Soccer team in a huddle

Corporate Happiness – Glück für alle

Feature | 6. Dezember 2010 von Andrea Ackermann 0

SAP.info: Herr Haas, Sie sind Professor an der Fachhochschule für angewandtes Management, Geschäftsführer der Dreamteam Academy und Autor des Buchs „Corporate Happiness als Führungssystem“. Das Glück des Menschen ist dabei Ihr zentrales Thema. Ist es nicht ein egozentrisches Streben unserer Gesellschaft, immer glücklicher werden zu wollen?

Oliver Haas: Solange es nicht auf Kosten anderer geht, keineswegs. Denn glücklich sein ist eine Win-Win-Situation für uns und unsere Umgebung. Wenn wir glücklich sind, werden wir auch zum „Glücksfall“ für andere Menschen. Glückliche Menschen in Unternehmen leisten gerne mehr.

SAP.info: Wann ist ein Mensch denn wirklich glücklich?

Haas: In Glücksmomenten sind wir eins mit uns und unserer Umgebung, vollkommen ausgeglichen und zufrieden. Es ist die Fokussierung auf den Augenblick, etwa beim Lesen eines inspirierenden Buches, wenn uns im „flow“ die Arbeit leicht von der Hand geht oder beim „runners high“, das erschöpfte Läufer fühlen.

SAP.info: Wir leben in einer Zeit des Wohlstandes. Da müssten wir doch rundum glücklich sein?

Haas: Das sollte man annehmen. Die „Realität“ sieht jedoch erschreckend anders aus: Heutige Depressionsraten haben sich im Vergleich zu denen der 60er Jahre verzehnfacht. Umfragen haben ergeben, dass viele Menschen ungern zur Arbeit gehen, immer häufiger an Burn-Outs leiden und sich zunehmend überfordert fühlen.

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Prof. Dr. Oliver Haas im Interview mit SAP.info-Redakteurin Andrea Ackermann (Foto: Christiane Stagge)

Im Gespräch: Oliver Haas mit Andrea Ackermann von SAP.info (Foto: Christiane Stagge)

SAP.info: Ist das der Grund, weshalb der „Glücksmarkt“ mit Selbsthilfebüchern und Motivationstrainern gerade boomt?

Haas: Ja, dieser florierende Wirtschaftszweig bestätigt die Wichtigkeit des Themas für uns. In der Dreamteam Academy distanzieren wir uns mit „Corporate Happiness“ jedoch sehr stark davon, denn diese Glücksratgeber versprechen viel, liefern aber wenig.

Uns interessieren beim Thema Glück vor allem die wissenschaftliche Herangehensweise durch positive Psychologie und Hirnforschung. Dort hat sich sehr viel getan – gerade in Amerika hat die Forschung in den vergangenen Jahren Erstaunliches geleistet. Nur sind den wenigsten Unternehmern und Menschen diese Forschungsergebnisse bekannt.

SAP.info: Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?

Haas: Ich beschäftige mich seit rund sechs Jahren intensiv mit Mind Management und der Frage, wo die Potentiale des Menschen liegen. Dabei habe ich auch Kurse in Amerika, wie „Positive Leadership“ an der Harvard University und „Positive Psychology“ an der Pennsylvania University, besucht.

Berühmte Psychologen wie der Harvard-Dozent Tal Ben-Shahar oder Martin Seligman, Präsident der American Psychological Association (APA), haben sich darauf spezialisiert, die Determinanten des Glücks wissenschaftlich zu analysieren und zu beschreiben.

Die positive Psychologie, gepaart mit aktuellen Erkenntnissen der Hirnforschung und Quantenphysik, hat in Amerika mittlerweile eine wahre Begeisterungswelle ausgelöst.

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Glücklich im Job: Wie das geht, zeigt Oliver Haas in seinem Buch (Foto: Dreamteam Academy)

Glücklich im Job: Wie das geht, zeigt Oliver Haas in seinem Buch (Cover: Corporate Happiness/Haas)

SAP.info: Eine Welle, die Sie über den Atlantik bis nach Deutschland schwappen lassen?

Haas: Genau, denn wir Deutschen hängen mit unserer Glücksforschung den Amerikanern einige Jahre hinterher. Deshalb wird die Dreamteam Academy die positive Psychologie in Deutschland noch bekannter machen.

Unser Ansatz ist jedoch, noch einen Schritt weiter zu gehen und die Thematik auf die Unternehmenswelt zu übertragen – mit Corporate Happiness. Diese konsequente Orientierung am Glück der Stakeholder ist für viele Unternehmen völlig neu.

