Globalisierung im Mittelstand

2. November 2011 von Iris Nagel-Martin 0

Entscheidungen, die nur vom Schreibtisch aus getroffen werden, sind nicht Gerhard Denks Sache. Egal, in welchem Land der CIO der Bühler Motoren GmbH gerade im Einsatz ist, er nimmt sich die Zeit, durch die Fabrikhallen zu laufen und mit den Mitarbeitern zu reden. „Wer weiß, wo der Schuh drückt, kann aufkommende Probleme rechtzeitig aus dem Weg räumen“, weiß der erfahrene Manager. Dabei geht es nicht nur um schnöde IT, vor allem Mitarbeiterführung ist gefragt. Die Mitarbeiter müssen bei so einem Projekt motiviert und mitgenommen werden – es lohnt sich, zu zu hören.“

Wahrscheinlich ist es gerade diese gelungene Mischung aus Kompetenz, Menschlichkeit und Überzeugungskraft, mit der Denk einfach den Funken überspringen lässt. So ist es der Erfolg von ihm und seinem Team, dass der SAP-Rollout bei Bühler weltweit einheitlich durchgeführt wurde. Das Ergebnis: Heute können in allen Bühler-Standorten weltweit, alle 1.600 Mitarbeiter denselben Prozess in derselben Software verfolgen.

Dabei wurde im Oktober 2008 in Deutschland in den Werken in Monheim und Nürnberg sowie in Tschechien parallel mit der Implementierung gestartet. In Tschechien deshalb, weil dieses Werk ca. 40 Prozent seiner Produktion als interner Zulieferer an den Bühler-Standort Monheim liefert. Ziel war ein gleichzeitiges Go live. Dazu legte das Management zunächst die strategischen Ziele der Bühler Gruppe fest: Welches Businessmodell sollte global aufgebaut werden? Welche Ergebnisse sollten im Finanzcontrolling erreicht werden, wie die Unternehmen global eingebunden sein, wie das globale Berichtswesen aussehen?

Bühler produziert unter anderem für Crysler, General Motors und VW. (Foto: Bühler GmbH)

Bühler produziert unter anderem für Crysler, General Motors und VW. (Foto: Bühler GmbH)

Die SAP-Software sichert die Produktionskette. (Foto: Bühler GmbH)

Die SAP-Software sichert die Produktionskette. (Foto: Bühler GmbH)

Auch Key User gaben ihren Input

Zusammen mit einer Unternehmensberatung wurden nacheinander die Faktorenanalyse, die Prozessanforderungsanalyse sowie die Prozessabstimmung des Prozessmodells ausgearbeitet und gemeinsam mit den wichtigsten Key Usern – 14 davon in der Tschechei, 22 in Deutschland – in einem Workshop verfeinert. Schnell war klar, dass man im SAP-Standard bleiben will. Angesichts des Produktportfolios, das Motoren, Getriebemotoren oder Wasserpumpen umfasst, entschied sich Bühler für die Branchenlösung it.automotive supplier. Diese Lösung entwickelte der SAP-Partner itelligence auf Basis von SAP Business-All-in-One für die Industrie der Automobilzulieferer.

„So nahe am Standard zu bleiben bringt viele Vorteile“, hebt Denk hervor, „besonders wenn man global aufgestellt ist.“ So kann das Familienunternehmen mit 150 Jahren Tradition seine Kunden damit hervorragend bedienen und sichert zugleich seine Wettbewerbsfähigkeit. Ein wichtiger Aspekt, denn das Gros des Umsatzes wird zwar in der EU generiert, vor allem in Deutschland. Aber auch General Motors, Ford oder Chrysler in den USA bauen Bühler-Teile ein. An VW liefert Bühler direkt.

„Neue Releases können wir ohne größere Aufwände einspielen“, erläutert Denk. Besonders freut er sich über die Kostenersparnis im Änderungsdienst. Viele Schnittstellen bedeuten für ein Unternehmen hohe Kosten. Weniger Schnittstellen bringen nicht nur eine Ersparnis, sie erlauben auch einen einfacheren und schnelleren Überblick – was ergo mehr Transparenz schafft.

