B2B-Marktplätze erwarten Zunahme bei Transaktionen und Erträgen

Feature | 26. Mai 2003 von admin 0

Während des Internet-Booms wurde der Handel zwischen Unternehmen als die große Aufgabe des Web herausgestellt. Virtuelle Marktplätze für jede erdenkliche Nische, von Autozubehör bis hin zu Chemikalien, schossen damals wie Pilze aus dem Boden. Die zugrunde liegende Idee war in der Tat denkbar einfach. Über das Internet sollten die Einkaufs- und Verkaufsabteilungen von Unternehmen in aller Welt miteinander verbunden werden. Webbasierte Beschaffungsprozesse, Verhandlungen und Transaktionen versprachen, Zeit- und Geld zu sparen. Doch mit dem Ende der New Economy verschwanden auch eine Menge Dotcom-Unternehmen von der Bildfläche – und damit bis Ende 2002 auch etwa 45 Prozent der B2B-Marktplätze. Damit sind aber die restlichen 55 Prozent noch im Geschäft – und einige von ihnen stehen alles andere als schlecht da. Bei diesen Marktplätzen sei mit einer Zunahme der Erträge und Transaktionen zu rechnen, erklärt Steve Butler, Analyst beim Forschungsunternehmen eMarketer. Seiner Prognose nach werden die Erträge im E-Commerce bis Ende 2003 satte 1,4 Billionen Dollar erreicht haben. Bis 2004 soll die Zahl sogar auf 2,37 Billionen Dollar ansteigen.
Welche Faktoren entscheiden bei anhaltender Wirtschaftsflaute über Erfolg oder Misserfolg eines elektronischen B2B-Marktplatzes? Hinschauen, rät Butler. In mindestens fünf Branchen sei ein Vorzeigemarktplatz zu finden – namentlich Exostar in der Rüstungs- und Raumfahrtindustrie, Covisint in der Automobilindustrie, GlobalNetXchange (GNX) im Einzelhandel, Quadrem in der Metall- und Bergbauindustrie und E2Open im Bereich Unterhaltungselektronik. Diesen so genannten vertikalen Marktplätzen seien bestimmte Merkmale gemeinsam, die ihren Erfolg sichern.

Branchen-Unterstützung erhöht die Überlebenschance

Elektronische B2B-Marktplätze, die von mehreren Unternehmen einer bestimmten Branche unterstützt werden, haben laut Butler die größten Überlebenschancen. So hat Exostar beispielsweise renommierte Unternehmen wie BAE Systems, Boeing, Lockheed Martin, Raytheon und Rolls-Royce als Gründungspartner. Auch wenn diese Unternehmen im Kampf um Aufträge Wettbewerber sind: Von den gemeinsamen Investitionen in den Marktplatz profitieren alle. Lediglich 21 Prozent aller Marktplätze mit Unterstützung der zugehörigen Branche sind seit 2001 Pleite gegangen, rechnet Butler vor und stützt sich dabei auf Zahlenmaterial der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton. Ein Schnitt, der deutlich unterhalb der Fehlerquote der übrigen Marktplatzanbieter liegt.
Doch klingende Namen sind längst nicht alles. Die Überlebensfähigkeit eines Marktplatzes hängt auch stark von der Qualität der verwendeten Technologie ab, unterstreicht Butler. Marktplätze wie Exostar feilen andauernd an den Anwendungen, mit denen sich die Beschaffung, das Supply Chain Management oder andere Aufgabenstellungen erledigen lassen. So hat Exostar im vergangenen Jahr den Release der fünften Version der Beschaffungssoftware um einige Monate verschoben anstatt die Lösung zu präsentieren, bevor sie ausgereift war. Erst im Februar war es dann so weit. “Exostar und andere vertikale Marktplätze legen mehr Wert auf Qualität denn auf pure Schnelligkeit”, betont Butler. Im Kontrast dazu bieten andere Marktplätze zwar einen schnellen Zugang, dafür aber wenig Integration.

Schlüsselfunktionen sind Grundvoraussetzung

Einige Marktplätze verfügen über eine Technologie, mit der Handelspartner und Zulieferer gemeinsam am Produktdesign arbeiten können. “Anstatt die Mitarbeiter um die Welt fliegen zu lassen, damit sie sich mit Ingenieuren und Produktdesignern treffen, können sich die Marktplatzbenutzer über ein zentrales Netzwerk online treffen, Projektideen austauschen und Updates versenden”, nennt Butler ein Beispiel. Andere Anbieter, darunter GNX für den Großhandel, bieten CPFR-Funktionen – auch das ein Beispiel innovativer Technologie, deren sich führende Marktplatzanbieter bedienen können.
Für Butler sind darüber hinaus Auktionsfunktionalitäten unabdingbar für den Erfolg eines Marktplatzes. Anfangs hätten sich die vertikalen Marktplätze oftmals den Vorwurf gefallen lassen müssen, sie seien “nur” bessere Online-Auktionshäuser. Kritiker und Analysten haben jedoch inzwischen eingesehen, dass Online-Auktionen Sinn machen. Denn: Sie holen die Käufer mit ins Boot – lebenswichtig für die Investoren, die für den Erhalt des Marktplatzes auf einen schnellen Return-on-Investment angewiesen waren. Exostar beispielsweise zählt mittlerweile rund 13.000 Handelspartner, die in 1450 Online-Auktionen für einen Umsatz von 2,2 Milliarden Dollar gesorgt haben.

