Unsere Lesetipps zur Buchmesse 2013

9. Oktober 2013 von Andreas Schmitz 0

Foto: Buchmesse, Frankfurt

Foto: Buchmesse, Frankfurt

Bücher zwischen IT und Wirtschaft stehen im Mittelpunkt unserer Buchvorstellungen zur diesjährigen Buchmesse in Frankfurt. So beschäftigen sich zwei Titel mit den Auswirkungen des Internet auf die Gesellschaft, einmal aus Sicht der Internetgranden Tim Cole und Ossi Urchs, sowie aus Sicht des internetkritischen Autoren Evgeny Morozow. Hermann Simon geht dem Geheimnis des Preises auf den Grund. Frank Riedel untersucht, wie viel Finanzmathematik für die Finanzkrise verantwortlich ist. Und Leopold Hüffer analysiert, warum es in den Chefetagen so viele fragwürdige Entscheidungen gibt.

Die Bücher im Einzelnen:

1. Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht von Tim Cole und Ossi Urchs

2. Smarte Neue Welt – Digitale Technik und die Freiheit des Menschen von Evgeny Morozow

3. Kalte Fische – Warum wir Top-Jobs mit Top-Flops besetzen von Leopold Hüffer

4. Preisheiten – Alles was Sie über Preise wissen müssen von Hermann Simon

5. Die Schuld der Ökonomen – Was passiert, wenn theoretische Modelle auf Gier treffen von Frank Riedel

Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht von Tim Cole und Ossi Urchs

Wenn Tim Cole seine geliebte Herald Tribune auf Papier lesen will, hat der gebürtige Amerikaner ein Problem: Er wohnt auf dem Land in der Nähe von Salzburg und seine Tageszeitung kommt einen Tag nach Erscheinen beim ihm an – per Post. Kein Thema, sagt Cole und liest die Zeitung ab sofort  auf dem iPad. Der Internet-Kenner und Blogger der ersten Stunde (1994) Cole zieht wie auch Ossi Urchs fast manisch das Positive aus dem Internet und den dynamischen Entwicklungen, die es nach sich zieht. „Uns fehlen die Worte, zu beschreiben, was sich da tut“, sagt Cole bei der Buchvorstellung. Durch die permanente Vernetzung sind die Veränderungen so groß, dass es ohnehin sinnlos ist, alles zu verstehen. „Wir müssen wieder lernen, das Lernen zu genießen“, sagt Ossi Urchs, lehnt sich zurück. Genuss und Internet: Das gehört für Urchs irgendwie zusammen. Das Leben wird komplexer, aber nicht komplizierter, sondern einfacher, lautet dann auch eine der Thesen im Buch. Konsumenten können einfach genießen. Sie müssen sich nicht um das Wie kümmern. Wie zum Beispiel die Herald Tribune aufs iPad kommt … Das Digitale und die Vernetzung haben wir inzwischen so in uns aufgesogen, dass wir zu dessen Subjekt geworden sind, lautet eine andere These. Wieder ohne Groll, denn es liegt an jedem Einzelnen, das für ihn Nützliche und Positive daraus zu ziehen. Die wohl weitreichendste These ist der Vergleich von Gehirn und Vernetzung der beiden Autoren. Wer vernetzt denkt und digital unterwegs ist, und das auch noch in Echtzeit,  wird sein eigenes Denken neu gestalten. „Das kommt dem Menschen entgegen, denn das Gehirn ist geradezu dafür geschaffen, weil es genau so funktioniert“, meinen die Autoren. Spätestens hier erreichen die Autoren den eigentlichen Zweck ihres Buches, nämlich Fragen aufzuwerfen und dem Leser die Beantwortung und Auseinandersetzung mit der Ad-Hoc-Gesellschaft selbst zu überlassen.

