Auf dem Weg zum offenen Unternehmen

Feature | 21. Januar 2004 von admin 0

„Die Anbieter von Open-Source-Software (OSS) haben auf dem Weg in die Unternehmen an Tempo zugelegt“, konstatierte Thorsten Wichmann, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Berlecon Research, in einer zur IT-Messe SYSTEMS 2003 veröffentlichten Note. In der Tat, es tut sich was auf dem Markt für Software mit offenem Quellcode. Der Linux-Distributor SuSE Linux wird von Novell geschluckt, IBM und Red Hat wollen Linux verstärkt auf den Desktop bringen und der schwedische Open-Source-Datenbankhersteller mySQL veröffentlicht die SAP-zertifizierte Open-Source-Datenbank MaxDB, eine Weiterentwicklung der ehemaligen SAP DB der Walldorfer SAP. Gerade die Zusammenarbeit zwischen mySQL und SAP zeigt: Bei Open Source sind die Zeiten des „Bastlerstatus’“ endgültig vorbei, doch ist die Software auch für den Mittelstand attraktiv? „Ja“, sagt Lukas Mensinck von der auf SMBs spezialisierten Mensinck Consulting, „denn der Einsatz von Open-Source-Software garantiert SMBs geringe Kosten.“ Hinzu kommt, laut Lukas Mensinck, dass der Mittelstand wegen des zunehmenden Einsatzes von E-Business-Anwendungen bei diesen zunehmend Wert auf Sicherheit und Stabilität legt. Außerdem können die Unternehmen bei OSS selbst über Softwareprodukte und Updatezyklen entscheiden. „Mittelständler profitieren in erster Linie vom Wegfall der Lizenzkosten, der Unabhängigkeit von proprietären Herstellerstandards sowie von Sicherheit und Stabilität der Open-Source-Produkte“, pflichtet Gert Schick, Client Partner von Cambridge Technology Partners, bei.

Preisbewusster Mittelstand

Schon auf der SYSTEMS 2003 zeigte sich, dass mittelständische Unternehmen Open-Source-Anwendungen inzwischen nicht nur akzeptieren, sondern auch verstärkt nachfragen. Ein Trend, den die europäische LinuxWorld Conference bestätigte. Neben Aspekten wie „flexible Anpassungsfähigkeit und Stabilität“ steht für SMBs beim Einsatz quelloffener Software vor allem die Kostenfrage im Vordergrund. Dass Mittelständler preisbewusster geworden sind und Linux oder andere Open-Source-Software als günstige Lösung in Betracht ziehen, zeigt eine Marktstudie von Jupiter Research unter mehreren hundert SMBs (unter 1.000 Mitarbeiter). Vor allem kleinere Firmen würden bei Betriebssystemen auf die Kosten achten, präzisiert Jupiter-Research-Chefanalyst Joe Wilcox. Die Marktforscher von Soreon Research sehen allerdings derzeit die Kostenvorteile noch eher bei den größeren Unternehmen. Während hier zwischen 25 Prozent bei Büroanwendungen sowie Datenbanken und knapp 30 Prozent im Serverbereich gespart werden können, setzen die Soreon-Experten die Sparpotenziale durch Open Source in kleinen und mittleren Betrieben mit sechs Prozent (Server) beziehungsweise sieben Prozent (Büroanwendungen) deutlich niedriger an. Grund für die geringeren Einsparungen bei SMBs ist laut Soreon deren mangelndes hausinternes Wissen über Open-Source-Produkte. Der Softwarebetrieb könne nur mit teurer externer Unterstützung gefahren werden, wobei die dadurch entstehenden Schulungskosten die Budgets von SMBs zusätzlich belasten.
Dem widerspricht allerdings Lukas Mensinck. Ab wann OSS wirtschaftlich eingesetzt werden kann, sei weniger eine Frage der Unternehmensgröße, „entscheidend ist vielmehr die Integration der IT innerhalb des Unternehmens und das vorhandene Know-how.“ Auch Gert Schick von Cambridge Technology Partners plädiert für eine individuelle Betrachtung und lehnt „pauschale Zahlen“, ab wann sich der Open-Source-Einsatz rechne, ab. „Die Wirtschaftlichkeit“, argumentiert Mensinck, „wird immer von der speziellen Situation eines Unternehmens bestimmt. Abhängig von der Branche kann der Einsatz von OSS schon ab zehn bis 20 Arbeitsplätzen sinnvoll sein.“ Schick gibt dazu immerhin zu bedenken, dass bei Open-Source-Lösungen der Support separat organisiert werden muss und nicht automatisch vom Hersteller angeboten wird. „Da stoßen kleine IT-Abteilungen schnell an ihre Grenzen.“