SAP.info: Was verbirgt sich hinter dem Glücksprinzip, das Sie in Ihrem Buch „Corporate Happiness als Führungssystem“ beschreiben?

Haas: Corporate Happiness bietet Entscheidungsträgern ein ganzheitliches Führungssystem. Eine von Glück geprägte Unternehmenskultur wirkt sich dabei auf alle Beteiligten positiv aus – von Vorgesetzten über die Mitarbeiter und Kunden bis hin zu den Lieferanten. Letztendlich bewirkt Corporate Happiness die Steigerung des Unternehmenswertes.

Konzerne, in denen die Stimmung schlecht ist, haben eine hohe Fluktuation an Mitarbeitern. Das ist teuer, denn die Besten gehen zuerst. Neue Arbeitskräfte müssen dann per Headhunter gesucht und in aufwendigen Bewerbungsgesprächen ausgewählt werden. Es dauert zudem rund sechs Monate, bis sie vollständig eingearbeitet sind.

Gerade im Bereich Dienstleistung ist es sehr wichtig, dass Mitarbeiter zufrieden sind, denn sie geben dieses Gefühl an den Kunden weiter. So haben Analysen in der Hotellerie ergeben, dass Gäste nicht unbedingt Wert auf eine perfekte Unterbringung legen.

Es ist vielmehr ein freundlicher Service, der sie den Aufenthalt als besonders angenehm empfinden lässt. Zudem erinnert sich das Gehirn der Kunden verstärkt an die letzte Emotion des Aufenthalts, welche überrepräsentiert wird. Hotelliers tun deshalb gut daran, dem Check Out eine besondere Bedeutung zukommen zu lassen.

Unzufriedene Mitarbeiter sind häufiger krank und büßen bei der Arbeit bis zu dreißig Prozent ihrer Leistungsfähigkeit ein – und das jeden Tag. Die Erhebungen des Gallup Institutes 2009 zeigen für deutsche Unternehmen: Durchschnittlich verrichten 66 Prozent der Arbeitnehmer „Dienst nach Vorschrift“, weitere 23 Prozent haben sich innerlich verabschiedet.

In einem 100-Mitarbeiter starken Unternehmen bedeuten diese Zahlen monatlich investierte Personalkosten von rund 80.000 Euro ohne Gegenwert!

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Effizient? Von wegen! Multitasking schwächt die Leistungsfähigkeit enorm (Foto: fotolia)

Effizient? Von wegen! Multitasking schwächt die Leistungsfähigkeit dramatisch (Foto: fotolia)

SAP.info: Leistungsorientierte Gehälter, Yoga-Kurse in der Mittagspause – viele Unternehmen versuchen bereits, auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter einzugehen.

Haas: Mit Maßnahmen wie Hemdenbügelservice, Fitnessstudio oder dem Trainieren von Teamfähigkeit im Hochseilgarten polieren Unternehmen lediglich die Oberfläche der Arbeitsunzufriedenheit. Der erhoffte Return on Investment bleibt dabei aus.

Diese Aktivitäten sind mit der künstlichen, tollen Ausstattung eines Aquariums zu vergleichen, in dem Fische ein komfortables Leben führen. Beengt von gläsernen Scheiben blicken sie jedoch neidisch auf ihre Kollegen, die im großen Ozean ganz in ihrem Element sind.

Studien haben zudem erwiesen, dass ein höheres Gehalt die Zufriedenheit nur kurzfristig beeinflusst, langfristig gesehen jedoch keinen positiven Effekt hat.

SAP.info: Was macht Mitarbeiter dann wirklich glücklich?

Haas: Zunächst ist die Erkenntnis wichtig, dass der Mensch sich in der Evolution entwickelt und sich dabei gewisse Überlebensstrategien angeeignet hat. Unternehmensstrukturen sind jedoch vom Menschen künstlich erdacht und lassen unsere Instinkte teilweise vollkommen außer Acht.

Multitasking etwa ist eine Anforderung, die den Menschen völlig überfordert. Experimente mit Versuchspersonen haben gezeigt, dass diejenigen, die ungestört am Computer arbeiteten, weitaus konzentrierter und effizienter waren, als diejenigen, bei denen regelmäßig neue Emails in einem kleinen Fenster aufpoppen.

In diesen Momenten waren die Probanden so unkonzentriert, wie man es nach einer durchzechten Nacht ist. Und sogar noch weniger leistungsfähig als jemand, der Marihuana geraucht hat.

In einer Studie, die man bei Softwareentwicklern gemacht hat, verbrachten die Mitarbeiter lediglich drei Minuten bei einer Tätigkeit. Die „Rüstzeiten“ im Gehirn und der Verlust von Arbeitskraft sind immens – vom Wohlbefinden der Mitarbeiter ganz zu Schweigen.

