“China benötigt vor allem Unterstützung im Bereich Logistik”

Feature | 13. April 2004 von admin 0

Klaus Zimmer

Klaus Zimmer

Herr Zimmer, wie lange leben Sie schon in China?

Zimmer: Ich kam zuerst mit meinem früheren Abteilungsleiter, dem heutigen CEO von Siemens, Heinrich von Pierer, im Frühjahr 1985 nach China. Der Grund meines damaligen Besuchs war eine Joint-Venture-Studie mit der Chinesischen Planungsbehörde. Seit 1989 lebe und arbeite ich in China.

War es schwierig für Sie, sich in dieser Westeuropäern doch vergleichsweise fremden Kultur einzufinden?

Zimmer: 1989 zog ich von München nach Shanghai um. Ich sollte dort für Siemens die Kommunikationssparte in Ost- und Südchina aufbauen. Shanghai war damals eine graue, dunkle Stadt. Nachts um 22:00 Uhr wurden auf den Straßen alle Ampeln abgeschaltet – es gab schlichtweg keinen Verkehr mehr. Westliche Lebensmittel oder westliche Güter waren kaum zu haben. Ich war daher gezwungen, mich sehr rasch auf die chinesischen Verhältnisse einzustellen.

Was gilt es an Besonderheiten – im juristischen, politischen oder kulturellen Sinne – für westliche Geschäftsleute in China zu beachten?

Zimmer: Traditionell lesen Chinesen von links oben nach rechts unten. Schaut man beispielsweise einem Kind beim Lesen zu, so entsteht der Eindruck, es würde andauernd nicken und „Ja“ sagen. Wir hingegen lesen von links nach rechts. Aus der Ferne sieht das so aus, als würden wir den Kopf schütteln, also „Nein“ sagen. In China führt nur eine positive Einstellung zum Erfolg. Dazu gehört es auch, ab und an einmal zu lachen. Das gilt auch für das Geschäftsleben – was so manchem Europäer oftmals schwer fällt.

Darüber hinaus wird in Asien nicht – wie etwa in Deutschland oder den USA – strikt zwischen Geschäft und Privatleben getrennt. Hier sind die Übergänge fliessend. Das Geschäftsleben geht tief ins Privatleben über, jeder ist hier 24 Stunden am Tag verfügbar und wird beispielsweise oft spät am Abend oder am Wochenende angerufen.

Wo findet in China das Wirtschaftsleben statt?

Zimmer: Privatfirmen sind vorwiegend in Süd- und Ostchina angesiedelt. Internationale Firmen haben ihren Sitz meist in Shanghai, große Staatsfirmen sind direkt in Peking oder in Nordchina zu finden. Diese Trennung ist historisch bedingt. Der Süden wurde Anfang der achtziger Jahre zuerst geöffnet. Es entstanden vor allem private Firmen. Shanghai war damals noch verschlossen und konzentrierte sich daher auf internationale Firmen wie etwa VW, Alcatel oder Siemens. Große Staatsfirmen wie Sinopec, Cosco oder BOC haben ihren Firmenhauptsitz traditionell in Peking. Die Unternehmensfinanzierung oder etwa Börsengänge laufen oft über Hong Kong.

Hat sich die ehedem britische Kronkolonie Hong Kong gut „eingelebt“?

Zimmer: Bis vor kurzem versuchte Hong Kong, sich von China abzuschotten – wie in der Kolonialzeit. Doch nun hat Hong Kong endlich verstanden, dass es ein Teil von China ist. Die ehemalige Kronkolonie sucht nun ihre Zukunft vor allem auch im Binnengeschäft mit China. Das äußert sich in einer verstärkten Zusammenarbeit, etwa in riesigen Infrastrukturprojekten. So soll Hong Kong beispielsweise mit dem Perlflussdelta verbunden werden.

Wie schätzen Sie die allgemeine wirtschaftliche Situation und den Stellenwert des Software-Markts in China ein?

Zimmer: Als ich vor sieben Jahren mit SAP in China anfing, gab es keinen Softwaremarkt. Software und Service war im Preis der Hardware mit inbegriffen. Wir haben geholfen, den Softwaremarkt in China zu schaffen. China war bis vor wenigen Jahren eine Planwirtschaft. Services und Software wurden als „intangibles“ unterbewertet, da es genügend gut ausgebildete Menschen gibt und gab. Erst seit drei oder vier Jahren werden Software-Anschaffungen nicht mehr als Kosten, sondern als Investitionen gebucht und sind damit steuerlich abschreibbar.

Ich persönlich habe mich in Interviews und bei der chinesischen Regierung immer wieder dafür eingesetzt, Software den Stellenwert einzuräumen, den sie in Europa und den USA hat. Seitdem China Mitglied in der Welthandelsorganisation (WTO) ist, hat unsere grundlegende Arbeit Früchte getragen. Die Regierung unterstützt Enterprise Resource Planning (ERP) heute nachhaltig mit Steuerförderung oder vergibt direkt Kredite an Unternehmen, die ERP als Werkzeug für ein Change Management oder zur Steigerung der Effizienz verwenden wollen.

Und wie hat sich SAP in China entwickelt?

