Auto-ID: Forschen und Standardisieren steht ganz oben

Feature | 29. September 2003 von admin 0

RFID-Systeme, wie sie im Future Store der Metro in Rheinberg oder bei Wal-Mart in Broken Arrow, Oklahoma, betrieben werden, haben jüngst in den Medien für Furore gesorgt. Nett, dass sich mit diesen Systemen der Lagerbestand überwachen und das Einkaufen erleichtern lässt. Doch das wahre Potenzial der Technologie geht bei den Einzelhändlern weit über den puren Kundenkomfort hinaus. Mit RFID sparen Einzelhändler, Hersteller und Transportunternehmen Milliarden, besagen Forschungsergebnisse. Grund hierfür sind optimierte Lieferprozesse in den Warenhäusern und Lagern: Die Lagerbestände werden schneller umgeschlagen und auch die Verweildauer der Produkte in den Regalen der Supermärkte sinkt.
Automatische Identifizierungs-Systeme (Auto-ID) bestehen aus einer Kombination von RFID-Technologie und standardisierten elektronischen Produkt-Codes (EPC), erläutert Jeff Smith, bei Accenture für Einzelhandel und Konsumgüter zuständig. Accenture ist Mitglied bei EPCglobal, Inc., einer nicht-kommerziellen Gruppe, die die geschäftlichen und technischen Standards für die neuen Systeme entwickelt und überwacht. Durch die Accenture Technology Labs in Chicago, Palo Alto und im französischen Sophia Antipolis ist Accenture eine der führenden Institutionen bei der Erforschung von Auto-ID-Systemen. “In den vergangenen zwei bis zweieinhalb Jahren hat Accenture ausgelotet, wie Unternehmen von intelligenten Anwendungen und kommerziell verwendeter RFID-Technologie geschäftlich profitieren”, so Smith. Unternehmen wie Wal-Mart wollen damit Produktivität und Gewinn erheblich steigern.

Mr. Smith, was genau verbirgt sich hinter dem Namen EPCglobal, Inc.?

Smith: EPCglobal befasst sich genau genommen nicht mit neuen Technologien oder Ideen. Seit Jahrzehnten nutzen Unternehmen oder öffentliche Verwaltungen Barcodes für die automatisierte optische Identifizierung von Gegenständen. Neu ist, dass die RFID-Technologie große Fortschritte gemacht hat. Die RFID-Chips verfügen jetzt über reichlich Speicherkapazität, sind kleiner und billiger. Diese Entwicklung war der eigentliche Stein des Anstoßes. Bis hierhin war das Massachusetts Institute of Technology (MIT) federführend für die wissenschaftliche Arbeit. Die geänderten physikalischen Gegebenheiten jedoch rückten kommerzielle Anwendungen in greifbare Nähe. Dazu mussten Investoren, Produkte und Dienstleistungen gefunden werden. Erst dann wäre die RFID-Technologie richtig mit Leben gefüllt. So kam EPCglobal, Inc. ins Spiel, eine Non-Profit-Organisation, der sich mittlerweile führende Technologie- und Forschungseinrichtungen in aller Welt sowie etwa 90 Unternehmen angeschlossen haben.

Warum befürwortet EPCglobal, Inc. einheitliche Standards?

Smith: In Lagerhäusern für Lebensmittel und bei Herstellern abgepackter Ware findet die RFID-Technologie schon seit Jahrzehnten Anwendung, beispielsweise um Gabelstapler zu dirigieren. Bislang jedoch bestand keine Verbindung mit Computer-Netzwerken, die die Information über den Standort eines Gegenstands untereinander austauschen konnten. Ist nun der Gegenstand mit einem RFID-Chip versehen, findet zum einen jeder im Betrieb, der diese Information braucht, dessen Standort heraus. Zum anderen haben Unternehmen und öffentliche Verwaltungen im vergangenen Jahrzehnt eine enorme Vielfalt an Software-Programmen, wie etwa zum Enterprise Resource Planning (ERP) oder dem Supply Chain Management (SCM), eingeführt oder Zugang zum Internet oder dem drahtlosen Internet geschaffen. Diese Gesamtinfrastruktur hat der RFID-Technologie völlig neue Perspektiven eröffnet. Nun ist es notwendig, einen Gegenstand eindeutig zu klassifizieren und die Informationen in Echtzeit verfügbar zu machen. Eine eindeutige “Namensgebung” ist jedoch nur möglich, wenn dafür ein Standard definiert ist.

Eine Untersuchung von Accenture hat ergeben, dass bis 2008 ein Nischenmarkt im Volumen von sieben Milliarden US-Dollar entstehen wird. Welche Unternehmen werden diese Einnahmen erzielen?

Smith: Da wären zum einen die Hersteller der RFID-Chips und der zugehörigen Lesegeräte. Gilette beispielsweise bestellt für eine einzige Produktnummer rund 500 Millionen RFID-Chips. Insgesamt wird das jährliche Volumen auf eine halbe Billion Chips hochgerechnet. Selbst wenn jeder Chip nur einen Cent kostet, steckt dahinter bei den riesigen Verkaufszahlen noch ein Geschäft.