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Smarte Neue Welt – Digitale Technik und die Freiheit des Menschen von Evgeny Morozow

Die neue smarte Parkuhr in Santa Monica funktioniert, wie jede andere Parkuhr auch. Allerdings mit zwei Unterschieden: Zum einen identifiziert sie die Autos, merkt sich, wie lange sie dort stehen, wovon sich Parkplatzmanager mehr Platzeffizienz erhoffen. Zum anderen verfällt das Restguthaben auf der Parkuhr, woraufhin niemand einen Parkzettel netterweise an andere verschenken kann. Noch dazu führt ein Überziehen der Parkdauer dazu, auf dem Parkplatz nicht mehr parken zu dürfen. Jeder Aspekt von Menschlichkeit ist an dem Ort durch Technik gewichen. Der 28-jährige Weißrusse Evgeny Morozow findet unzählige Beispiele, für die es sich lohnt, Technik zu hinterfragen. Kernthese des Buches: Das Denken des Silicon Valley steckt die Menschen in eine digitale Zwangsjacke, die Effizienz, Transparenz, Gewissheit und Perfektion fördert, der Menschheit allerdings über kurz oder lang teuer zu stehen kommt. Was passiert, wenn wirklich jede Spende im Internet einsehbar wäre? So geschehen auf der Website Eightmaps.com, wo herauskam, dass ein Professor eine Initiative gegen die gleichgeschlechtliche Ehe finanziell unterstützt hat. Das löste in seiner Uni enorme Diskussion aus. „Dank der Digitalisierung sind immer mehr Tatsachen und Halbwahrheiten zugänglich, aber für sich allein betrachtet bedeuten sie wenig.“ Das Extrem sind die Datasexuellen, die alles messen, aufnehmen, tweeten, posten, selbst den eigenen Menstruationszyklus tracken. Jünger des „Solutionismus“, des lösungsorientierten Lebensstils. Auch die Enthaltsamkeit vom digitalen Kosmos ist irgendwie falsch: Wer keinen Facebook-Account hat, gerät in den USA schon mal ins Visier von Fahndern. Denn wer keinen Account hat, hat was zu verbergen. Morozow beschreibt anhand unzähliger Beispiele Widersprüche der digitalen Gesellschaft.

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Kalte Fische - warum wir Top-Jobs mit Top-Flops besetzen

Kalte Fische von Leopold Hüffer

In der Besetzung von hochkarätigen Stellen geht es zu wie auf dem Bazar. Zu oft, so die These des Autors Leopold Hüffer, würden Stellen aus purem Eigeninteresse im Sinne des eigenen Machterhalts getroffen. Wer geschickt ist, schmückt sich zudem mit den Loorbeeren, die eigentlich anderen gebühren. Kalte Fische nennt der Experte für Assessment auf dem Top-Management-Level Hüffer sie. Jene Strippenzieher sind in den Unternehmen nicht selten: Ziel ist es, die Mittelmäßigkeit zu erhalten und neue Ideen nicht zuzulassen. Hinzu kommt, dass auch die Mitarbeiter so wenig an Veränderung gewöhnt sind, dass sie das „Spiel“ des Chefs dulden und sogar unterstützen. Das führt auch in der Politik zu krassen Fehlbesetzungen, wie Hüffer etwa die Besetzung Christian Wulffs als Bundespräsident beurteilt. „Hölzern, überfordert, unsicher“, nennt Höffer den ehemaligen CDU-Politiker. Doch auch anders herum sind Fehlbesetzungen an der Tagesordnung: „Strahlemänner“ nennt Hüffer sie – Manager, die ein sehr einnehmendes Wesen haben, aber in den entscheidenden Sekunden nicht durchsetzungsstark sind. Kommunikationsstark sind sie, aber nicht durchsetzungsstark. Warum, fragt Hüffer, ist es in Deutschland eigentlich nicht möglich, Querdenker in Führungspositionen hineinzumanövrieren? In Deutschland gibt es mit René Obermann von der Deutschen Telekom nur einen Manager im Vorstand eines Dax-Unternehmens, der kein Studium abgeschlossen hat. Letztlich ist es der Kreativität des Einzelnen überlassen, aus dem Spielraum etwas zu machen, den man zugestanden bekommt. Wie Miles Davis, der zwar nicht so virtuos spielte wie Dizzy Gillespie, dafür allerdings diesen ganz besonderen Ton aus der Trompete bekam, den bis dahin niemand kannte.