Quelle offen, aber nicht kostenlos

A propos Kosten: In der Diskussion um Open Source wird oft und gern übersehen, dass diese Quelle zwar offen, aber deshalb keineswegs kostenlos zugänglich ist. In letzter Zeit hat die SCO Group mit diversen Ankündigungen, Lizenzgebühren für Open-Source-Software von gewerblichen Nutzern zu fordern, sowie Milliarden-Klagen und Klageandrohungen für viel Unruhe bei Unternehmen gesorgt. Anders als bei „Freeware“ oder proprietärer Software ist jedoch der Quellcode bei Open-Source-Software frei zugänglich, zudem darf jeder Anwender den Quellcode an seine Bedürfnisse anpassen sowie OSS nutzen und beliebig weiterverbreiten. Die Software muss nur zusammen mit dem Quellcode weiter verteilt werden, oder der Quellcode muss an einer frei zugänglichen Stelle verfügbar sein.
Allerdings: „Mittelständler müssen den Support und die Konfiguration standardisierter Distributionen bezahlen, außerdem müssen die Systeme mit externer Unterstützung integriert werden“, stellt Gert Schick von Cambridge Technology Partners fest. „Den geringeren Lizenzkosten“, ergänzt Lukas Mensinck, „stehen so vor allem Kosten für Beratung, Service und Schulung gegenüber.“ Damit führt OSS zu veränderten Kostenstrukturen, denn „SMBs sind bei der Entwicklung von IT-Konzepten, die auf die betrieblichen Abläufe abgestimmt sind, auf externe Beratung angewiesen“, folgert Consultant Mensinck. Um die laufenden Kosten zu senken, müssten kleinere Betriebe zudem verstärkt in die Ausbildung des Personals investieren.
Generell haben die Experten aber kaum Zweifel, dass sich Open-Source-Software in jedem Fall rechnet. In der Studie „TCO for Linux in the Enterprise“ analysierte die Robert Frances Group Server-Installationen unter Linux, Solaris und Windows über einen Zeitraum von drei Jahren. Ergebnis: Linux war die günstigste Plattform in der Installation und im Betrieb. Der australische IT-Dienstleister Cybersource errechnete beim Einsatz von Linux für ein Unternehmen mit 250 Computer-Arbeitsplätzen während eines Drei-Jahres-Zeitraums Kostenersparnisse von über 251.000 US-Dollar gegenüber Windows. Allerdings, warnt Mensinck, dass Studien zur TCO (Total Cost of Ownership) das Bild für mittelständische Betriebe verzerren können, da sich „weiche“ Kosten wie Schulung oder Zeitaufwand besonders in kleineren Unternehmen nur schwer exakt ermitteln lassen. Die Entscheidung, auf Linux zu wechseln, wird einer Untersuchung der Universität Sankt Gallen zufolge durch die fünf Parameter Betriebskosten, Lizenzkosten, Infrastrukturkosten, Support- und Wartungskosten sowie Ausbildungskosten bestimmt. Übersehen wird dabei allerdings, dass die Wahl zugunsten von OSS auch psychologisch motiviert ist. Beispiel Deutschland: Zwar entscheiden sich die finanziell chronisch klammen öffentlichen Verwaltungen aus Kostengründen zunehmend für OSS. Wenn aber Städte wie Schwäbisch Hall oder München auf offene Software migrieren, dann strahlt dies, abgesehen vom medialen Nachbeben, auch positiv auf andere öffentliche Einrichtungen sowie die Wirtschaft ab.

Ein Geschäft wie jedes andere?

Noch eine weitere Entwicklung verdient Beachtung. Distributoren wie SUSE Linux gehen mit großen Softwareanbietern wie SAP Partnerschaften ein. Im Rahmen solcher Partnerschaften werden dann Gesamtlösungen, so genannte „Bundles“, aus quelloffenen Servern und einem ERP-System von SAP inklusive Supportleistungen angeboten. Damit entwickelt sich Open-Source-Software „zunehmend zum normalen kommerziellen Geschäft“, wie Thorsten Wichmann von Berlecon Research feststellt. Dies umfasst dann zwar alle Vorteile wie etwa professionellen Support, Orientierung an Unternehmensbedürfnissen, bringt eben aber auch Nachteile in Form von Kosten. „Im gleichen Umfang, wie Open Source sich bei kommerziellen Anwendern durchsetzt“, wertet Analyst Per Andersen vom Marktforschungsunternehmen IDC, „wird die Open-Source-Bewegung auch die Paradigmen herkömmlicher Geschäftspraktiken übernehmen.“ Dabei ist laut Andersen die Entscheidung, Open Source einzusetzen, nicht immer so einfach, wie deren Fürsprecher glauben machen wollen. Auch Wichmann warnt hier vor Pauschalierungen. Es komme immer darauf an, die Bereiche im Unternehmen zu identifizieren, wo Open Source bei niedrigeren Kosten höhere Flexibilität verspricht. Eines steht jedenfalls fest: Den Weg zum quelloffenen Unternehmen haben SMBs bereits beschritten, beendet haben sie ihn aber lange noch nicht.

Weitere Informationen:

Allgemein: www.berlecon.de („FLOSS – Free/Libre Open Source Software: Survey and Study“ = Überblicksstudie), www.mensinck.de (Übersicht zum Einsatz von Linux bei SMBs), www.sap.info, www.dwheeler.com/oss_fs_why.html (Zusammenfassung zahlreicher Studien zum Thema OSS).
Messen: www.linuxworldexpo.de, www.linuxworldexpo.com
Studien: www.cyber.com.au, www.idc.com, www.jupiterresearch.com, www.mcm.unisg.ch/im/studies, www.rfgonline.com, www.soreon.de
SAP AG: www.sap.com, www.sap.info (siehe den Fachartikel von Elspeth Wales: Mittelstand als Opfer des SCO-Linux-Konflikts?)

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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