Big Data für die Galerie

Feature | 28. November 2013 von Nicolas A. Zeitler 0

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Bild: dcore

Ohne, dass es uns groß interessiert, hinterlassen wir täglich Spuren im Netz. Dass sich andere sehr wohl dafür interessieren, ist spätestens bekannt, seit jeder etwas mit den drei Buchstaben NSA anfangen kann. Dass Tweets und Posts auch Künstler inspirieren, hat jetzt die Schau „Big Data Art“ in München gezeigt. Mal ähneln die ausgestellten Visualisierungen von Big Data einem verästelten Geflecht von Blutgefäßen, mal zeichnen sie wie Lichter in der Nacht die Silhouette von Manhattan nach. Gegenübergestellt waren die Visualisierungen Kunstwerken, die im weitesten Sinne die digitale Welt und unseren Umgang mit ihr thematisieren.

Was macht Technologie mit uns? Gibt es in der digitalen Welt ein Recht auf Vergessenwerden? Den Betrachter mit derlei Fragen zu konfrontieren, war Ziel der Ausstellung. So hat etwa der „Big Data Congress“ des 1982 geborenen Münchner Malers Tom Schulhauser auf den ersten Blick nichts mit Datensammlungen im Internet zu tun: ein Ensemble von neun unterschiedlich großen Ölgemälden von Personen, darunter Elvis Presley in einem weißen Anzug mit Schlaghose, ein Mann im Hitzeschutzanzug und ein zusammengekauert am Boden Liegender. Der Bezug erschließt sich beim zweiten Hinsehen und wenn man die Arbeitsweise von Schulhauser kennt. Seine Motive findet er über die Suche im Internet. Die Anordnung der verschieden großen Leinwände von „Big Data Congress“ ähnelt der Ergebnisanzeige einer Bildersuche bei Google. Zeigen will der Künstler die Wahllosigkeit bei der Internetnutzung. Statt auf einem Bild zu verweilen, schweife der Blick des Betrachters von einem Gemälde zum nächsten.

Big Data Art: Datenströme visualisiert

Dem gegenüber haben die Darstellungen von Datenströmen eigentlich gar keinen künstlerischen Anspruch, wie die beiden Kuratorinnen von der Münchner Galerie Munikat betonen. Sie sind reine Visualisierungen, von dem Beratungsunternehmen d.core mit Software erstellt, wie sie in ähnlicher Form auch zum Darstellen von Gensequenzen zum Einsatz kommt. Als sogenannter Giclée-Druck mit Tintenstrahldruckern auf Leinwand aufgebracht oder zum Teil in LED-Leuchtkästen veranschaulichen sie zum Beispiel die mobile Nutzung des Kurznachrichtendienstes Whatsapp in einem bestimmten Zeitraum oder die mit Geoinformationen versehenen auf Flickr hochgeladenen Bilder in vier Städten. Unsere Bildergalerie zeigt die ausgestellten Datenvisualisierungen und erklärt, was sich aus ihnen lesen lässt.

Erklärungen zu den einzelnen Bildern:

  1. Mobile Carpet: Whatsapp und Facebook
  2. European Travel Patterns: Geocodierte Tweets
  3. Big Data Congress: Analogie zur Google-Bildersuche
  4. Medusa: Netzwerk von Facebook-Freunden
  5. See something or say something: Flickr und Twitter
  6. Flickr-Seasons: Jahreszeiten und Farbspektrum
  7. Edward Snowden: Heiliger oder Verräter
  8. Abstract 447: Datenspuren neu sortiert
  9. Just Coffee: Kaffeetrinken per Tweet mitteilen
Mobile Carpet (Bild: dcore)

Mobile Carpet (Bild: dcore)

Mobile Carpet: Die Grafik zeigt einen knappen Monat mobile Nutzung von Whatsapp (rot) und Facebook (blau). Erhoben hat die Daten das auf solche Auswertungen spezialisierte Unternehmen Arbitron Mobile (jetzt: Nielsen Radio). Jeder Punkt steht für die Nutzung einer der beiden Apps durch einen der Studienteilnehmer in einem 60-Minuten-Zeitraum. Der Zeitverlauf ist auf der x-Achse von links nach rechts dargestellt, von oben nach unten haben die Marktforscher die Studienteilnehmer automatisch nach ihrer Nutzungsintensität von „Heavy Users“ zu „Light Users“ sortiert. Für die Visualisierung hat d.core eine Big-Data-Software eingesetzt, die auf Algorithmen der Gensequenzierung beruht.

 

European Travel Patterns (Bild: dcore)

European Travel Patterns (Bild: dcore)

European Travel Patterns:  Zwischen zwei und zehn Prozent der Tweets enthalten Informationen darüber, von wo die Nachricht verschickt wurde. Der Daten-Visualisierer Eric Fischer hat für diese Darstellung 750.000 zufällig ausgewählte Tweets mit Geoinformationen von Reisenden zu einem Bild verdichtet. Es stellt die Hauptrouten dar und zeigt, wo Reisende twittern. Zeitliche und räumliche Entfernung ergeben sich jeweils dadurch, dass von einem Nutzer zwei aufeinander folgende Nachrichten ausgewertet werden. Ob die abgebildeten Routen realistisch sind, zweifelt Fischer in einem Kommentar auf seinem Flickr-Profil allerdings selbst an. Er zeigt sich überrascht von der überdurchschnittlich starken Twitter-Nutzung in England und den Niederlanden. Ausgelesen hat er die Daten nach eigenen Angaben über die Twitter-Streaming-API.