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Preisheiten - Alles was Sie über Preise wissen müssen

Preisheiten – Alles was Sie über Preise wissen müssen von Hermann Simon

Der Preis ist ein kleines Mysterium. Warum ist uns ein Apple-Rechner weit mehr wert als ein Sonderangebot eines vergleichbaren Rechners bei Saturn? Und warum gibt es bei Apple nichts zu verhandeln? Der Trick heißt Knappheit erzeugen. Die Schlangen vor den Apple Stores beim ersten Verkaufstag der neuen iPhones, iPads und Co. suggerieren, dass Käufer sich schnell entscheiden müssen. Dazu passt auch die Strategie, Festpreise zu haben. Wertige Geräte kosten Geld. Die gibt es nicht im Sonderangebot, lautet die unausgesprochene Botschaft. Wirtschaftsprofessor und Preisexperte Hermann Simon kommt dem Preis auf die Schliche. Er entlarvt die Methoden und gibt so auch Hilfestellung für alle, die selbst eine Preispolitik für ihre Produkte suchen. Da ist das Schmerzmittel, ein Placebo, das Ärzte in einem Feldversuch Patienten geben. Das eine ist mit einem erheblich höheren Preis ausgezeichnet als das andere. Und prompt gaben mehr Patienten an, mit dem höherpreisigen Medikament zufrieden zu sein. Für Konsumenten ist es zudem eine gute Sache, mit einem dicken Portemonnaie einkaufen zu gehen und die Karten zu Hause zu lassen. Ganz haptisch die Scheine durch die Finger gleiten zu sehen sorgt nachweislich dafür, dass Menschen weniger ausgeben und zweimal überlegen, ob sie sich die teure Tasche, den Lachs-Wildfang aus Alaska oder das neue Smartphone wirklich leisten wollen. Ganz subtil kann Preispolitik übrigens auch funktionieren. „Neuro-Pricing“ heißt das Forschungsfeld, das sich damit beschäftigt, welchen Preis das Gehirn des Menschen am leichtesten akzeptiert. Wer etwa in einem Restaurant essen geht, gibt lieber für Speisen Geld aus, hinter denen eine ganze Zahl steht – und kein Euro-Zeichen oder Nachkommastellen. Kartoffelgratin – 9. Cola – 2. Tiramisu – 4.

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Die Schuld der Ökonomen - was mathematik und Ökonomie zur Krise beitrugen

Die Schuld der Ökonomen – Was passiert, wenn theoretische Modelle auf Gier treffen von Frank Riedel

Die Ursache für die Finanzkrise liegt in der Wirtschaftsmathematik und nicht vorrangig darin, dass korrupte Banker sich bereichern wollen. Das behauptet der Autor des Buches, der promovierte Wirtschaftstheoretiker Frank Riedel. Die Ursache des ganzen Übels liegt in der Definition des so genannten Value at Risk, also wie hoch das Risiko hoher Verluste bei einer Investition ist, und dem mathematischen Modell dahinter. Ist das Risiko etwa, dass Griechenland und Italien gleichzeitig Pleite gehen sehr gering (unter 5 Prozent), würde aber einen großen Verlust nach sich ziehen, interessiert es das Computersystem nicht. Obwohl also das Risiko im Extremfall sehr groß ist, sorgen die Algorithmen in den Rechnern dafür, dass das Risiko durch die 5-Prozent-Regelung kleiner gehalten wird. Dumm nur, dass einige Banker das sehr geringe Risiko sehr weit ausgereizt haben – vorrangig, um ihre Provisionen nach oben zu treiben. Wer also schlau genug ist, die Finanzmathematik zu durchschauen, kann hier schnell sein Portemonnaie füllen, meint Riedel. Und hier ist dann letztlich doch wieder die Schuld bei den Ökonomen zu suchen, die Lücken in der Mathematik gnadenlos ausnutzen. Riedel beschreibt, wie ein gescheiter Ersatz für Value at Risk aussehen könnte und warum Ratingagenturen überbewertet werden. Und keine Angst: Mathematik spielt hier eigentlich eine Nebenrolle.

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