Geschäft mit zwei Welten

Feature | 28. Januar 2011 von Daniel Hardt 0

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Augmented Reality macht vieles sichtbar – auch neue Geschäftspraktiken (Quelle: Youtube)

Augmented Reality (AR) heißt, virtuelle Objekte mit Hilfe verschiedener Geräte in die reale Umgebung zu projizieren. Seit mehr als 10 Jahren werden Verwendungsmöglichkeiten für unterschiedliche Branchen erforscht. Daten-Brillen sollen die Arbeit von Chirurgen wie Mechanikern erleichtern, mittels Monitor lassen sich Kleidungsstücke virtuell anprobieren oder Modelle betrachten, die noch in ihrer Verpackung schlummern. Bekannt wurde Augmented Reality, seit die ersten Anwendungen für Smartphones auf dem Markt sind.

Was AR auf iPhone & Co. für private Nutzer bereithält, wurde im Artikel „Augmented Reality: Schärfere Realität“ vorgestellt. Damit nicht genug: Der Nutzen zeigt sich ebenso in den Bereichen Fertigung und Produktion, Medizin, Marketing sowie beim Verkauf. Zudem spendiert SAP seiner Gratis-App BusinessObjects Explorer eine AR-Erweiterung – den Augmented Explorer –, die Daten mit der Umgebung des Anwenders verknüpft.

Im folgendem stellen wir Ihnen AR aus diesen Bereichen vor:

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Augmented Explorer für BusinessObjects Explorer

Augemented Explorer im Einsatz (Foto: Timo Elliott)

Augmented Explorer im Einsatz (Foto: Timo Elliott)

SAP BusinessObjects Augmented Explorer

Der Augmented Explorer ist als Funktion der Gratis-App BusinessObjects Explorer (BOE) konzipiert. In der aktuellen Version der App sind BOE und SAP BusinessObjects BI onDemand zusammengelegt und beinhalten den Prototyp des Augmented Explorers. Grundsätzlich werden für die App Datensätze über die BI onDemand-Plattform hochgeladen , um mittels BI-Funktionen analysiert zu werden.

Mit dem Augmented Explorer können nun zusätzlich Geodaten zu sogenannten Points of Interest (POIs) bezogen werden. Daten können damit etwa anhand von Zweigstellen eines Unternehmens kategorisiert werden. Da iPad und iPhone die Position des Anwenders übermitteln, kann diese in Bezug zu den POIs gesetzt werden. So lassen sich beispielsweise nicht nur die Verkaufszahlen der einzelnen Büros feststellen, sondern gleichzeitig, wie weit die Standorte entfernt sind.

Wird die AR-Ansicht aufgerufen, werden Infos in Form von Icons über die von der Handy-Kamera wiedergegebene Umgebung gelegt. Diese Ansicht ist dem iPhone vorbehalten, da das aktuelle iPad über keine Kamera verfügt.

So funktionierts (Foto: Timo Elliott)

So funktioniert der Augmented Explorer (Foto: Timo Elliott)

Ziel des Augmented Explorer ist es, BI-Funktionen komfortabler und vielseitiger einzusetzen. Wie dies aussehen kann, zeigt auch ein Video des BusinessObjects-Experten Timo Elliott anhand einer Vorversion.

Der Augmented Explorer existiert in der Prototyp-Version für iPad, iPhone 4 und iPhone 3GS und kann hier zum Test runtergeladen werden – eine kostenlose Registrierung im SAP Community Network (SNC) vorausgesetzt.  Auch Datensätze zum Ausprobieren der Funktionen werden angeboten. Der Einsatz in einer produktiven Umgebung ist momentan nicht vorgesehen.

Lesen Sie zu den Themen BusinessObjects Explorer und BI onDemand auch:

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Digital verkaufen

Digital verkaufen

(Quelle: Youtube)

Kaufhaus im Wohnzimmer: e-Commerce mit AR (Quelle: Youtube)

AR gibt Kunden Eindrücke von Produkten, ohne dass diese in materieller Form vorliegen müssen. Der Vorteil für Produzenten und besonders Webshops liegt auf der Hand: Mehr und einfach zu beziehende Informationen für Kunden steigern den Absatz, die Rücklaufquote sinkt, der Gewinn steigt. Eine Web-Cam am heimischen Rechner oder ein gut platzierter Monitor im Geschäft reichen aus.