Was die Lesegeräte für die RFID-Chips betrifft, so liegt der Fall etwas anders. An die Lesegeräte werden zwei Anforderungen gestellt. Erstens sollten sie jeden mit einem Auto-ID-System kompatiblen RFID-Chip lesen können. Zweitens sollten sie empfänglich für alle fünf Frequenzen des gegenwärtigen Auto-ID-Standards sein. Gegenwärtig gibt es kein solches Produkt. Die Hersteller von Lesegeräten werden daher einen ziemlichen Sprung nach vorn machen müssen. Angenommen, ein solches Lesegerät kostet dann 100 US-Dollar. Zwar werden naturgemäß die Verkaufszahlen nicht so hoch sein, wie bei den Chips selbst, dennoch handelt es sich auch bei der Hardware um einen Markt in Milliardenhöhe.
Als Drittes wären da die Datenspeicher. Die Lesegeräte und die RFID-Chips werden einen enormen Nachrichtenverkehr erzeugen, der wiederum Speicherplatz benötigt. Hier wird es auch für die Software-Hersteller interessant. Rund 98 Prozent aller von den RFID-Chips und Lesegeräten generierten Nachrichten sind unwichtig. Wichtig sind nur die zwei Nachrichten aus hundert, die mitteilen, dass die Zahnpastatube aus dem Regal genommen und dass sie an der Kasse regulär bezahlt wurde. Was die Tube während ihrer Zeit im Regal und während ihrer Wanderung im Einkaufskorb des Kunden gesendet hat, erhöht lediglich die Datenmenge.
Aus diesem Grund ist eine Software nötig, die intelligent genug ist, den Nachrichtenverkehr zu filtern. Die MIT-Wissenschaftler haben zu diesem Zweck die Software “Savant” geschrieben. Das Programm richtet sich nach Vorgaben des jeweiligen Unternehmens und sortiert die vom Auto-ID-System erzeugten Nachrichten. Anbieter von betriebswirtschaftlicher Software wie SAP werden diese Art von Filter-Software mit in ihre Produkte integrieren müssen. Die zusätzliche Funktionalität wiederum erzeugt zusätzliche Einnahmequellen, denn wer Auto-ID-Systeme “gefiltert” nutzen will, muss seine Software auch entsprechend anpassen.

Was ist bei Wal-Mart bezüglich Auto-ID der aktuelle Stand der Dinge?

Smith: Wal-Mart hat mitgeteilt, dass seine hundert wichtigsten Lieferanten ab dem 1. Januar 2005 Behälter und Paletten mit RFID-Chips ausrüsten müssen. Meiner persönlichen Meinung nach wird jeder, der sich diesen Bedingungen nicht anschließt, Nachteile haben, da Wal-Mart wirtschaftliche Sanktionen verhängen wird. Ab 2006 sollen dann sogar alle Lieferanten von Wal-Mart dem Auto-ID-System angeschlossen sein.

Welche Vorteile verspricht sich Wal-Mart von diesem Schritt, und wie können andere Unternehmen von Auto-ID profitieren?

Smith: Wal-Mart profitiert im operationellen und im finanziellen Bereich. Bernstein & Co. haben die Einführung des Auto-ID-Systems durch Wal-Mart auf die wirtschaftlichen Auswirkungen hin untersucht. Der Gewinn pro Aktie wird bei dem Einzelhandelsunternehmen um 40 Prozent steigen, so die Analysten, da sich der Zugriff auf akkurate Informationen über den Lagerbestand verbessert hat. Im Bereich Konsumgüter gibt es im Großhandel und bei den Herstellern überflüssige Lagerbestände im Wert von 100 Milliarden US-Dollar – allein in den USA. Diese überflüssigen Warenbestände verschwinden, wenn man über den Ort und die Beschaffenheit des gesamten Lagerbestandes an jedem Platz in der Lieferkette genau Bescheid weiß. Accenture hat in 20 Unternehmen Informationen erhoben und ist zu dem Schluss gekommen, dass sich die Leistung der Lieferkette und die Freisetzung von Betriebskapital um 25 bis 40 Prozent erhöhen ließe. In höherwertigen Kategorien könnte die Kapitalbindung sogar noch stärker gesenkt werden. Produkte wie frisches Brot werden in sieben Tagen umgesetzt. Diesen Zyklus um mehr als einen Tag zu verkürzen ist schwierig. Bei Fernsehgeräten oder PCs sieht die Welt ganz anders aus. Hier ist Spielraum im Verkaufszyklus – wird dieser verkürzt, wirkt sich das schnell positiv auf die Einnahmen aus. Wal-Mart erhöht seine Performance weil die Waren rascher umgeschlagen werden und sich die Lagerbestände erheblich reduzieren.

In diesem Zusammenhang kann man auch seine Phantasie etwas spielen lassen. Angenommen Supermarktketten bringen ihre Lieferanten mit Hilfe von Auto-ID-Systemen dazu, eine Art Lagerhaltung auf Kommissionsbasis einzurichten. Das Eigentumsrecht an einem Produkt würde dann solange nicht vom Hersteller auf den Supermarkt übergehen, bis der Artikel an der Kasse an den Verbraucher verkauft ist. Der Cash-Flow eines Unternehmens würde dadurch steigen. Wenn ein Unternehmen Artikel erst dann bezahlt, wenn es das Geld des Verbrauchers tatsächlich in Händen hält, würden mit einem Schlag Lagerbestände in Milliardenhöhe aus den Bilanzen verschwinden. Heute bezahlt beispielsweise Wal-Mart seine Lieferanten in der Regel innerhalb von 45 Tagen. Nach dem Kommissionsmodell würde daraus plötzlich eine Frist von sieben Tagen. Man muss sich nur den Wert einer solchen Cash-Flow-Steigerung vorstellen. Am Ende könnte eine Win-Win-Situation stehen, in der schlicht an allen Enden der Lieferkette Kosten verschwinden.

Sarah Z. Sleeper

Sarah Z. Sleeper

Leave a Reply