Die nächste Runde: EDI via Internet

Viele dieser Käufer werden nach Ansicht Butlers auch in der nächsten Runde der elektronischen Marktplätzen dabei bleiben. Dazu zählt die Migration auf webbasierte EDI-Systeme. Einige der vertikalen Marktplätze bieten, so Butler, grundsätzlich eine Alternative zum traditionellen EDI-System an. Beim webbasierten EDI lassen sich Auktionen über einen Zeitraum von sechs Monaten, einem Jahr oder länger ausführen. Wichtig ist, dass alle Dokumente, die in diesem Zusammenhang anfallen, online ausgetauscht werden. Das damit für die Käufer verbundene Potenzial, Kosten und Zeit zu sparen, ist enorm.
Als Vorbild für die Migration der traditionellen EDI-Technologie zum webbasierten EDI dienen die Systeme, die bei Wal-Mart Verwendung finden. Die weltweit größte Einzelhandelskette kauft Waren im Wert von etwa 180 Milliarden Dollar ein. Im September 2002 kündigte Wal-Mart an, alle Zulieferer würden innerhalb eines Jahres auf webbasiertes EDI umgestellt. Die führenden Betreiber von E-Marktplätzen machen es der erfolgreichen Handelskette nach, unterstreicht Butler. Im Jahr 2002 hätten die Marktplätze internetbasierte Plattformen getestet. 2003 und 2004, prognostiziert Butler, werden sie auf breiter Basis Anwendung finden: “Das größte Wachstum ergibt sich durch die Migration vom traditionellen EDI auf webbasiertes EDI”.

Hauptbestandteile sind Integrationsschichten wie SAP NetWeaver

Butlers Highlights

Butlers Highlights

Quadrem, der Marktplatz für die Metall- und Bergbauindustrie, arbeitet an der Entwicklung einer ausgeklügelten EDI-Plattform. Unterstützt von vier der weltgrößten Metall- und Bergbauunternehmen, verwendet er mySAP Marketplace und andere Lösungen, um den 2624 Handelspartnern, die über 2,1 Millionen Einzelprodukte online kaufen und verkaufen, den elektronischen Handel zu ermöglichen. Das System steht Partnern zur Verfügung, die webbasiertes oder traditionelles EDI verwenden.
Anfang des Jahres 2003 begannen die Anbieter von B2B-Marktplätzen, ihren Fokus auf die Integration von Legacy-Systemen in Web-Anwendungen zu verschieben. Zu diesem Zeitpunkt brachte SAP eine erweiterte Version des mySAP Marketplace auf den Markt und stellte mit dem SAP NetWeaver eine Integrationsschicht für verstreute Unternehmensanwendungen vor. Darüber hinaus verfügt SAP mit den xApps (cross applications) über webfähige Anwendungen, mit denen sich vorgefertigte Geschäftsprozesse via Internet abwickeln lassen. All diese Produkte basieren auf Internet-Standards wie HTTP und XML. Sie lassen sich daher als Hauptbestandteil eines webbasierten EDI integrieren. Die SAP Exchange Infrastructure und das SAP Enterprise Portal runden das Angebot von SAP bezüglich elektronischer Marktplätze ab. “Viele Unternehmen möchten ihre externen Geschäftsbeziehungen in das SAP-System integrieren”, sagt Butler. Marktplatzteilnehmer werden versuchen, ihre internen ERP-Systeme und andere Lösungen im Unternehmen durch das webbasierte EDI zu verbessern. SAP-Kunden werden dabei mit passenden Werkzeugen unterstützt.
Einige Branchen, räumt Butler ein, seien trotz der für elektronische B2B-Marktplätze viel versprechenden Prognosen zurückhaltend. So etwa die Verbrauchsgüterindustrie oder die Landwirtschaft. Die Vertreter dieser Wirtschaftszweige haben nur kleine Gewinnspannen – daher sehen sie in B2B-Marktplätzen eher unnötige Ausgaben als Gewinnchancen. Ein klarer Unterschied zu den Befürwortern: Für sie sind Technologie im Allgemeinen und elektronische B2B-Marktplätze im Besonderen ein enormer Wettbewerbsvorteil. Er hilft ihnen, den Absatz zu steigern und das Wachstum ihrer Branche voranzutreiben.

Sarah Z. Sleeper

Sarah Z. Sleeper

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