Selbst Dienstleister könnten davon profitieren: Kunden sind probierfreudiger, wenn sich der neue Haarschnitt simulieren lässt, ohne eine Strähne abzuschneiden.

Der Spielzeughersteller LEGO hat das Prinzip in die Praxis umgesetzt. In verschiedenen Geschäften stehen Vorschaumonitore inkl. Kamera, die ein dreidimensionales Abbild des Modells einblendet, sobald die Verpackung davor gehalten wird. Das Bild ist frei drehbar und teilweise animiert.

Für Webshops wird der Absatz von Kleidung und Kosmetik vereinfacht. Mit der App „Webcam Social Shopper“ der US-Firma Zugara, erfolgt die Anprobe vorm eigenen Rechner. Jeder Artikel besitzt einen Code, der das jeweilige Kleidungsstück auf den Bildschirm bringt. Die Menüs können per Handbewegung gesteuert werden.

CScout aus Japan hat einen „Video Cosmetic Mirror“ entwickelt. Damit können verschiedenste Schminkvarianten ausprobiert werden. Zum Vergleich zeigt der Monitor das gescannte, ungeschminkte Gesicht auf der einen, das geschminkte auf der anderen Seite.

Auch Uhren-Hersteller Tissot präsentiert seine Kollektion virtuell. Benötigt wird dafür ein sogenannter Marker – hier ein spezielles Armband in Form einer Uhr – welches am Handgelenk befestigt wird. Die Software erkennt anhand des Bandes, wohin die Uhr projiziert werden muss. Der Anwender sieht sich auf dem Bildschirm seines PCs oder Smartphones und kann verschiedene Modelle testen. Gebräuchliche Marker sind vor allem Codes, die den bekannten QR-Codes ähneln.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Marketing mit AR

(Quelle: Youtube)

Wissen was drin ist: Shop-Kamera für Lego-Baukästen (Quelle: Youtube)

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Augmented Reality lässt Lena Meyer-Landrut sprechen (Quelle: Youtube)

Marketing mit AR

AR ist wie für das Marketing geschaffen: eine moderne, innovative Technologie die Aufmerksamkeit erregt und oftmals einen spielerischen Zugang erlaubt. Rücken Marken oder Produkte in die Nähe von AR, profitieren sie vom modernen Image und werden selbst Teil der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die spielerische Gestaltung tut ihr übriges, um den Anreiz zum Ausprobieren zu schaffen. Zudem nutzen zahlreiche Kampagnen den viralen Effekt durch die Verbreitung über Social Media. Hier einige Beispiele für Marketing mit AR:

  • Süddeutsche: Die Süddeutsche hat eine Ausgabe ihrer wöchentlichen Beilage – das SZ-Magazin – auf AR getrimmt. Wer den AR-Browser Junaio auf dem Smartphone hat, erlebt zusätzliche Inhalte, welche dem „normalen“ Leser verborgen bleiben. Bei der bekannten Foto-Reihe „Sagen Sie jetzt nichts“ erscheinen nun Sprechblasen über den einzelnen Bildern, Grafiken werden zu 3D-Animationen.
  • Esquire: Auch das US-Magazin Esquire hat eine Ausgabe mit AR-Effekten gespickt. Wer die App runterlädt, sieht z. B. einen animierten und sprechenden Robert Downey Jr. Dafür muss nur der quadratische Code auf der Titelseite an die Kamera des PCs oder Smartphones gehalten werden. AR bringt Printprodukte so näher ans digitale Geschehen und könnte sich zu einem bedeutsamen Verkaufsargument entwickeln.
  • BMW: Für die erste offizielle Präsentation des neuen Mini Cabrio setzte BMW auf AR. Wer die Anzeige auf der Rückseite eines Automagazins vor den Bildschirm hält, sieht das Mini Cabrio in seiner digitalen, dreidimensionalen Pracht.
  • Nestle: Die mit einem Code versehene Verpackung der Frühstücksflocken wird zu einem animierten Hindernis-Parcours, durch den eine Kugel manövriert werden will. Die Steuerung erfolgt durch Drehen und Neigen der Verpackunng.
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    3D-Modell des Mini Cabrios (Quelle: Youtube)