Die SAP-Standard-Lösung bietet Bühler außerdem integrierte Prozesse über Abteilungsgrenzen hinweg. Ein weiterer Pluspunkt, denkt der CIO an die heterogene IT-Landschaft zuvor. Dabei ist es heute möglich, die Historie der Teilenummer vom CAD, Produktdatenmanagement-System über das SAP-System hinweg global zu verfolgen. „Das ist nur möglich, weil alle Set-Ups, alle Prozesse, alle Kostenstellenpläne, alle Kostenrechnungspläne, das gesamte Accounting global ausgerichtet einheitlich definiert wurden, und das vor dem ersten SAP-Projekt in Deutschland/Tschechien“, ist sich Denk sicher. Ein kritischer Punkt, ist es gerade in globalen Unternehmen mehr die Regel als die Ausnahme, dass vor Ort eben doch eigene, sprich: andere Prozesse bestehen. „Außer den gesetzlich notwendigen Länderspezifika wurden keine eigenständigen Prozesse in anderen Werken zugelassen.“ Nach der Entscheidung habe es keine Diskussionen mehr gegeben, bekräftigt der CIO. Auch das Budget war straff gesteuert. So forderten Denk und seine Kollegen von den Teammitgliedern eine hohe Verantwortlichkeit, in dem diese alle zwei Wochen über die Zeitpläne und finanzielle Situation berichten mussten. Diese feste Struktur erlaubte im Gegensatz freie Hand bei der Umsetzung. Die Geschäftsführung und die Kollegen im Management unterstützten das selbstständige Vorgehen durch ihren CIO.

Bühler-Werk in Tschechien. (Foto: Bühler GmbH)

Bühler-Werk in Tschechien. (Foto: Bühler GmbH)

Auch in mexiko gibt es eine Filiale. (Foto: Bühler GmbH)

Auch in mexiko gibt es eine Filiale. (Foto: Bühler GmbH)

Ein Golive folgt dem nächsten

Das Vertrauen hat sich ausgezahlt. Vom Management bis zum Lagerarbeiter sind von der SAP-Lösung alle begeistert. Die Geschäftsführung kann beispielsweise täglich ihre Umsätze oder Ergebnisse einsehen auf globaler Ebene. In Lager, Einkauf und Produktion ist der größte Vorteil das beleglose Arbeiten: von Bestellanforderung über Genehmigungsverfahren bis zum Einkauf sind die Abläufe elektronisch. Seit der Einführung über sämtliche Standorte hinweg im Januar 2011 können die Mitarbeiter in Vertrieb, Materialwirtschaft, Qualitätsmanagement, Produktdatenmanagement, HR, Workflows, Finanzmanagement, Controlling und Rechnungswesen mit SAP arbeiten. Aktuell wird die Instandhaltung ergänzt. Hierfür wird der Golive in Deutschland Ende 2011 sein, danach wird weltweit ausgerollt. Weltweit heißt: neben der EU können dann auch die Mitarbeiter in China (mit Büros in Peking und Hongkong sowie der Produktion in Zhuhai), Mitarbeiter in Mexiko mit dem Produktionsstandort Chihuahua sowie Mitarbeiter im amerikanischen Büro in North Carolina, wo Rechnungswesen, Vertrieb, Einkauf, Finanzwesen und Engeeniering (Research, Pre-Engeneering für Sales) auf die SAP-Lösung zugreifen. Das amerikanische Büro bildet zusammen mit Mexiko eine Einheit.

Ein kühler Kopf im heißen Mexiko

Mexiko ist auch der Ort, an dem IT-Chef momentan einen Großteil seiner Zeit verbringt. In Chihuahua betreibt Bühler eine Produktionsstätte, in der mittlerweile 400 Mitarbeiter tätig sind, Tendenz steigend. Die Probleme in der nordamerikanischen Provinzhauptstadt sind oft nicht nur IT-lastig. „Die Herausforderung an diesem Standort besteht im schnellen Wachstum des Personalstamms“, erzählt Denk. Seine regelmäßigen Besuche haben ihm zudem Respekt bei den Einheimischen verschafft.

Eines aber eint das Unternehmen: Von Mittelamerika bis Asien sind die Mitarbeiter begeistert von der Software. Keiner möchte zum alten System zurück, egal ob es sich um Kollegen aus Logistik, Einkauf oder Finanzen handelt. Kein Wunder, haben doch alle denselben Blick auf dieselbe Maske. „Taucht ein Problem auf, lässt sich der Grund hierfür schnell finden: Ich kann mich durchklicken und nachschauen, wo die Unregelmäßigkeit herkommt“, begeistert sich Denk.

Pläne für die SAP-Zukunft hat der CIO schon in der Schublade. Sie betreffen vor allem eine SAP-Portal-Lösung sowie eine verbesserte Lieferantenanbindung dank SAP CRM und SAP SRM. In der zukünftigen Lösung sollen die vor Projektstart notwendigen Informationen gesammelt und gepflegt werden; damit lassen sich Vergleiche über die Performance der Zulieferer vor entsprechenden Entscheidungen anstellen. Zwar ist Denk momentan noch in andere Projekte involviert, doch nimmt er die Ausführung erstmal in Angriff, „wird es auch in zwölf Monaten umgesetzt“. Darauf dürfen sich die Mitarbeiter dann schon mal freuen.

Bühler-Fabrik in China (Foto: Bühler GmbH)

Bühler-Fabrik in China (Foto: Bühler GmbH)

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