Auf lange Sicht siegt die Enterprise Services Architecture

Feature | 9. Mai 2005 von admin 0

Hans Robert Hansen

Hans Robert Hansen

Ihr Lehr- und Forschungsgebiet sind Informationssysteme für das Marketing und den Handel. Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich auf diesen Gebieten?

Hansen: In den vergangenen zehn Jahren haben wir viele branchenspezifische Referenzmodelle für E-Commerce-Systeme entwickelt. Zum Beispiel haben wir uns in meinen Wirtschaftsinformatik-Seminaren immer eine Branche vorgenommen, gemeinsam mit einem führenden Unternehmen dieser Branche einen idealtypischen Webauftritt entwickelt und diesen mit den internen Informationssystemen des Unternehmens integriert. Hierbei ist beispielsweise 1994/95 der erste Webauftritt der Bank Austria entstanden, der größten österreichischen Bank. Wir haben seinerzeit auch eine Modellierungssprache für solche Webauftritte realisiert. Bei den Austrian Airlines haben wir an dem Online-Reservierungssystem mitgewirkt und ein Sicherheitskonzept erstellt. Auch mit der Konkurrenz, der Lufthansa Österreich, haben wir bei der Gestaltung des Web-Auftritts zusammengearbeitet. Ähnliche Web-Projekte, bei denen wir Forschung und Lehre integrieren, gibt es zu Dutzenden. Vielfach werden diese dann in Diplomarbeiten weitergeführt. Wir führen solche Praxisprojekte allerdings nur durch, wenn sie uns auch wissenschaftlich weiterbringen. Wir nutzen stets den Einzelfall, um Theorien und Rezepte für ähnlich gelagerte Fälle zu gewinnen.

Im Moment interessiert uns beispielsweise die Frage der Datenqualität. Es ist einfach und kostengünstig, über das Internet Kundendaten zu erheben – in vielen Fällen bleibt aber unklar, welche Qualität diese Daten haben. Deshalb ist es fragwürdig, solche Daten als Grundlage für Marketing-Maßnahmen zu verwenden. Durch empirische Erhebungen analysieren wir die wesentlichen Einflussfaktoren auf die Bereitschaft zur Weitergabe korrekter Daten, damit sich Unternehmen zweckentsprechend verhalten können.
Wenn ich von “wir” spreche meine ich unser Team von zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die unter meiner Leitung eng im Rahmen eines gemeinsam erarbeiteten E-Commerce-Forschungsprogramms zusammenarbeiten. Jedes Mitglied betreut sozusagen ein Modul – in puncto Datenqualität ist dies beispielsweise Horst Treiblmeier, ein hervorragender Nachwuchswissenschaftler. Weitere Forschungsfragen, an denen wir im Bereich E-Commerce arbeiten, sind die Markenpolitik im Internet, Produktindividualisierung mit Tool-Kits, Empfehlungssysteme, Preispolitik für digitale Güter, Verbesserung des Informationsflusses in der Distribution und Top-Managementunterstützung, etwa durch die Analyse der Kostenstrukturen im E-Commerce und die Entwicklung von Kennzahlensystemen.

Wo sehen Sie die Märkte der Zukunft für betriebswirtschaftliche Software?

Hansen: Die Welt ist groß, und eine Sättigung bei betriebswirtschaftlicher Standardsoftware sehe ich nicht. In Osteuropa und in weniger entwickelten Ländern des Fernen Ostens oder Südamerikas gibt es noch ein gewaltiges Wachstumspotenzial. In den Industrieländern, wo sich die großen Unternehmen bereits der neuesten Anwendungen bedienen, liegen die Hoffnungsmärkte einerseits bei den kleinen und mittleren Unternehmen und andererseits bei branchenspezifischen Lösungen. Die kleinen und mittleren Unternehmen sind von großem Interesse, weil für sie die leistungsfähigen, hoch integrierten Komplettpakete von Anbietern bisher einfach zu umfangreich, zu komplex und zu kostspielig waren. Das ändert sich nun mit der aktuellen Entwicklung, mächtige Systeme wie mySAP ERP oder die gesamte Business Suite von SAP herunterzubrechen und als Web Services anzubieten. Dies öffnet die neuen Märkte. Diesen Weg hat nicht nur SAP angekündigt, eigentlich ist die ganze Branche in diese Richtung unterwegs.

SAP treibt mit SAP NetWeaver und der Business-Process-Plattform diese Entwicklung voran. Wo liegen die Risiken?

Hansen: Das Problem ist, dass die Komplexität der Implementierung enorm wächst. Einerseits modelliert der Anwender seine Geschäftsprozesse, und auf der anderen Seite steht ihm eine Fülle von Bausteinen seines “Hauslieferanten”, von Dritten oder aus dem eigenen Haus zur Verfügung. Er kann die passenden Komponenten aussuchen und kombinieren. Das hört sich im ersten Moment gut an, doch werden der Funktionsumfang und die Datenstrukturen der Komponenten oft sehr verschieden sein. Wenn auf gleichartige Datenstrukturen geachtet wird, reduziert sich die Zahl der einsetzbaren Komponenten erheblich. Aufgrund der starken Marktstellung von SAP ist allerdings zu erwarten, dass sich kleinere Anbieter an die SAP-Standards anpassen werden. Die Enterprise Services Architektur ist also nicht nur von der IT-technischen Umsetzung, vom DV-Konzept, anspruchsvoll, sondern auch vom Fachkonzept, bei dem die betriebswirtschaftliche Problemstellung im Vordergrund steht. Bereits hier muss die Granularität geklärt sein. Ich meine aber, dass der Schritt in Richtung Enterprise Services Architektur richtig ist und bin froh, dass der Marktführer SAP hier der Schrittmacher ist. Stärker modularisierte Anwendungen “in Gemischtbauweise” mittels Web-Services stellen vorhandene Daten aus verschiedenen Informationssystemen den für Geschäftsprozesse verantwortlichen Mitarbeitern entsprechend ihrer jeweiligen Rolle und Aufgabenphase zur Verfügung. Sie bieten dem Anwender eine weitaus größere Flexibilität beim Entwurf und der Rekonfiguration von Geschäftsprozessen als bisher. Außerdem erleichtern sie die zwischenbetriebliche Zusammenarbeit von SAP-Anwendern, beispielsweise im Rahmen von Supply-Chain-Management-Systemen oder von Outsourcing.