  • Audi: Der erste Auto-Kalender ohne Autos wurde für Audi entworfen. Jedes Kalenderblatt zeigt eine fahrzeugfreie Landschaft, bis das Smartphone die Produkte der Ingolstädter auf den Plan ruft.
  • H&M: Das schwedische Bekleidungsunternehmen bot New Yorker iPhone-Besitzern, welche die App GoldRun installiert haben, eine Rabattaktion. Wer die virtuellen Objekte in der Nähe der Filialen fotografierte, erhielt 10% Rabatt und nahm zudem an der Verlosung einer Reise teil.
  • iButterfly: Millionen digitaler Schmetterlinge ließ die Werbeagentur Dentsu in Japan los. Mit dem iPhone eingefangen, wurden sie gesammelt oder als Coupons für verschiedene ortsbezogene Produkte und Dienstleistungen eingesetzt.
  • Visitenkarten: Das Unternehmen Genuine Interactive entwickelt eine neue Form der Business Card: mit einem Code auf der Rückseite versehen, gibt diese weit mehr als Name und Anschrift preis. Über ein eigenes 3D-Abbild inklusive Sprachausgabe ist eine bessere Präsentation möglich als durch die bloße Entscheidung „Visitenkarte in Elfenbein oder doch lieber Eierschale?”
    Lesen Sie auf der nächsten Seite: Fertigung und Konstruktion

    Eine ausdrucksstarke Visitenkarte macht Eindruck (Quelle: Youtube)

    Ausdrucksstarke Visitenkarten machen Eindruck (Quelle: Youtube)

    Keine Fehlgriffe dank virtueller Reparatur-Hilfe (Quelle: Youtube)

    Keine Fehlgriffe dank virtueller Reparatur-Hilfe (Quelle: Youtube)

    Fertigung & Konstruktion

    Das Motto bei Fertigung und Konstruktion lautet „Daten vor Ort“. Augmented Reality bringt Daten dorthin, wo sie im Arbeitsprozess benötigt werden, etwa vors Auge des Mechanikers. Im Maschinenbau tut sich vor allem die Automobilbranche bei Entwicklung und Einsatz von Augmented Reality hervor.

    Zukunftsträchtig erscheint der Gebrauch von Head-Mounted Displays (HMDs), häufig auch einfach Daten-Brille genannt. Über die implementierten Monitore zeigen virtuelle Objekte dem Anwender, welcher Schritt als nächstes zu tun ist und erleichtern damit den Arbeitsprozess.

    So kann bspw. im Motorblock farblich hervorgehoben werden, wo der nächste Handgriff zu verrichten ist. Die nötigen Daten aus dem System des Unternehmens werden über Blue-Tooth oder ein Gerät direkt am Körper an die Daten-Brille übermittelt. Ebenfalls existieren stationäre oder am Arbeitsgerät befestigte Monitore als Alternativen zum HMD.

    Die Herausforderung für einen produktiven Einsatz der Technologie liegt im sogenannten Tracking, d. h. der Abgleichung zwischen realer Umgebung und projizierten Objekten. Erfolgt keine exakte Einblendung der Objekte hinsichtlich Größe und Position, sind Verzerrungen die Folge, die den Ablauf behindern statt beschleunigen.

    Die Technik ist jedoch nicht nur für die Automobil-Branche interessant, sondern könnte auch in den Bereichen Luftfahrt, Krankenhäuser, Katastrophenschutz und Transport hilfreich sein. Teilweise kommt sie dort schon zum Einsatz.

