organischen Wachstums sehe ich diesen Schritt nicht. Das Unternehmen SAP hat immer betont, Chancen nutzen zu wollen, auch außerhalb einer Strategie des organischen Wachstums.“ Ähnlich sieht es Fey. Er erinnert an die Übernahme der Firma TopTier Software, das war bereits 2001, und an darauffolgende Akquisitionen. Fey sagt: „Insofern kann man schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr von ausschließlich organischem Wachstum sprechen.“

PAC: Sinnvoller Bruch mit Traditionen

PAC-Analyst Niemann dagegen sieht „durchaus einen Bruch“. Und zwar einen sinnvollen. „Man muss klar sehen, dass die Walldorfer nur durch organisches Wachstum die anvisierten Ziele nicht hätten erreichen können“, so Niemann. Damit bringt er einen weiteren Aspekt in die Diskussion: „In Sachen SaaS-Strategie setzen sowohl SAP als auch Oracle derzeit stark Akquisitionen statt auf Innovationen durch Eigenentwicklung. In dieser Hinsicht unterscheiden sich beide Firmen derzeit kaum.“

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