Bergs Tipps für Merkel

1. März 2013 von Heather McIlvaine 0

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SAP.info: Neben Ihren Aufgaben bei SAP haben Sie im vergangenen Jahr auch als Berater für Kanzlerin Angela Merkel gearbeitet und als Experte in einer Arbeitsgruppe zum Thema Nachhaltigkeit mitgewirkt. Wie kam es dazu?

Christian Berg: Bundeskanzlerin Merkel hat verschiedene Experten um Stellungnahmen gebeten, welche Position Deutschland bei Fragen einnehmen soll, die die Zukunft unseres Landes betreffen. In diesem Zukunftsdialog ging es unter anderem darum, wie wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren in der Weltwirtschaft innovativ und wettbewerbsfähig bleiben und den Wohlstand und sozialen Zusammenhalt angesichts geänderter Bedingungen sichern können. Ich habe die Arbeitsgruppe „Nachhaltiges Wirtschaften und Wachstum“ geleitet und dabei rund eineinhalb Jahre mit sechs anderen Nachhaltigkeitsexperten zusammengearbeitet. Wir haben der Kanzlerin unsere Vorschläge im letzten Jahr unterbreitet.

Weshalb hat man Sie ausgewählt, diese Arbeitsgruppe zu leiten, die letztlich die Nachhaltigkeitspolitik Deutschland maßgeblich mitgestaltet?

Ich habe im Jahr 2009 auch schon die letzte Regierung zu diesem Thema beraten, damals jedoch in meiner Funktion als Mitbegründer des Think Tank 30, einer Gruppe junger Deutscher um die 30, die durch ihre Forschung und Arbeit in verschiedenen Branchen Einfluss auf die nationale Debatte um die langfristige Politik des Landes nehmen möchten. Das Netzwerk ist unter dem Dach des Club of Rome entstanden, dem ich ebenfalls angehöre. Das Thema Nachhaltigkeit hat mich schon immer interessiert. Wie können wir den Bedürfnissen der heutigen Generation gerecht werden, ohne dadurch die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu beeinträchtigen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen? Welche Geschäftsmodelle sind hierfür geeignet, und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Technologie? Durch meine Position als Chief Sustainability Architect bei SAP Services verfüge ich nun über besseren Einblick in die geschäftlichen Aspekte der Nachhaltigkeit. Ich weiß inzwischen genauer, wo die Herausforderungen für Unternehmen liegen und wie ihre Kunden über das Thema denken. Als ich in der Arbeitsgruppe der Bundesregierung mitgewirkt habe, war es jedoch stets klar, dass ich meine persönliche Meinung zum Ausdruck bringe und nicht im Namen der SAP spreche.

Welche Vorschläge für nachhaltiges Wirtschaften und Wachstum hat Ihre Arbeitsgruppe der Kanzlerin schließlich unterbreitet?

Wir haben Maßnahmen in drei unterschiedlichen Bereichen vorgeschlagen. Ein Bereich ist der Markt: Hier geht es darum, die richtigen Rahmenbedingungen für mehr Nachhaltigkeit in den Unternehmen zu schaffen. Eine Maßnahme besteht beispielsweise im Abbau von umweltschädlichen Subventionen. Zugleich müssen Bereiche wie erneuerbare Energien stärker subventioniert werden. Letztlich müssen die Dinge, die die langfristige Nachhaltigkeit behindern, teurer werden. Hierfür eignet sich beispielsweise ein Steuermodell, bei dem nicht die Arbeit besteuert wird, sondern der Verbrauch von Energie und Ressourcen. Für Unternehmen könnte dieses Modell sogar kostenneutral sein.

Der zweite Bereich, in dem wir Vorschläge unterbreitet haben, bezieht sich auf die deutsche Politik. Unter anderem haben wir vorgeschlagen, Nachhaltigkeit als Verfassungsprinzip in unserem Grundgesetz zu verankern. Da sich politische Maßnahmen meist auf einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren zwischen zwei Wahlen erstrecken, hätte das zur Folge, dass das Thema auch langfristig im Blick der politischen Akteure bleibt. Ein weiterer Vorschlag bestand darin, das Thema mit unserer Marke „Made in Germany“ zu verknüpfen. Die Menschen verbinden in Deutschland gefertigte Produkte mit Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Langlebigkeit. Diese Eigenschaften sind auch eng mit den Eigenschaften verbunden, durch die sich Nachhaltigkeit auszeichnet.

Der dritte Bereich, in dem wir Maßnahmen vorgeschlagen haben, zielt darauf ab, die Verbraucher und die Gesellschaft zu nachhaltigerem Verhalten zu motivieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: 20 Vorschläge für Angela Merkel

Sind die Verbraucher von heute bereit, beim Kauf auf Nachhaltigkeit zu achten?

Ja, und zwar immer mehr. Besonders umweltbewusste Verbraucher werden als LOHAS bezeichnet, was für „Lifestyle of Health and Sustainability“ steht – also für einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil. In einigen Märkten gehören bis zu 15 % aller Verbraucher dieser Gruppe an. Die Verbraucher sind also durchaus bereit, nachhaltige Produkte zu kaufen, doch das ist nicht immer eine leichte Aufgabe. So gibt es in Deutschland 400 unterschiedliche Produktkennzeichnungen. Ein Produkt kann also als Bioprodukt gekennzeichnet sein, doch weiß man als Verbraucher dann noch lange nicht, ob bei der Herstellung Kinderarbeit zum Einsatz kam, ob die Produktionsprozesse energieeffizient waren oder wie das Produkt am Ende entsorgt wird. Ein anderes Produktlabel bescheinigt dem Hersteller wiederum die Einhaltung von Arbeitsstandards in seiner Lieferkette, doch wie sieht es mit dem ökologischen Fußabdruck des Produkts aus? Das Ganze ist ein buntes Durcheinander. Wir möchten ein Metalabel für Produkte einführen, mit deren Hilfe sich der Verbraucher auf einen Blick über alle relevanten Aspekte informieren kann: von den verwendeten Rohstoffen über die erzeugten CO2-Emissionen und den Wasserverbrauch bis hin zu sozialen Aspekten wie Arbeitsstandards. Diesen Vorschlag haben wir auch Frau Merkel unterbreitet, und die Idee hat ihr gefallen.

Wie sehen nach Abschluss der Vorschlagsphase die nächsten Schritte aus?

Frau Merkel hat bereits an dem Tag, an dem wir ihr unsere Vorschläge unterbreitet haben, konkrete Schritte für rund 20 unserer Vorschläge eingeleitet. Bei den meisten Vorschlägen können wir jedoch nicht erwarten, dass die Regierung schon bald Entscheidungen trifft. Das Ziel bestand nicht darin, Ergebnisse zu erzielen, die sofortige Maßnahmen ermöglichen. Unsere Vorschläge werden vielmehr nun von den zuständigen Bundesbehörden geprüft. Und das wird natürlich eine gewisse Zeit dauern. Ein konkreter Schritt wurde jedoch bereits unternommen. Frau Merkel hat mit der zuständigen Ministerin, Ilse Aigner vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, über die Idee eines Metalabels für Produkte gesprochen. Das Ministerium arbeitet nun an der Umsetzung des Konzepts eines Metalabels. Und das gibt Anlass zur Hoffnung.

Weiterführende Links:

Ergebnisbericht

 

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