Aus einem Guss

Feature | 3. Mai 2004 von admin 0

Dampferzeuger von APB

Dampferzeuger von APB

Alstom Power Boiler (APB) plant, baut und vertreibt Kraftwerksanlagen und Komponenten zur Stromerzeugung für die Industrie und Energieversorgung. Die unterschiedlichen Sparten des Unternehmens sowie einzelne Geschäftsprozesse, wie Produktentwicklung, Montage und Abrechnung, sind auf mehrere Tochterfirmen an unterschiedlichen Standorten in Deutschland verteilt. Zudem arbeitet Alstom Power Boiler mit externen Dienstleistern zusammen, beim Bau einer Großanlage im Ausland sind auch Partnerfirmen vor Ort in den Produktionsprozess eingebunden.
Bei einer solchen Unternehmensorganisation kommt es auf durchgängig konsistente Informationen an, damit die Zusammenarbeit über Firmengrenzen hinweg reibungslos funktioniert. Für Alstom Power Boiler ein Ansatzpunkt, die bestehende IT-Landschaft zu harmonisieren, die aus SAP R/2 für das Rechnungswesen sowie aus verschiedenen Eigenentwicklungen für Engineering und Logistik bestand. Die Wartung der zahlreichen Schnittstellen war entsprechend aufwändig, gleichzeitig erforderten Monatsabschlüsse viel manuelle Nacharbeit und gesonderte Abfragen. Aufgrund der fehlenden Integration mussten Daten teilweise mehrfach erfasst werden.

Eine einheitliche Datenbasis für alle Standorte

Abhilfe versprach sich das Unternehmen von einer einheitlichen IT-Umgebung auf der Grundlage von SAP R/3. Ziel des Projekts war eine gemeinsame Datenbasis für alle Funktionsbereiche, die transparente und optimierte Abläufe ermöglichen sowie die Durchlaufzeiten verkürzen würde. Das bedeutete, sämtliche Standorte und Buchungskreise im Rechnungswesen von SAP R/2 auf SAP R/3 umzustellen und das langjährige Logistiksystem EVAS, eine Eigenentwicklung des Unternehmens mit Großrechner-Architektur, durch eine integrierte SAP-Anwendung abzulösen.

Funktionaler Umfang der SAP-Lösung bei APB

Funktionaler Umfang der SAP-Lösung bei APB

Gleichzeitig sollte eine integrierte EDM/PDM-Lösung (Engineering Data Management/Product Data Management) die Engineering-Dokumentation des Anlagenbauers unterstützen. Am Standort Stuttgart mussten darüber hinaus bestehende Eigenentwicklungen, mit denen Alstom Power Boiler den Schriftverkehr verwaltet sowie die Transport- und die Baustellen-Logistik verfolgt, an die neue IT-Umgebung angebunden werden.

Umstellung ohne Ausfallzeiten

Damit das Tagesgeschäft möglichst ungestört weiterlaufen konnte, ging Alstom Power Boiler das Projekt in drei Ausbaustufen an. In der ersten Stufe migrierte das Unternehmen die Daten im Rechnungswesen von SAP R/2 nach SAP R/3. Zuvor mussten die bestehenden Buchungskreise in SAP R/2 für die Debitoren- und Kreditorenbuchhaltung an allen Standorten und bei allen Tochterfirmen vereinheitlicht werden. Die Daten selbst wurden während der Osterfeiertage 2002 nach SAP R/3 übertragen.
Um gleichzeitig die Beschaffung über die neue Lösung zu realisieren und mit Daten aus der bisherigen Logistikanwendung EVAS zu versorgen, wurde das Altsystem übergangsweise über Schnittstellen angebunden. Dieses stufenweise Vorgehen verminderte die Risiken, die eine komplette Umstellung in einem Zug gehabt hätte. Denn wegen des zeitkritischen Projektgeschäfts hätte EVAS dann in wenigen Tagen für rund 300 Ingenieure abgelöst werden müssen. Dazu waren weder auf Seiten der Berater noch der Key User die notwendigen Kapazitäten vorhanden. Für den Einkauf bedeutete das schrittweise Vorgehen allerdings, etwa ein Jahr lang in zwei Systemen zu arbeiten. In der Übergangszeit erleichterte es ein spezieller Report den Einkäufern und kaufmännischen Projektleitern, ihre Beschaffungsvorgänge im Alt- und Neusystem zu verfolgen. Per Doppelklick konnten sie entweder in die SAP-Bestellung oder in eine entsprechende Anzeige der “Altbestellung” aus EVAS verzweigen.