SAP verfolgt die Strategie, möglichst bald auf eine Enterprise Services Architecture umzustellen. Wie rasch wird sich die neue Technologie durchsetzen?

Hansen: Ich persönlich gehe davon aus, dass es die relativ geschlossenen, großen, kompletten Lösungen noch auf Jahre hinaus gibt. Doch daneben werden bereits die stark modularisierten, auf Web-Services-Technologie basierenden Lösungen ihren Dienst tun. Die Umstellung ist ein schrittweiser Prozess, der sich mit dem Übergang von SAP R/2 zu SAP R/3 vergleichen lässt. Auch dieser Prozess hat Jahre gedauert und war keineswegs frei von Problemen. Zum Beispiel war anfangs bei manchen Anwendern die Laufzeiteffizienz von SAP R/3 ein Problem. Doch SAP hat diese Probleme gelöst, und genauso wird es auch im Falle der Web-Services-Technologie sein.

Sie haben früher bei der IBM Deutschland gearbeitet, sich dann aber für die wissenschaftliche Karriere entschieden. Die Gründer von SAP besaßen eine prägende Kraft, wie betriebswirtschaftliche Standardsoftware konstruiert und eingesetzt wird. Hat sie diese Praxis-Seite nicht gereizt?

Hansen: Ich habe mir mehrfach überlegt, wie beispielsweise mein Kollege August-Wilhelm Scheer ein eigenes Unternehmen zu gründen. Ich bin auch von größeren Unternehmen gefragt worden, ob ich nicht deren österreichische Niederlassung aufbauen möchte. Ich habe aber letztendlich immer abgelehnt, weil mich die wissenschaftliche Arbeit und Unabhängigkeit zu sehr gereizt hat. Ich bin trotzdem durch meine Praxisjahre geprägt. Im Grunde bewege ich mich in einem Dreieck aus wissenschaftlicher Neugierde, Interesse an der praktischen Umsetzung entwickelter Konzepte kombiniert mit internationaler Erfahrung. Diese Eigenschaften sollte eigentlich jeder Universitätslehrer aufweisen.

Ihr zusammen mit Ihrem Kollegen Gustaf Neumann verfasstes Lehrbuch “Wirtschaftsinformatik 1” ist “Pflichtlektüre” an über 50 Fachhochschulen und Universitäten im deutschsprachigen Raum. In dem Buch stellen Sie mySAP ERP quasi als Lehrbeispiel vor. Ist das selbstverständlich für ein Lehrbuch?

Hansen: Wir überlegen uns sehr genau, welche Konzepte und Produkte wir vorstellen. Die Studierenden sollten mit den gleichen Methoden und Werkzeugen konfrontiert werden, denen sie später im Berufsleben mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder begegnen. Das spricht für Produkte mit einem hohen Marktanteil. Zudem haben die Studierenden eine Verweildauer von vier bis fünf Jahren an der Universität. Was wir lehren, muss auch noch danach gültig sein. Deshalb dürfen wir nur zukunftsträchtige Produkte vorstellen. Auf der anderen Seite ist SAP ein Instrument, um moderne, IT-orientierte Betriebswirtschaftslehre zu lehren. Die Software steht – was die betriebswirtschaftlichen Methoden betrifft – dem aktuellen wissenschaftlichen Know-how in nichts nach. Dies zeigt auch, dass SAP interessiert verfolgt, was sich in der Forschung tut. Ich sehe in dieser Offenheit wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber eine der Stärken des Unternehmens.

Hans Robert Hansen ist Co-Autor des Lehrbuchs “Wirtschaftsinformatik 1”, das mit einer Auflage von 450.000 Exemplaren zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Lehrbüchern zählt, und sich gleichermaßen an Studierende und Fachkräfte in Unternehmen richtet. Das 2005 in neunter Auflage erschienene Buch informiert über betriebswirtschaftliche Informationssysteme, von Büroanwendungen über ERP-Lösungen bis zu E-Commerce und Lösungen zur Managementunterstützung. Nahezu jedes Kapitel endet mit einer Einschätzung der Marktlage und einer Zusammenstellung der gängigen Software-Produkte. Der zweite Band des Lehrbuchs, der im April 2005 erschienen ist, geht detaillierter auf die Informationstechnik ein. “Wirtschaftsinformatik 2” ist zugleich Lehrbuch und Nachschlagewerk für Hardware-Themen, System- und Entwicklungssoftware, Datenbanken, sowie Rechnernetze und verteilte Systeme.

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