Ost trifft West

Feature | 24. August 2010 von Manfred Buchner 0

Unterschiedlicher Lebensstil in Ost und West (Graphik: Yang Liu)

Westlicher und östlicher Lebensstil (Graphik: Yang Liu)

Golf spielen, Kunstauktionen besuchen, im Wellnessklub mit dem Geschäftspartner zur Fußmassage gehen: Derlei gemeinsame Unternehmungen spielen bei Vertragsverhandlungen im westlichen Wirtschaftsleben kaum eine Rolle. Anders in China. Dort sind persönliche Aufmerksamkeit, gegenseitiges Verständnis und Harmonie auch in geschäftlichen Beziehungen von entscheidender Bedeutung.

Unterschiedliche Denkweisen und Umgangsformen führen im beruflichen Miteinander zwischen Chinesen und Deutschen leicht zu Missverständnissen. Das geht schon beim Bekanntmachen los: In China wird erst der Nachname, dann der Vorname genannt, in westlichen Ländern verhält es sich umgekehrt. Wer solche Fettnäpfchen vermeiden möchte, dem bietet die Grafikdesignerin Yang Liu mit ihrer Bilderserie „Ost trifft West“ eine interkulturelle Orientierungshilfe.

Geboren 1976 in Peking, zog die deutsch-chinesische Künstlerin im Alter von dreizehn Jahren mit ihrer Familie ins westfälische Paderborn, später nach Berlin, wohin sie vor fünf Jahren nach Stationen in Singapur, England und den USA zurückkehrte. In ihren Piktogrammen stellt Liu, deren Werke weltweit in Museen ausgestellt werden, die Mentalitäts- und Verhaltensunterschiede zwischen Chinesen und Deutschen einander gegenüber. Punkte und Linien illustrieren Ansichten, Umgangsformen, Wertmaßstäbe, aber auch wechselseitige Vorurteile. Dargestellt werden so vielfältige Aspekte des Privat- und Geschäftslebens wie Selbstbild, Chef, Freizeit, Esskultur, Lärm, Meinung, Restaurant, Verkehr, Herangehen an Probleme, Warteschlangen.

Einen Schlüssel zum Verständnis der Mentalitätsunterschiede liefert das Piktogramm „Ich“ (Bild 1). Es zeigt eine große Person auf blauem Hintergrund neben einem Bild mit einer kleinen Person auf roter Fläche. Blau symbolisiert die deutsche, rot die chinesische Sicht. Die Aussage ist klar: In der deutschen Kultur besitzt das persönliche Ego einen höheren Stellenwert als in China. Dieser Aspekt klingt auch in anderen Motiven aus „Ost trifft West“ an, etwa beim Vergleich der Lebensstile (Bild 2). Hier steht im blauen Feld ebenfalls eine einzelne Person. Im roten Quadrat hingegen sind mehrere Figuren aufgereiht, die einander an den Händen halten. Gemeinschaft und Zusammenhalt, so die Botschaft, stehen in China an erster Stelle.

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Bild 2: Das Selbst (Graphik: Yang Liu)

Bild 1: Das Selbst (Graphik: Yang Liu)

Bild 3: Problemlösung (Graphik: Yang Liu)

Bild 3: Problemlösung (Graphik: Yang Liu)

Wie Probleme lösen?

Auch den unterschiedlichen Umgang mit Problemen hat die Künstlerin ins Bild gesetzt. Während der Deutsche geradewegs auf eine Aufgabe zusteuert und sie zügig erledigt, hält man in China das Problem für genauso beweglich wie den Menschen und wartet ab, um es im günstigsten Moment anzugehen (Bild 3). Das kann länger dauern, als Geschäftspartner oder Kollegen aus dem Westen es gewohnt sind.

In der Kommunikation gehen die Erwartungen ebenfalls auseinander. Ihre Meinung zu sagen (Bild 4) fällt den Deutschen nach Lius Erfahrung relativ leicht. Oft äußert man sie unverblümt. Anders in Asien: Den Kommunikationsstil im Reich der Mitte veranschaulicht Liu mit einem verschlungenen Pfad: „Chinesen wollen ihr Gegenüber nicht mit der eigenen Meinung abschrecken. Die direkte Aussprache wird als unhöflich aufgefasst.“

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Bild 4: Meinung ausdrücken (Graphik: Yang Liu)

Bild 4: Meinung ausdrücken (Graphik: Yang Liu)

Bild 5: Ärger (Graphik: Yang Liu)

Bild 5: Ärger (Graphik: Yang Liu)

Ähnlich große Differenzen beobachtet Liu in der Körpersprache, die sie unter anderem im Piktogramm „Ärger“ (Bild 5) thematisiert. Auf blauem Hintergrund zeigt sie ein Gesicht mit nach unten gezogenen Mundwinkeln: Ist der Deutsche über jemanden verstimmt, zeigt er es. Der Chinese ärgert sich ebenfalls, doch seine Mundwinkel zeigen nach oben, er lächelt. Hier gilt die Devise: Das eigene Gesicht wahren, höflich bleiben, niemanden mit der eigenen Befindlichkeit belästigen.

Warum die Künstlerin für ihren Kulturvergleich Piktogramme verwendet? „Symbole werden in allen Ländern und Kulturen verwendet. Sie können einfacher verstanden werden. Auf die Reduktion auf das Nötigste, lege ich sehr viel Wert in meiner Arbeit“, sagt Liu. Und auf die Frage, welche als typisch deutsch geltenden Verhaltensweisen sie übernommen habe, braucht die Designerin nicht lange nachzudenken: „In der Arbeit bin ich sehr deutsch; in emotionalen Entscheidungen und im menschlichen Umgang mehr chinesisch.“

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