Business Process Management für Halbleiterhersteller

Feature | 2. Mai 2005 von admin 0

Die Auswirkungen von Angebots- und Nachfrageschwankungen auf die Bestandsführung und die Unfähigkeit der Halbleiterhersteller, prompt auf die Signale des Marktes zu reagieren, sind nur allzu bekannt – Schwindel erregende Bestände und enorme Bestandsabschreibungen im Anschluss an das Boomjahr 2000 sind Mahnungen aus der jüngeren Vergangenheit, die nach einer engeren Zusammenarbeit in den Logistikkettenprozessen der Halbleiterindustrie rufen. Die Kernfragen lauten: Wie lässt sich die Kooperation zwischen einem Halbleiterhersteller und seinen Lieferanten, Kunden und Serviceanbietern gestalten? Wie gelingt es dem Unternehmen, seine Back-Office-Systeme nahtlos mit den Geschäftsprozessen, auf die seine Geschäftspartner Zugriff haben, zu verknüpfen? Wie erfüllt die Informationstechnologie diese Herausforderungen?
Verschiedene Komponenten des SAP-NetWeaver-Stack stellen die Infrastruktur für die Integration der unternehmensinternen und unternehmensübergreifenden Geschäftsprozesse bereit. Die SAP Exchange Infrastructure (SAP XI) bildet die Prozessintegrationsebene, die Funktionen für Application-to-Application Integration (A2A), Business-to-Business Integration (B2B) und Business Process Management (BPM) im erweiterten Unternehmen bietet. SAP XI wird durch weitere Komponenten von SAP NetWeaver ergänzt: SAP Enterprise Portal (SAP EP) ist die Interaktionsebene, auf der die Anwender Vorgänge manuell steuern und bearbeiten können. Auf der Ebene des SAP Master Data Management (SAP MDM) werden die Stammdaten im gesamten Unternehmen zusammengeführt, synchronisiert und gepflegt.

EDI und RosettaNet

Die meisten großen Halbleiterhersteller verwenden EDI (Electronic Data Interchange) für den Austausch von Geschäftsdaten mit ihren Handelspartnern. Diese Geschäftsdaten beschränken sich jedoch auf Vorgangsdaten wie Bestellungen, Rechnungen und Lieferavise sowie Stammdaten, zum Beispiel aktualisierte Materialinformationen. Auch wenn EDI-Standards unternehmensübergreifende Vorgänge wie etwa Prognosefunktionen beinhalten, werden diese von wenigen Unternehmen beansprucht. Der Grund ist sowohl historisch als auch in der Unfähigkeit der Technologie begründet, mit veränderten Geschäftsbeziehungen Schritt zu halten – EDI-Einführungen fanden zu einer Zeit statt, in der Handelspartner als “Rivalen” betrachtet wurden. Die Geschäftsmodelle haben sich mittlerweile verändert; Handelspartner, wie etwa die Lieferanten, werden heute als Geschäftspartner angesehen. Viele Unternehmen haben in der jüngeren Vergangenheit die Bedeutung des Informationsaustauschs mit den Handelspartnern im gesamten Verlauf der Logistikkette zum Zweck einer verbesserten Planung erkannt. Bei dem Versuch, ihre Kooperationsbeziehungen über EDI auszubauen, ergaben sich für die Unternehmen jedoch erhebliche Probleme aufgrund der hohen Kosten und Komplexität dieser Technologie.
Die spezifischen Standards der Halbleiterindustrie wie zum Beispiel RosettaNet konzentrieren sich stark auf kooperierende Geschäftsprozesse, die über den herkömmlichen vorgangsorientierten Informationsaustausch in der Branche hinausgehen. SAP XI unterstützt RosettaNet – Halbleiterhersteller, die für ihre Kerngeschäftsprozesse SAP nutzen, können mit SAP XI Stammdaten, Vorgangsdaten und Planungsdaten nahtlos über RosettaNet austauschen. Für kleinere Handelspartner, die nicht in der Lage sind, RosettaNet für den Austausch von Geschäftsdaten mit dem Hersteller zu unterstützen, bietet SAP eine Light-Version, das so genannte Partner Connectivity Kit (PCK). Über das PCK ist es dem kleineren Handelspartner möglich, die Verbindung zu dem größeren Handelspartner herzustellen und Geschäftsdaten direkt auszutauschen. Ein Halbleiterhersteller kann über das PCK mit dem Vertragshersteller und den Distributoren zusammenarbeiten, ohne dass RosettaNet zuvor vollständig in die Logistikkette eingeführt sein muss.