Große Dokumentenmengen im Griff

In der zweiten Projektstufe von Sommer 2002 bis Juli 2003 ging es darum, die Prozesse in den Bereichen Projektmanagement und Engineering sowie die komplette Beschaffungslogistik in SAP R/3 abzubilden. Hierfür implementierte Alstom Power Boiler zum einen die Logistikfunktionen für Materialstamm und Stückliste sowie das Projektsystem (PS) mit dem Cross-Application Timesheet (CATS), Kalkulation, Kapazitätsplanung, Rückmeldung von Ingenieurstunden, Materialbeschaffung, Kosten- und Terminverfolgung. In Kürze kann das Unternehmen über das in PS integrierte Claim-Management Abweichungen im Projektgeschäft effektiver steuern als bisher.
Außerdem unterstützt das Product Lifecycle Management (PLM) von SAP die komplexen Engineering-Aufgaben. Dazu gehört vor allem das Verwalten der großen Dokumentenmengen, die im Anlagenbau anfallen. Bei Alstom Power Boiler kommt erschwerend hinzu, dass die Engineering-Dokumente nicht nur im eigenen Haus erstellt, sondern auch von externen Dienstleistern zugeliefert und in verschiedenen CAD-Systemen (Computer Aided Design) entwickelt werden. Das Dokumenten Management System (DMS) im PLM verwaltet die unterschiedlichen Formate, indem es aus den Originalen der Engineering-Lösungen neutrale Formate wie TIFF und PDF erzeugt und automatisiert im elektronischen Archiv ablegt. Gleiches geschieht mit SAP-Stücklisten: Jede freigegebene Stückliste wird, zum Teil auch mehrsprachig, als PDF-Dokument im Archiv abgelegt. Dokumente aus Office-Anwendungen wie EXCEL oder WORD sind ebenfalls als revisionierfähige Dokumenteninfosätze im DMS archiviert. Alstom Power Boiler implementierte darüber hinaus ein leistungsfähiges Ein- und Ausgabe-Management, sowie Funktionalität für den Dokumentenaustausch mit externen Partnern.

Spezielle Funktionalität für Stücklisten und Kapazitätsplanung

Ergänzend zum SAP-Standard entwickelte das Projektteam eine Reihe von Zusatzprogrammen, um spezielle Anforderungen des Anlagenbauers abzubilden. So ist etwa die Revisionsfähigkeit einer Stückliste als Dokument durch die Kombination von SAP-Standardfunktionen und zusätzlich programmierten Kundenfeldern, etwa die logistische Zuordnung zum Projekt Struktur Plan (PSP) und Netzplan, realisiert. Diese auf Alstom Power Boiler zugeschnittene Funktionalität zeigt auf, welche einem Fertigungs- oder Montage-Unternehmen überstellten Stücklisten zu einem bestimmten Projektstand gültig sind und welche Normen und Spezifikationen der Materialien erfüllt sein sollen.
Eine weitere Zusatzprogrammierung erleichtert die Kapazitätsplanung von Alstom Power Boiler. Sie basiert auf den SAP-Objekten im Projektsystem “Kostenstelle”, “Arbeitsplatz”, “Mitarbeiter” sowie “Projekt” und ermöglicht Auswertungen in Form von Listen oder Grafiken. Das Programm zeigt einem Kostenstellenleiter unter anderem an, inwieweit die aktuelle Planung von der ursprünglichen abweicht oder wie stark die Kapazität seiner Kostenstelle ausgelastet ist. Auf einer der Projektplantafel nachempfundenen “Kapazitäts-Plantafel” kann er zudem die Stundenbedarfe aller laufenden Projekte über Monate hinweg übersichtlich auf seine Kostenstelle verteilen.

Zügiges Upgrade auf SAP R/3 Enterprise

Im Oktober 2003 begann die dritte Ausbaustufe des SAP-Projekts, die bis Mitte 2004 abgeschlossen sein soll. Dabei geht es in erster Linie darum, die Schnittstellen mit der bestehende Anwendung ADAMS, die die Lieferverfolgung sowie die Transport- und Baustellen-Logistik steuert, sowie mit der Auftragskalkulation und dem Claim-Management zu optimieren. Gleichzeitig werden die Geschäftsprozesse kontinuierlich verbessert und an veränderte Rahmenbedingungen angepasst.
Ende Februar 2004, nach einem Upgrade-Prozess von nur zwei Monaten, ging das Unternehmen mit SAP R/3 Enterprise produktiv. Dabei erwies es sich als Vorteil, dass viele der Zusatzprogrammierungen in SAP R/3 4.6C über User-Exits an die Lösung angebunden sind und so bei einem Releasewechsel keinen Mehraufwand verursachen. Darüber hinaus waren die Mitarbeiter, die diese Programme ursprünglich entwickelt hatten, auch beim Upgrade mit an Bord.

Internationaler Rollout geplant

Derzeit arbeiten etwa 450 Mitarbeiter in Deutschland mit der integrierten SAP-Unternehmenslösung. Sie macht die Abwicklung komplexer Anlagenprojekte sicherer und transparenter. Alstom Power Boiler kann die Kosten, das Material sowie die Termine besser überwachen und steuern. Die Integration verschiedener Anwendungen auf einer Plattform vermeidet Übertragungsfehler – sämtliche Daten sind vollständig und konsistent.
Von diesen Vorteilen verspricht sich Alstom Power Boiler, seine Position im internationalen Wettbewerb zu verbessern. Weitere Töchter des Alstom-Konzerns mit vergleichbarem Geschäft sind daher an der Lösung interessiert. Die Implementierung bei der französischen Schwesterfirma Alstom Power Boiler in Vélizy ist derzeit bereits auf dem Genehmigungsweg.

Oliver Wiegand

Oliver Wiegand

Dr. Bernd F. Müller

Dr. Bernd F. Müller

Rainer Leibfritz

Rainer Leibfritz

Hannelore Poike

Hannelore Poike

Dr. Karl Erlmann

Dr. Karl Erlmann

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