Die Zufälligkeit einer Bildersuche bei Google

Big Data Congress (Bild: Tom Schulhauser)

Big Data Congress (Bild: Tom Schulhauser)

Big Data Congress von Tom Schulhauser: Die Hauptpersonen seiner Malerei findet der Münchner Künstler Tom Schulhauser, indem er im Internet nach Oberbegriffen sucht. Aus den Ergebnissen filtert er die Motive seiner Arbeit heraus. Die Art, wie er die einzelnen Bilder anordnet, erinnert an die Ergebnisanzeige einer Bildersuche bei Google – die den Betrachter zum Weiterwischen wie auf einem Tablet oder Smartphone verleitet. Tom Schulhauser will damit die Wahllosigkeit beim Surfen im Internet verdeutlichen. Statt länger auf einem einzelnen Bild zu verweilen, lässt der Betrachter seinen Blick von Motiv zu Motiv gleiten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das Netzwerke der Facebook-Freunde als Qualle

Medusa (Bild: dcore)

Medusa (Bild: dcore)

Medusa: Das Netzwerk der Facebook-Freunde von d.core-Datenexperte Benedikt Köhler ist auf diesem Bild dargestellt. Ein Algorithmus platziert Kontakte mit Gemeinsamkeiten automatisch nah beieinander. Dadurch lassen sich unterschiedliche Kreise wie Schulfreunde, Arbeitskollegen oder Familienangehörige aus dem Bild ablesen. Zusätzliche Informationen über die Kontakte nutzt der Algorithmus nicht. Er ordnet sie einander nur auf Grundlage der Vernetzungsstruktur zu. Der Ausstellungstext zu der Darstellung weist darauf hin, dass Geheimdienste ähnliche Verfahren nutzen, um Terrorismus-Verdächtige anhand ihrer „Friends-of-a-Friend“-Netzwerke zu identifizieren.

 

See something or say something (Bild: grasundsterne/dcore)

See something or say something (Bild: grasundsterne/dcore)

See something or say something: Rechts New York mit der markanten Silhouette von Manhattan in der Mitte, links daneben San Francisco: Eric Fischer hat für diese Visualisierungen Geopositionen von Flickr-Bildern (in Orange) und Twitter-Posts (in Blau) ausgewählt. Weiß markiert sind die Orte, an denen Menschen sowohl getwittert als auch fotografiert haben. Ohne zusätzliche Informationen bildet sich dadurch ein Einblick ins Kommunikationsverhalten heraus.

Jeden Monat 2500 auf Flickr eingestellte Bilder ausgewertet

Flickr-Seasons (Foto: dcore)

Flickr-Seasons (Foto: dcore)

Flickr-Seasons: 2500 zufällig ausgewählte Bilder pro Monat hat d.core für diese Visualisierung über drei Jahre vom Foto-Netzwerk Flickr abgerufen, zwischen August 2010 und Juli 2013. Jede Zeile der Darstellung steht für einen Monat und gibt jeweils das Farbspektrum der Bilder aus diesem Zeitraum wieder. Statistisch fällt eine hohe Korrelation zwischen dem Gelb-Anteil und der Durchschnittstemperatur auf.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: NSA-Informant Edward Snowden als Verräter und Heiliger

Edward Snowden (Bild: Max Fesl)

Edward Snowden (Bild: Max Fesl)

Edward Snowden von Max Fesl: Eigens für die Ausstellung „Big Data Art“ hat der 25-jährige Münchner Max Fesl drei Porträts gemalt. Neben dem Aufdecker der NSA-Affäre Edward Snowden (hier im Bild) bildete er im gleichen Stil den Wikileaks-Gründer Julian Assange und Glen Greenwald ab, den Journalisten, der die Informationen über das Spionageprogramm PRISM aufbereitete und zusammen mit einem Interview mit Snowden im Guardian veröffentlichte. Nebeneinander gehängt, sollen die drei Werke an ein religiöses Triptychon erinnern, wie es in Kirchen zu finden ist. Die Assoziation sei gewollt, da die drei als zentrale Figuren von Spionage- und Überwachungsaffären sowohl als Heilige wie als Verräter angesehen werden. Mit der Verfremdung will Fesl darstellen, wie zerrissen die öffentliche Wahrnehmung der drei ist. Gleichzeitig fällt auf, wie die drei Gesichter aufgrund der ständigen Medienpräsenz dennoch unverkennbar bleiben.

 

Abstract 447 (Bild: Stefan Saalfeld)

Abstract 447 (Bild: Stefan Saalfeld)

Abstract 447 von Stefan Saalfeld: Die Abstracts-Serie von Stefan Saalfeld beruht auf Visualisierungen von Daten. Die geordneten Strukturen werden vom Künstler allerdings nach eigenen Angaben „recycelt und neu sortiert“.

Twitter: Nutzer sprechen über Geburt, Kaffeetrinken und den Tod

Just Coffee (Foto: dcore)

Just Coffee (Foto: dcore)

Just Coffee: Wer genau hinsieht, erkennt in der Anordnung der hellen Punkte die Umrisse der Kontinente auf einer Weltkarte. 250.000 geokodierte Tweets aus einer Oktoberwoche 2013 hat dcore über die Streaming-API-Schnittstelle von Twitter ausgelesen und grafisch dargestellt. Sie alle enthalten die Phrase: “Just Coffee”. Ähnliche Visualisierungen hat dcore für die Äußerungen “Just Born”, “Just Married” und “Just Died” erstellt. Sichtbar wird daran: Posts in sozialen Netzwerken bilden das gesamte Leben von der Wiege bis zur Bahre ab.

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