Self-Service und Realtime

Das SAP Enterprise Portal stellt eine Self-Service-Lösung für die Partnerunternehmen bereit, die an die Bedürfnisse des Halbleitergeschäfts angepasst ist. Eine Lösung für das Distributoren-Management innerhalb von SAP EP ermöglicht es den Vertriebspartnern, sich am Portal des Halbleiterherstellers anzumelden und Auftragsstatus, Lieferstatus und Bestandsinformationen zu prüfen. Die Lösung liefert außerdem nützliche Informationen für die Planung wie etwa Prognosen, zur Einführung neuer Produkte und zu Produkten am Ende des Lebenszyklus.
Dank der Entwicklung der RFID-Tags ist es möglich, den Durchlaufstatus von Beständen zum Beispiel halbfertigen Baugruppen innerhalb der Logistikkette schnell zu erfassen. Die Materialüberwachung lässt sich erweitern und Verzögerungen beim Wareneingang vermeiden. Verbesserte Identifikation und Lagerung bewirken in einer Halbleiterlogistikkette, die durch aufeinander folgende Phasen der Materialbewegung zwischen Handelspartnern gekennzeichnet ist, die Zeit bis zur Markteinführung eines Produktes (Time-to-Market) drastisch zu verkürzen. SAP XI als Integrations-Middleware bildet das Fundament, um potenziell große Volumen von Geschäftsereignisinformationen zwischen Vertragsherstellern, dem Halbleiterhersteller und den marktorientierten Distributoren zu übertragen. Die automatisierte Kommunikation von Bestandsinformationen über die gesamte Logistikkette besitzt ein Potenzial, das die gesamten Bestände in der Logistikkette erheblich reduziert.

Prozesse und Geschäftsmodelle

Beispiele für Schnittstellen von Handelspartnern

Beispiele für Schnittstellen von Handelspartnern

Viele Halbleiterhersteller wie Philips und Texas Instruments führen ihre Kerngeschäftsprozesse auf SAP aus. Durch Fusionen und Übernahmen in der Branche sind die Geschäftsprozesse jedoch zunehmend über Altsysteme und Nicht-SAP-Systeme verteilt. Hinzu kommt, dass aufgrund der veränderten Geschäftsmodelle, die ein vermehrtes Outsourcing an Vertragshersteller vorsehen, viele Kerngeschäftsprozesse heute Nicht-SAP- und externe Systeme umfassen. Große Vertragshersteller wie Solectron, Flextronics, Celestica und Jabil führen jedoch den Hauptteil ihrer Geschäftsprozesse auf SAP-Lösungen aus. Die Tendenz der Halbleiter- und High-Tech-Hersteller geht in Richtung Technologie- und Designinnovation sowie das Outsourcing der Operationen an Vertragshersteller, die außerhalb des Kerngeschäfts liegen.
Ausgleichsansprüche bilden einen wesentlichen und wichtigen Teil des Wiederverkaufsgeschäfts in der Halbleiterindustrie. Ein Distributor kann zum Ausgleich der fluktuierenden Preise von Halbleiterkomponenten verschiedene Arten von Ausgleichsansprüchen bei einem Hersteller anmelden. Eine Form ist, er macht einen Preisgarantieanspruch geltend, wenn der Preis für ein Produkt vom Hersteller gesenkt wird, der Distributor aber das Produkt zu einem höheren Preis beim Hersteller erworben hat. Bei der Abwicklung von Preisgarantieansprüchen ist die Integration mit der Bestandsanwendung notwendig, um den Bestand des Distributors zu schätzen.

Beispiele für Ausgleichsforderungen

Beispiele für Ausgleichsforderungen

Besondere Beachtung sollte den Kerngeschäftsprozessen zukommen. Zu ihnen zählen Finanzwesen, Beschaffung, Vertragsverwaltung, Bestandsführung, Produktionsplanung, Fertigungssteuerung, Lagerhaltung und Distributionsmanagement. Jeder dieser Prozesse kann durch SAP- und Nicht-SAP-Geschäftslösungen implementiert werden. Möglicherweise besteht eine Integration zwischen diesen Geschäftssystemen über rudimentäre Methoden beispielsweise einfache Textdateien (Flat Files). Mit der Einführung von SAP XI werden die relevanten Geschäftssysteme in den Kontext eines Geschäftsprozesses eingebunden. Betrachten wir zum Beispiel einen Available-to-Promise (ATP)-Prozess, der Bestandteil eines umfassenderen Bestellungsprozesses ist. Die Komplexität eines ATP-Prozesses ist abhängig davon, ob Nachschub ab Lager, Eigenfertigung oder externe Fertigung genutzt wird.
Business Process Management mit SAP XI lässt sich für komplexe Geschäftsprozesse anwenden, die eine Integration mit SAP-Lösungen, Nicht-SAP-Systemen und Partnersystemen erfordern. Mit SAP XI werden kooperierende Geschäftsprozesse innerhalb des Unternehmens sowie mit externen Handelspartnern Wirklichkeit.

Kaveesh Chawla

Kaveesh Chawla

Manish Agarwal

Manish Agarwal

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