Zimmer: SAP China zählt heute rund 500 Mitarbeiter, nur sechs davon sind nicht aus China. Wir sind eine lokale Organisation mit sehr viel Enthusiasmus and Teamgeist. Unsere Zuwachsraten in den vergangenen zwei Geschäftsjahren betrugen jeweils über 90 Prozent. Ich gehe davon aus, dass der Softwaremarkt weiter stark wächst. Dafür sprechen deutliche Anzeichen, wie etwa die Tasache, dass unser durchschnittliches Vertragsvolumen stetig steigt. Wir sind uns jedoch auch bewusst, dass es in rasch wachsenden Märkten Branchen gibt, die die jeweils aktuelle Entwicklung überziehen. Letztlich führt das dann zu notwendigen Korrekturen.

Langfristig wird China als Wirtschaftmacht wieder den Stellenwert einnehmen, den es zuletzt 1820 hatte. Damals hatte China einen Anteil von 30 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts. Wirtschaftwachstum wird durch zwei Faktoren bestimmt: Erstens durch die Zahl der zusätzlichen Stunden, die in der Volkswirtschaft gearbeitet werden, zweitens durch die Effizienssteigerungen, die sich durch Maßnahmen wie etwa eine ERP-Einführung einstellen. In beiden Faktoren hat China einen grossen Nachholbedarf.

Welche Branchen sind für SAP in China am wichtigsten?

Zimmer: Kurzfristig betrachtet sind in China für SAP die Branchen Oil & Gas sowie die Stahlproduktion enorm wichtig, da in diesen Branchen die globale Konkurrenz am stärksten durchschlägt. Das wird sich jedoch mittel- bis langfristig ändern. Die Banken und Versorgungsunternehmen werden später in den Vordergrund treten, da hier noch eine Karenzfrist bis 2006 läuft.

SAP hat in China einen eigenen Vertrieb aufgebaut. Unsere Vertriebsmannschaft ist zum großen Teil seit vier oder fünf Jahren bei SAP und mit unserem Geschäft gewachsen. Diese Mannschaft hat in den vergangenen Jahren gelernt, sich darauf zu konzentrieren, dem Kunden einen echten Mehrwert und nicht nur eine technische Funktionen zu verkaufen. Im Jahr 2003 haben wir auch einen Channel-Vertrieb aufgebaut mit 12 Vertriebspartnern im SAP-Umfeld und drei Distributoren für die SAP-Mittelstandslösung SAP Business One.

Was ist in China in Hinblick auf Software das aktuelle Thema?

Zimmer: China gibt für IT nur den Bruchteil dessen aus, was Unternehmen in Europa oder den USA bezahlen. Die Regierung hat das erkannt und treibt die „XinXiHua“, das heißt die Informationstechnik in den Betrieben, mit speziellen Programmen voran. „Informatization“ steht hier in China in erster Linie für Enterprise Ressource Planning. Der Begriff und die dahinter steckende Software wurde 1997 von SAP nach China gebracht. Wir haben damit in diesem Land früh Standards gesetzt und bauen diese Position nun mit mySAP ERP weiter aus.

Lösungen für das Supply Chain Management wie mySAP SCM oder auch Technologien wie speziell RFID werden zunehmend interessant. Denn China hat sich mittlerweile zum “low cost manufacturing center of the world“ entwickelt und benötigt Hilfe vor allem im Bereich Logistik. Internationale Unternehmen wie Tyco, Siemens, P&G produzieren in China, verkaufen in China lokal und exportieren ihre Produkte weltweit. Der globale Systemverbund der Produktions- und Distributionsstätten erfordert Supply-Chain-Lösungen, die von uns angeboten werden.

Wie werden andere Lösungen der mySAP Business Suite nachgefragt?

Zimmer: Ich sehen einen zunehmenden Bedarf an SAP NetWeaver, insbesondere im Bereich der Banken, der traditionell 70 Prozent der IT-Nachfrage erzeugt. Banken haben vor allem Point of Sale-Systeme und Geldautomaten installiert, um den Front-Office-Bereich zu automatisieren. Bei mehr als 10.000 Zweigstellen für jede der großen Banken handelt es sich um ganz erhebliche Investitionen. Der Back-Office Bereich wurde meist mit Eigenentwicklungen abgedeckt, die heute veraltet sind und das Datenvolumen nicht mehr bewältigen können. SAP NetWeaver hilft uns hier, einen graduellen Übergang von den In-house-Lösungen zu den Branchenlösungen von SAP für die Finanzwirtschaft zu schaffen.

Wie sieht die Strategie von SAP China aus?

Zimmer: Wir haben einen Wachstumsrahmen abgesteckt, den wir „China 300“ nennen. Dieser Rahmen soll bis zur Olympiade 2008 in Peking greifen. SAP wird sich auf acht Branchen konzentrieren und dort erhöhtes Wachstum erzielen. Zu diesen Branchen zählen beispielsweise Oil & Gas, Banken oder die Versorgungswirtschaft. Darüber hinaus fokussieren wir uns auf den Mittelstand. Dieser Markt wird mittelfristig die höchsten Zuwachsraten aufweisen. Es hilft uns dabei sehr, dass sich die SAP Labs China in Shanghai auf die Entwicklung unserer weltweiten Mittelstands-Lösungen konzentrieren. Darüber hinaus haben wir in den vergangenen Jahren ausgiebig Erfahrung gesammelt, was lokale Anforderungen wie etwa die Schriftzeichen anbelangt.

Was ist Ihr persönliches Motto?

Zimmer: “Carpe Diem”

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