Auf der Suche nach dem Weg

Feature | 22. März 2004 von admin 0

Open-Source-Software erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Spektakuläre Entscheidungen, wie sie zum Beispiel die Stadt München mit dem Bekenntnis zum Linux-Desktop gefällt hat, sind nur die medienwirksame Spitze des Eisbergs. Open Source ist in den meisten Unternehmen heute Realität; Produkte wie Linux, der Web-Server Apache oder die Datenbank MySQL gehören zur Standardausstattung der IT. Rund 44 Prozent aller deutschen Unternehmen und Organisationen nutzen laut dem 2002 erschienenen FLOSS-Report (Free/Libre Open Source Software) von Berlecon Research die Produkte der Community. In Großbritannien setzen 31,5 Prozent aller Organisationen auf Open Source, in Schweden sind es knapp 18 Prozent. Global gesehen interessieren sich Entwicklungs- und Schwellenländer besonders stark für freie Software. China verfolgt bereits seit längerem eine konsequente Open-Source-Strategie. Und auch die südafrikanische Regierung will verstärkt Open-Source-Produkte in den Amtsstuben sehen.

Frei, aber nicht gratis

Das grundlegende Merkmal von Open-Source-Software ist, dass der Quellcode eines Programms jedermann frei zugänglich ist und vor allem beliebig verändert werden darf. Um dieses Prinzip haben sich zahlreiche Unternehmens- und Lizenzmodelle entwickelt, die sich besonders mit Fragen der Nutzungsüberlassung befassen. Seit 1984, als der Gründer der Free Software Foundation Richard Stallman die GNU-Lizenz (GNU = GNU’s Not Unix) für das von ihm entwickelte freie Unix entwarf, haben sich zahllose Spielarten der Open-Source-Lizenzen gebildet. Allen jedoch ist eines gemein: “Frei” bei Free-Software meint nicht “Gratis”. Frei ist freie Software in dem Sinne, dass jeder Mensch prinzipiell Zugang zum Code hat. Die meisten Lizenzmodelle verbieten es nicht, die Produkte kommerziell zu nutzen und zu vertreiben, solange der Zugriff auf den Code frei bleibt. Erst jüngst sind diese Lizenzen in das öffentliche Interesse gerückt, als der Unix-Anbieter SCO der Linux-Community den Diebstahl geistigen Eigentums vorwarf und dabei auch die Rechtmäßigkeit der GNU GPL (GNU General Public Licence) anzweifelte.

Das Problem: Geld verdienen

Doch nicht nur der Streit zwischen den Linux-Anhängern und SCO, der sicher noch einige Zeit die Justiz beschäftigen wird, hat im Open-Source-Lager für Verunsicherung gesorgt. Auch die Übernahme der Nürnberger Linux-Schmiede SuSE AG durch Novell fachte die Diskussion um die Zukunft von Open-Source neu an. Die Frage ist, wie auf der Basis freier Software tragfähige Geschäftsmodelle entstehen können. Hatten die Open-Source-Anbieter der ersten Generation noch gehofft, allein mit Support-Angeboten ihren Finanzbedarf zu decken, kam in der letzten Zeit die Ernüchterung: Nur wenige Pionierfirmen scheinen auf lange Sicht lebensfähig, noch weniger erwirtschaften Gewinne. Doch ist gerade dieses für professionelle Anwender im Enterprise-Umfeld ein wichtiger Aspekt. Denn wie soll die Wartung eines Systems sichergestellt werden, wenn es den Anbieter nicht mehr gibt?

Heterogene Software-Welt

Prinzipiell ist das Modell offener Software-Entwicklung gegen solche Probleme gefeit, da der Code frei und öffentlich zugänglich ist. Aber auch in der Open-Source-Community haben Streitigkeiten zwischen Entwicklern oder einfach der Rückzug führender Köpfe aus einem Projekt für das frühe Ende spannender Entwicklungen gesorgt. Die Open-Source-Szene aber über einen Kamm zu scheren, wäre sicherlich falsch: Open-Source ist eine offene Gemeinschaft, deren Teilnehmer die unterschiedlichsten Beweggründe, Interessen und Ideologien mitbringen.
Im Wesentlichen müssen drei Varianten der quelloffenen Software-Entwicklung unterschieden werden, die langfristig funktionieren können.

  1. Industriegeförderte Entwicklung: Einer der prominentesten Vertreter dieser Richtung ist OpenOffice.org, der freie Ableger der Büro-Suite “StarOffice” von Sun Microsystems. Sun gab nicht nur den allergrößten Teil des notwendigen Codes in die Community, sondern führt auch einige der Entwickler auf seiner Gehaltsliste. Im Idealfall entsteht dabei eine Symbiose: Die Community erhält Zugang zu wichtigen Programmen, der Hersteller bekommt Weiterentwicklungen und Anregungen aus der Community.
  2. Non-Profit-Entwicklung: Überraschenderweise ist eines der erfolgreichsten Open-Source-Projekte explizit nicht auf kommerzielle Ziele aus. Die Apache Software Foundation und ihr gleichnamiger Web-Server sind ein Rückgrat des Internets. Apache ist mit deutlichem Abstand Marktführer. Die Stiftung finanziert sich über Spenden und durch die Vielzahl beteiligter Unternehmen. In solchen Projekten werden meist Grundlagentechnologien entwickelt.
  3. Open-Source-Unternehmen: Hier sind besonders die Linux-Distributoren bekannt geworden, wobei es nur wenigen gelang, Gewinne auszuweisen. Eines der rühmlichen Beispiele ist Red Hat. Erfolg versprechender scheinen da die Versuche, freie und proprietäre Produkte zu mischen. Diesen Weg geht unter anderem Ximian: Ein Kernprodukt ist Evolution, ein freier Klon von Microsoft Outlook. Für andere Software wie etwa den Ximian Connector, der Evolution-Clients mit Microsoft-Exchange-Servern verbindet, werden dagegen Lizenzgebühren fällig. Doch auch Ximian gehört inzwischen zu Novell.