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Chef-Mitarbeiter-Verhältnis, das alle zufrieden stellt (Screenshot: Corporate Happiness/Haas)

Chef-Mitarbeiter-Verhältnis, das alle zufrieden stellt (Screenshot: Corporate Happiness/Haas)

SAP.info: Gibt es noch weitere Faktoren, die die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen?

Haas: Aufgrund der Unruhe sind Großraumbüros Gift für effizientes Arbeiten. Ebenso Stress – wir denken, wir haben Stress, weil wir in Zeitnot sind. Doch es ist genau umgekehrt. Die Zeitnot entsteht aus dem Stress heraus, denn unter Druck erwacht in uns der Fluchtinstinkt und wir blenden alles um uns herum aus.

Das kann auf der Flucht vor einem Löwen von Vorteil sein, nicht aber, wenn wir am Schreibtisch vor einem Berg Arbeit sitzen und einen klaren Kopf brauchen. Gibt es dann noch Druck vom Chef, sinkt die Leistungsfähigkeit auf Null.

Auch falsches Lob schadet mehr, als dass es nützt. So wurden in Experimenten Kinder nach dem erfolgreichen Lösen einer Aufgabe für ihre Intelligenz gelobt. Danach trauten sie sich weniger zu. Sie waren gehemmt, weil sie ihre Intelligenz nicht beeinflussen können. Kinder hingegen, die man für ihren Fleiß bei der Aufgabe lobte, wurden selbstsicherer und leistungsfreudiger.

SAP.info: Was können Führungskräfte in Unternehmen besser machen?

Haas: Neben den oben genannten Punkten sollten Vorgesetzte mit Angestellten regelmäßig Gespräche führen, in denen sie gemeinsame Zielvereinbarungen erarbeiten. Für Mitarbeiter ist es wichtig, Eigeninitiative einbringen zu können und für ihre Arbeit geschätzt zu werden.

So hat die Hotelgruppe Upstalsboom, einer unserer Kunden aus der Hotellerie-Branche, den Mitarbeitern einen Tag für ein soziales Projekt ihrer Wahl frei gegeben. Der Koch etwa hat sich bei einem Fest für Kinder eines sozialen Brennpunktes engagiert. Am Ende der Veranstaltung sagte ihm ein Kind, dass es der schönste Tag seines Lebens gewesen sei.

Der Mitarbeiter hat darüber beinahe Freudentränen vergossen und sich den Satz des Kindes auf seine Kochmütze gestickt. Man kann sich vorstellen, wie stolz er auf seinen Arbeitgeber ist, der ihm die Aktion möglich machte. Upstalsboom plant jetzt sogar, den Mitarbeitern jeden Monat einen Tag für ein soziales Projekt zu schenken.

Sehr wichtig ist auch, dass offen über Fehler gesprochen werden darf. In Versuchen mit Arbeitsgruppen hat sich gezeigt, dass die Probanden, die über die meisten Fehler berichteten, letztendlich die effizienteste Gruppe waren – im Gegensatz zu anderen Gruppen, die ihre Fehler vertuschten.

Generell sollte man den Menschen als komplexes Wesen mit seinem Bewusstsein, aber auch mit seinem ihn ständig beeinflussenden Unterbewusstsein ernst nehmen. Nur rund 0,004 Prozent der Außeneinflüsse schaffen es überhaupt in unser Bewusstsein. Im Unterbewusstsein liegt die Kraft.

Das bedeutet nicht, dass wir mit jedem Arbeitnehmer eine Therapie machen müssen, aber eine Führungskraft sollte sich schon über die Wirkung des Unterbewusstseins im Klaren sein. Die positive Psychologie zeigt Wege auf, dies zu beeinflussen, etwa durch die Vermittlung klarer Werte wie Dankbarkeit und Großzügigkeit.

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My Happiness als Basis für Freude im Job (Screenshot: Corporate Happiness/Haas)

My Happiness als Basis für Freude im Job (Screenshot: Corporate Happiness/Haas)

SAP.info: Um die Macht des Unterbewusstseins zu verdeutlichen, gehen Sie in Ihrem Buch zunächst auf „My Happiness“, das Glück des einzelnen Menschen ein.

Haas: Ich möchte dabei dem Leser den Stand der wissenschaftlichen Forschung mit interessanten Ergebnissen von Experimenten vermitteln.

Das Buch bietet zudem gezielte Übungen, die jeder von uns in sein tägliches Leben einbauen kann, und uns jeden Tag ein bisschen glücklicher werden lassen. Dazu müssen wir auch verstehen, dass unsere eigene Gefühls- und Bewertungswelt nicht real ist. Unser Gehirn schafft uns eine subjektive Welt, die wir Realität nennen.

