Verstaatlichte Betriebe: Für China ein Erfolgsmodell

Feature | 18. Juni 2010 von Paul Wong und Heidrun Haug 0

In China sind die meisten Betriebe verstaatlicht. In Chongqing ist das ein Erfolgsmodell.

Wirtschaftsboom in Krisenzeiten: Prof. Zhiyuan Cui über die Großstadt Chongqing

Wie funktioniert das Chongqing-Modell?

Zhiyuan Cui: Ökonomisch gesehen, befand sich die Stadt früher in einer katastrophalen Lage. Bodentransporte waren jahrzehntelang praktisch unmöglich, weil die Stadt inmitten einer Bergregion liegt. Und obwohl die wirtschaftliche Reform anfangs nur schleppend vorankam, meldete Chongqing während der Finanzkrise das schnellste Wachstum unter den chinesischen Städten. Grund dafür ist das Chongqing-Modell.

Der größte Erfolgsfaktor dieses Modells ist meiner Ansicht nach die Kombination aus umsichtiger Politik und gezielten Investitionen. Diese brachten eine wirtschaftliche Belebung, die die Stadt wiederum attraktiv für private Investoren machte. Umfangreiche Investitionen der Kommunalverwaltung in Staatsbetriebe lockten zusätzlich Investoren aus der Privatwirtschaft an; es entstanden neue Arbeitsplätze und die Grundstückspreise stiegen.

Die Kommunalregierung schafft also Anreize für Investoren?

Zhiyuan Cui: Ja, aber das ist noch nicht alles. Das Modell ist vor allem auch deshalb effektiv, weil die Regierung staatseigene Betriebe nutzt, um in bestimmte wichtige Wirtschaftszweige zu investieren. Diese Methode der Investitionsförderung gilt als typisch für China. Aber natürlich können auch andere Länder sie anwenden, insbesondere Entwicklungsländer, die vor ähnlichen Problemen stehen wie seinerzeit Chongqing.

Wie fördern diese Investitionen Wachstum und Konsum in der Stadt?

Zhiyuan Cui: Die chinesische Wirtschaft hat das Potenzial der großen Staatsbetriebe für sich erkannt. Ein Beispiel: Ein oder zwei große chinesische Rohstoffproduzenten, zum Beispiel Stahlunternehmen, beschäftigen teilweise so viele Mitarbeiter wie Einwohner einer mittelgroßen Stadt. Solche Betriebe und ihre Mitarbeiter nehmen dann zahlreiche Dienstleistungen in Anspruch, zum Beispiel Post, Telekommunikation, Medien oder Immobilien. Die meisten dieser Dienstleistungsbetriebe gehören ebenfalls dem Staat.

Diese Kette setzt sich immer weiter fort und reicht irgendwann bis zu kleineren Betrieben wie Geschäften oder Unterhaltungsstätten. Irgendwann entdecken auch Banken diesen Markt für sich und es entwickelt sich eine ganz neue finanzielle Wertschöpfungskette. Auch ausländische Investoren werden auf das Wachstum aufmerksam und bringen Geld in die Region. Das treibt wiederum wichtige Wirtschaftskennzahlen in die Höhe, zum Beispiel Grundstückspreise. Wieder und wieder hatte China im Laufe der Jahre mit dieser Strategie Erfolg. Das System ist stabil und hat bisher noch nie versagt.

Welche Bedeutung haben Technik und IT für den Wirtschaftsboom in Chongqing?

Zhiyuan Cui: Wenn wir heutzutage von der Produktion komplexer Technologie sprechen, meinen wir keine Mikrowellengeräte oder Waschmaschinen. Stattdessen geht es um hochkomplizierte Komponenten eines größeren Produkts, etwa um ein Laufwerk oder einen Chip für die neueste Version eines Laptops oder Mobiltelefons. Und es geht darum, wer sich als Produzent letzt-lich gegenüber dem Wettbewerb durchsetzt. Solche Komponenten sind zu wertvoll für einen Transport über Straße oder Schiene und müssen stattdessen mit dem Flugzeug transportiert werden.

Die geografische Lage Chongqings ist also nicht mehr wichtig?

Zhiyuan Cui: Die geografischen Nachteile von Chongqing spielen keine so große Rolle mehr. Früher standen Länder oder Regionen im Wettbewerb um die Produktion eines Gesamtprodukts; dieses Konzept nennt man horizontale Fertigung. Im heutigen wettbewerbsintensiven Markt liegt der Schwerpunkt auf der vertikalen Integration, das heißt jeder einzelne Bestandteil eines Produkts wird am jeweils besten Standort gefertigt und dann zur endgültigen Fertigstellung an einen anderen Standort transportiert. Daneben bietet Chongqing besondere Anreize für Unternehmen, die sich auf Produkte für lokale Märkte und internetbasierte Produkte spezialisieren, einschließlich Software und Telekommunikation.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Zhiyuan Cui: Nehmen Sie Hewlett-Packard. Das Unternehmen verlegte einen großen Teil seiner Zentrale in der Region Asien-Pazifik aus entwickelten Städten wie Singapur und Hongkong nach Chongqing. Zuvor prüfte HP jedoch an kleineren Test-Standorten die Qualität der Arbeitskräfte und Rahmenbedingungen für Unternehmen.

In der ersten Phase verlagerte HP Geschäftsbereiche nach Chongqing, deren Prozesse einfach strukturiert und gut überprüfbar sind, zum Beispiel Call Center. Später wurden auch komplexere Geschäftsbereiche nach Chongqing verlegt. Doch auch Start-up-Unternehmen mit innovativen Ideen sind wichtig. Chongqing hat einen IT-Wissenschaftspark eröffnet, um das Wachstum von jungen Unternehmen zu fördern.

Wie kann das Chongqing-Model als Muster für andere Regionen Chinas dienen?

Zhiyuan Cui: Die Bedeutung des Chongqing-Modells liegt vorwiegend darin, dass sich die Region rasant entwickeln konnte, ohne ausschließlich auf Exporte und ausländische Investitionen zu setzen, wie Schanghai oder Guangzhou dies taten. Chongqing ist immer noch in der Entwicklungsphase. Aber auch andere Regionen in China, die bisher nur langsam wachsen, eignen sich für die erfolgreiche Umsetzung dieses Modells.

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