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Chef der Schafe

10. März 2017 von Andrea Diederichs 0

SAP-Manager und Hobby-Schäfer – Onno von der Emde spricht über einen ungewöhnlichen Ausgleich zum Job und über nachhaltige Fleischproduktion.

Am Anfang war der Lammrücken. Den hatte Onno von der Emde bei einem Geschäftsessen in Philadelphia auf dem Teller, als ihm die Idee kam, Schafe zu halten. Selbst Fleisch produzieren wollte er – einfach, weil es besser schmeckt und weil Onno wissen wollte, was er auf dem Teller hat und wie es dorthin gekommen ist. Klingt nachvollziehbar. Aber es klingt im ersten Moment auch nüchtern und will sich nicht so recht mit der romantischen Vorstellung decken, die das Bild vom Schäfer-Dasein in vielen weckt – von niedlichen Lämmern und beschaulichen Wanderungen durch die unberührte Natur. Doch mit Romantik, das wird schnell klar, hat das hier nichts zu tun.

Onnos Herde besteht aus etwa 25 Mutterschafen, die im Februar noch einmal so viele Lämmer zur Welt bringen. In den folgenden Monaten führt der Hobby-Schäfer seine Tiere zum Grasen von Weide zu Weide, bis im Juli oder August das Leben der Lämmer endet. Für Onno „ein natürlicher Kreislauf“, denn seine Tiere sind Nutztiere. Als wir ihn mit der Kamera bei einem Umtrieb zu einem neuen Weideplatz begleiten, fällt auf, wie sehr die Schafe für sich bleiben. Das hier ist kein Streichelzoo. Die Tiere galoppieren flott voran, um zu ihrem neuen Futterplatz zu kommen, und zeigen an uns Menschen kaum Interesse. „Ich bin nur attraktiv für sie, weil ich das Futter habe“, erklärt Onno.

Er läuft zügig voran, konzentriert, den Futtereimer in der Hand. Das Einzige, was ihm an diesem Tag Sorgen zu machen scheint, ist die Überquerung der mehrspurigen B39, die an den SAP-Gebäuden in Walldorf vorbeiführt. Mit rund fünfzig Schafen im Gefolge keine Kleinigkeit. Doch Onno wirkt, als ob ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringt.

Das ist auch gut so, denn in seinem SAP-Job gehört es zu seinen Aufgaben, kritische Situationen bei Kunden zu lösen. Als Vice President im Vorstandsbereich Digital Business Services leitet er ein internationales Team von rund 60 Mitarbeitern in Beijing, Newtown Square und in Rot und Walldorf. Wenn er von seinen zahlreichen Geschäftsreisen zurückkehrt, ist die Schafherde für ihn Ausgleich und Gegenpol. Doch auf Dauer würde ihn diese Aufgabe alleine nicht ausfüllen, so Onno. Denn ein Teil von ihm braucht wohl auch die Herausforderung und die „Action“, die ihm seine Arbeit bei SAP reichlich bietet.

Die Ruhe und Gelassenheit, die Onno ausstrahlt, führt er auch auf sein Lebensalter zurück: „Wenn du erst einmal an die fünfzig bist, lässt du dich nicht mehr so leicht stressen.“ Auch der Umgang mit der Natur und den Tieren habe ihm gezeigt, dass „man im Leben nicht alles kontrollieren kann“. Von ihnen könne man lernen, „ruhig zu bleiben, nicht immer so nervös zu sein, die Dinge auf sich zukommen lassen“. Zwar ist er als Schäfer der Chef, doch er hat erkannt, dass es klug ist, sich auch nach dem Willen der Tiere zu richten. „Von ihnen habe ich gelernt, dass es manchmal besser ist, das zu tun, was die ganze Gruppe will – und nicht das, was ich will.“

Was motiviert ihn zu diesem ungewöhnlichen Hobby? „Es macht mir sehr viel Spaß, mit den Tieren zusammen zu sein“, erklärt Onno. Doch er leistet mit der Herde auch einen Beitrag zum Naturschutz und zur Landschaftspflege. Im Auftrag der umliegenden Städte und Gemeinden bewirtschaftet er mit den Schafen brachliegende Weinbauflächen, Streuobstwiesen oder bewaldete Gebiete, die sich nicht maschinell mähen lassen. So schützen die Schafe die Flächen vor Verbuschung und schaffen Raum für Artenvielfalt. Außerdem, so bekennt Onno schmunzelnd, kann er durch sein Hobby auch „Jungsträume“ von großen Landmaschinen ausleben, Heu machen oder mit dem Frontlader fahren.

Wenn er auf Geschäftsreisen ist, teilt er sich die Arbeit mit einem befreundeten Schäfer. Aber im Februar, wenn die neuen Lämmer zur Welt kommen, ist Onno möglichst selbst vor Ort: „Es ist ein wunderbares Erlebnis, wenn ein Lamm geboren wird.“ Doch zum Kreislauf der Nutztierhaltung gehört auch das Sterben – wenn ein Tier zum Schlachter kommt oder wenn es getötet werden muss, weil es krank ist. Onno ist in diesem Punkt pragmatisch: „Wenn man ein Schaf schon zehn Jahre lang in der Herde hat, kann der Gang zum Schlachter schwierig sein“, so Onno, „aber das gehört eben dazu.“

Kritisch sieht er dagegen die industrielle Tierhaltung. „Die traditionelle Viehwirtschaft stirbt aus, weil sie sich für die Bauern einfach nicht mehr lohnt. Ein Liter Milch kostet in Deutschland teilweise weniger als ein Liter Mineralwasser“, erläutert Onno. Man sehe kaum noch Tiere draußen auf der Weide. Stattdessen würden die Tiere zu Hunderten oder Tausenden in Großbetrieben gehalten, die eher wie Fabriken arbeiten und das Fleisch industriell produzieren.

Nein, mit Romantik hat das hier nichts zu tun. Dafür aber mit einem bewussten Umgang mit der Natur, mit den Tieren und Onnos Wunsch, „diese Lebensweise für unsere Kinder zu bewahren“.

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