    Beispiel eines Head-Mounted Displays (Quelle: Youtube)

    Beispiel eines Head-Mounted Displays (Quelle: Youtube)

    Hier einige Beispiele aus der Automobil-Industrie:

    SAP/Daimler: Zusammen mit Daimler und weiteren Unternehmen sowie der Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) erprobt SAP den Einsatz von SiWear. Getestet wird das Gerät im Bereich Kommissionierung. Kommissionierer sind dafür zuständig, Mechanikern Teile für die Montage zur Verfügung zu stellen – ein kompliziertes Unterfangen auf Grund der Varianten-Vielfalt.

    Mit SiWear wird über das HMD mitgeteilt, welche Teile benötigt werden und wo sich diese im Lager befinden. Dazu werden die jeweiligen Schubladen markiert und hervorgehoben. Die Daten werden aus dem (SAP-)System an eine Box übertragen, die am Körper befestigt und mit dem HMD verbunden ist. Da der Gebrauch einer gedruckten Liste entfällt, hat der Kommissionierer zudem beide Hände frei. Schauen Sie sich dazu auch das Video von SAP TV “SiWear erleichtert die Autoproduktion” oder lesen Sie den Artikel aus der Spectrum-Beitrag “Augmented Reality: Vision Possible” an.

    BMW: Für das manuelle Bolzenschweißen im Prototypenbau setzt BMW auf AR und verringerte den Zeitaufwand um 75%.  Vorher mussten die Positionen in Form gedruckter Listen aus dem CAD-System entnommen und die Bolzen manuell positioniert und verschweißt werden. Nun besitzen Schweißpistole und Eingabestation einen zusätzlichen Monitor, die Messdaten werden über einen Visualisierungsrechner direkt über den Kabelstrang der Pistole weitergeleitet. Die Erfassung der Schweißpunkte erfolgt durch eine optisches, berührungsloses Tracking-System.

    Zudem testet BMW eine Daten-Brille, über welche die einzelnen Arbeitsschritte bei der Reparatur eines Motors angezeigt werden.

    Audi: Audi verwendet einen Prototyp zur Visualisierung – genannt Unifeye Prototyping – um Designelemente an einem existierenden Modell zu testen. Hierzu wird ein Marker an die Felge angebracht, der vom optischen Tracking-System erkannt wird. Anschließend können verschiedene Felgenvarianten, die mit dem CAD-System erstellt werden, über den Marker gelegt werden.

    Lesen Sie auf der nächsten Seite: Medizin

    VRmagic: Operation am virtuellen Auge (Quelle: Youtube)

    VRmagic: Operation am virtuellen Auge (Quelle: Youtube)

    Medizin

    Für die Ausbildung von Medizinern wird in Teilen bereits auf Augmented Reality zurückgegriffen. Die Firma VRmagic bietet Simulatoren zur Ausbildung in Augenheilkunde an. Mit einem HMD ausgestattet, versucht sich der Proband an einem dreidimensionalen Augenmodell. Eine umfangreiche Fall-Datenbank simuliert zahlreiche Szenarien und Krankheitsbilder.

    Da Präzision in der Chirurgie das A und O ist, wurde AR bis dato noch nicht während einer Operation eingesetzt. Hier bedarf es noch weitergehender Forschung, um die Genauigkeit der Tracking-Systeme zu erhöhen und die Fehlerwahrscheinlichkeit auf ein Minimum zu reduzieren. Das momentan naheliegende Ziel ist, eine bessere Hand-Auge-Koordination zu erreichen.

    Aktuell sind Kameras an Operationsgeräten montiert, deren Aufnahmen der Chirurg auf einem Monitor sieht. Dafür muss jedoch der Blick vom Patienten abgewandt werden, wodurch die Arbeit unterbrochen  wird. In Zukunft werden Daten, die aus Ultraschall, Kernspintomographien und anderen Untersuchungen gewonnen wurden, direkt am Körper des Patienten visualisiert. Der Operierende blickt dann stets auf den Patienten und steigert die Präzision des Eingriffs. Neben HMDs sind AR-Projektoren eine Option, welche Visualisierungen für ein ganzes Ärzte-Team vornehmen könnten.

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