SAP.info: Heißt das, unser gesamtes Leben ist nur Einbildung?

Haas: Experimente haben immerhin gezeigt, dass die Wahrnehmung der gleichen „Realität“ bei Versuchspersonen unterschiedliche Gefühle erzeugte. Das hängt mit der Ausprägung unserer Gehirnstruktur zusammen.

Unsere guten und schlechten Gefühle entstehen vor allem im Stirnhirn. Glücksgefühle zeigen sich im linken Teil, Depressionen und Misstrauen sind hingegen in der rechten Hälfte angesiedelt.

Bei einem Experiment hat man Versuchspersonen Ausschnitte von Spielfilmen gezeigt. Diejenigen Probanden, bei denen der linke Teil des Stirnhirns dem rechten überwog, lachten mehr an den lustigen Stellen und empfanden grausame Szenen als weitaus weniger tragisch.

Zuschauer, deren rechter Teil des Stirnhirns größer war als der Linke, fühlten Tragisches und Grausames sehr intensiv und hatten weniger Zugang zu den guten Gefühlen.

Unterbewusst läuft unser Leben ab und erzeugt die guten und schlechten Gefühle. Das gilt auch für unser Selbstbild. So kann einer Frau, die sich unterbewusst nicht attraktiv findet, das Gefühl von außen kaum genommen werden. Im Spiegel sieht sie ihre Problemzonen völlig überzeichnet, aufrichtige Komplimente interpretiert sie als Mitleid.

Lesen Sie weiter: So lässt sich Glücklichsein trainieren

Meditieren kann glücklich machen (Foto: fotolia)

Meditieren kann glücklich machen (Foto: fotolia)

SAP.info: Sind wir dann je nach Ausprägung unseres Stirnhirns dazu verdammt, glückliche oder unglückliche Menschen zu sein?

Haas: Hier kommt die gute Botschaft der Hirnforschung: Unser Gehirn und damit auch Glück lässt sich trainieren. Grundlegende Änderungen in unserem Gehirn haben wir selbst in der Hand. Wir sind unserem Schicksal also in viel geringerem Maße ausgeliefert als bislang angenommen.

Besonders deutlich wird das bei einer Untersuchung von Mönchen, die durch Meditation ihre Gehirnstruktur massiv verändern konnten. In teilweise über 10.000 Stunden hatten sie sich auf den Augenblick im Hier und Jetzt fokussiert und schlechte Gefühle ausgeblendet. Das Ergebnis überraschte selbst Wissenschaftler: Noch nie zuvor war eine so große Dominanz von linkem zu rechtem Stirnhirn bei Menschen gemessen worden.

Doch auch Rituale und die Pflege von Gewohnheiten sind gute Möglichkeiten, das Gehirn zu formen. Rund dreißig Tage brauchen wir laut Wissenschaftlern, um uns eine neue, bessere Gewohnheit anzutrainieren. Und von dieser kommen wir dann auch nur schwer wieder los.

SAP.info: Kommen wir auf Ihr persönliches Glück zu sprechen – was sind Ihre Ziele mit der Dreamteam Academy?

Haas: Gemeinsam mit meinem Kollegen Prof. Dr. Norbert J. Heigl und seinem TCD Institut liegt mein Aufgabenbereich hauptsächlich in der Forschung und Entwicklung zum Thema positive Psychologie in Unternehmen. Dabei arbeiten wir mit Kooperationspartnern wie der Fachhochschule für angewandtes Management in Erding bzw. der Hochschule für Gesundheit und Sport zusammen.

Wir füttern so zu sagen die Dreamteam Academy stets mit den neuen Erkenntnissen. Coaches, Trainer und Unternehmensberater können sich bei uns zu „Corporate-Happiness-Experten“ ausbilden lassen.

Wir nutzen dabei auch die neuen Medien und kombinieren multimediale e-learning Plattformen mit echten Workshops. So kann jeder zeit- und ortsunabhängig an seiner eigenen Happiness arbeiten. Persönliche und berufliche Veränderungsprozesse lassen sich nur umsetzen, wenn man selbst dran bleibt – Schnellschüsse haben kaum Aussicht auf Erfolg.

Mein Ansatz ist jedoch nicht, andere Menschen zu bekehren. Ich teile das Wissen gerne mit denen, die dafür aufgeschlossen sind. Auch ist es nicht mein Ziel, ein Beratungsprojekt nach dem anderen zu machen – denn das ginge ja auf Kosten meiner persönlichen Happiness.

Thumbnail: fotolia

Titelbild: Shutterstock

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