Die zweite Generation

Einen ungewöhnlichen Weg, auch den merkantilen Anforderungen eines Unternehmens nachzukommen, hat der schwedische Datenbankhersteller MySQL AB eingeschlagen. Das Kernprodukt ist die Datenbank MySQL, die zu den populärsten Open-Source-Produkten zählt und besonders im Bereich von Web-Datenbanken eine feste Größe ist. Für den Enterprise-Markt hat MySQL zudem die Datenbank MaxDB im Portfolio, die als Fortführung der SAP DB in Zusammenarbeit mit SAP entwickelt wird. Neben dem Gratis-Download können bei MySQL alle Produkte auch in einer kommerziellen Lizenz erworben werden. Diese entbindet dann den Lizenznehmer von den Verpflichtungen der GNU GPL. (Zum Artikel über die MaxDB).
In der Community ist dieses Modell jedoch umstritten. Ein Vorwurf lautet, der Software-Hersteller würde die Kreativität und das Engagement der unentgeltlich arbeitenden Community-Mitglieder ausbeuten, um auf Basis dieser Anstrengungen Gewinne zu machen. Ein Vorwurf, den Mårten Mickos, CEO von MySQL AB, so nicht gelten lassen will: “Der weitaus größte Teil unserer Code-Basis wird bei MySQL von unseren Mitarbeitern entwickelt. Diese sind ganz normal bei uns angestellt.” Dieser Code gehe als Open-Source vollständig zurück in die Community, die vor allem durch ausgiebige Tests neuer Entwicklungen einen gewichtigen Beitrag leiste. Aus seiner Sicht trägt das duale Lizenzmodell den Anforderungen der Industrie und der ISVs (Independent Software Vendors) nach dem Schutz eigener Entwicklungen Rechnung und ermöglicht es gleichzeitig, dasselbe Produkt auch als Open-Source einem weiten Anwenderkreis zu öffnen. “Wir sind ein Open-Source-Unternehmen der zweiten Generation”, definiert Mickos die eigene Position.

Zustimmung und Ablehnung aus der Community

Während kommerzielle Ansätze bei Hardlinern auf Ablehnung stoßen, sehen andere Community-Mitglieder gerade darin einen Beitrag zur Zukunft der Open-Source-Bewegung. So zum Beispiel Robert Kaiser, Leiter des deutschsprachigen Lokalisierungsprojekts des Web-Browsers Mozilla. Der Student der Chemie und Physik und angehende Lehrer verbringt rund sechs bis acht Stunden pro Woche mit der Übersetzung der Mozilla-Oberfläche. Er engagiert sich in seiner Freizeit für das Projekt und hat kein Problem damit, wenn Unternehmen auch seine Arbeit in kommerzielle Produkte einfließen lassen: “Solange diese Firmen auch eigene Entwicklungen in die Produkte stecken, ist es aus meiner Sicht legitim. Es nutzt ja auch der Community, wenn dadurch neuer Code zurückfließt”, betont Kaiser. Wichtig sei allerdings, dass die kommerziellen Unternehmen den freiwilligen Entwicklern der Community mit Respekt begegnen und nicht die Open-Source-Gemeinschaft gefährden. Nach Kaisers Einschätzung hat das Engagement von Firmen in der Community in den letzten Jahren spürbar zugenommen.

Platz für viele Modelle

Für Open-Source hat die Zeit der Bewährung begonnen. Denn mit dem zunehmenden Einsatz freier Software in der Industrie ändern sich auch die Ansprüche der Anwender. Professionalität wird in steigendem Maße von allen Mitspielern der Open-Source-Welt gefordert sein. Hier scheint sich ein Teil der Community noch schwer zu tun, während ein anderer den Schulterschluss mit IT-Anbietern begrüßt. Glücklicherweise ist Open-Source ein so weites Feld, dass beide Ansichten auch weiterhin ihren Platz haben werden: Produkte wie MaxDB sind ohne das Engagement kommerzieller Unternehmen kaum realisierbar. Die zahlreichen Basisentwicklungen der Apache Software Foundation hingegen könnte ein IT-Hersteller schon aus wirtschaftlicher Sicht nur schwer alleine bewerkstelligen. Und schaut man auf komplexe Gebilde wie etwa den LAMP-Server, wird klar, dass die Stärke von Open-Source im Zusammenspiel aller Kräfte liegt: Erst die Kombination aus Linux, Apache, MySQL und der Script-Sprache PHP ergibt hier ein rundes Produkt. So vielfältig wie die Produkte und Beweggründe für ein Open-Source-Engagement sind, so viele Wege zum langfristigen Erfolg gibt es auch. Wer sich heute für den Einsatz freier Software im Enterprise-Umfeld interessiert, muss sich dessen bewusst sein.

Jan Schulze

Jan Schulze

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