Das mobile Internet fördert kollektive Aktionen

Feature | 3. November 2003 von admin 0

Mr. Rheingold, bitte erläutern Sie doch für diejenigen, die Ihr Buch nicht kennen, das Konzept der “Smart Mobs”.

Rheingold: Smart Mobs sind Ausdruck einer tief greifenden sozialen Neuausrichtung. Bei diesem gesellschaftlichen Phänomen gibt eine Führungsperson ein allgemeines Ziel vor, das quasi im Vorübergehen von einer sich spontan formierenden Gruppe ausgeführt wird. Deren Mitglieder reagieren flexibel auf sich ändernde Situationen, ohne dafür um Zustimmung zu bitten oder diese zu benötigen.

Immer mehr Menschen kommunizieren unterwegs mit Leuten, die sich an einem anderen Ort aufhalten. Wir erleben derzeit den Aufstieg eines neuen Mediums, vergleichbar mit dem PC in den Achtzigern oder dem Internet in den Neunzigern. Jedes Medium hat ganz spezifische Merkmale. Smart Mobs entstehen durch die Kombination von Mobiltelefon, Internet und PC. Sie verdeutlichen, dass Kommunikations- und Computertechnologie die menschliche Fähigkeit verstärken, gemeinsam etwas zu erreichen. Die Gruppen nutzen die virtuelle Welt, um gemeinsame Aktionen – angefangen von der Straßenpantomime bis hin zu politischer Einflussnahme – zu organisieren und zu koordinieren.

Wie entstand das Konzept der Smart Mobs? Stimmt es, dass Sie in Tokio inspiriert wurden?

Rheingold: Ich kam auf die Idee, als ich Menschen beobachtete. So habe ich in Japan Teenager gesehen, die ihre Mobiltelefone seltsamer Weise immer nur anschauten, anstatt sie ans Ohr zu halten. Der Grund für dieses Verhalten waren Textmeldungen. Angetrieben von bestimmten Textmeldungen strömten die Teenager plötzlich zu einem bestimmten Platz, als ob sie koordiniert handeln würden.

Eine Flut von Textmeldungen löste auch die Demonstrationen mit Millionen von Menschen auf den Philippinen aus, die schließlich dazu führten, dass der ehemalige, der Korruption beschuldigte Präsidente Joseph Estrada gestürzt wurde. Aktuellere Beispiele sind die spontanen Käufer- und Verkäufergemeinschaften im Internet-Auktionshaus eBay. Auch das Terrornetzwerk Al-Kaida nutzt offenbar das Internet und Mobiltelefone, um seine Anschläge zu planen und durchzuführen.
Ich habe Smart Mobs ab Ende 2000 untersucht und in der ganzen Welt Personen interviewt, die mit mobilen Technologien arbeiten und herumspielen. Ich wollte herausfinden, wie sich Smart Mobs in der Realität auswirken. Im Frühjahr 2001 war das Buch fertig.

Ähnlich wie Smart Mobs agieren auch die so genannten “Flash Mobs”. Was glauben Sie, kommt als Nächstes? Welche Technologie wird welche gesellschaftlichen Phänomene auslösen?

Rheingold: Auslöser für Flash Mobs ist meist eine E-Mail, in der jemand verschiedene Leute dazu auffordert, sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort einzufinden. Dort erhalten die Teilnehmer dann genauere Instruktionen zur geplanten Aktion der Gruppe.

Dass sich heute unterschiedliche Technologien einander annähern, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. 1978 hatte ein PC einen Arbeitsspeicher von 16 Kilobyte, die Internetverbindung mit Textschnittstelle war nicht sehr leistungsfähig. Heute ist das Internet nicht einfach nur die Verbindung zweier PCs mit einem Telefonkabel, sondern ein neues Medium mit ganz spezifischen Eigenschaften.
Das mobile Internet ermöglicht Dinge, die früher nicht machbar waren. Dies wird umso deutlicher, je leistungsfähiger die Technologie wird. Das mobile Internet erlaubt kollektives Handeln. Gemeinsame Aktivitäten, die Zusammensetzung einer Gruppe oder der Zeitpunkt eines Treffens lassen sich auf nie da gewesene Weise von unterwegs abstimmen.
Gemeinsames Handeln, mobile Kommunikation und ständige Internetverbindungen ergänzen und verstärken sich gegenseitig. Diese Erfahrung wird zu einem alltäglichen Teil des Lebens werden, wie Auto zu fahren oder die Straße entlang zu gehen.

Sie haben einmal gesagt, dass sich aus diesen Mobs so genannte “Ad-hoc-kratien” bilden. Was bedeutet das?

Rheingold: Das sind Gruppen von Leuten, die sich für ein bestimmtes Ziel selbst organisieren. Menschen, die sich eigentlich nicht kennen, nehmen dabei Kontakt auf. Die frühere Gouverneur von Vermont, Howard Dean, der insgesamt fünfmal zur Wiederwahl angetreten ist, organisiert jetzt Kampagnen mit Textmeldungen für seine Bewerbung um die US-Präsidentschaft. Er ist nicht zuletzt deshalb zu einem Spitzenkandidat innerhalb des politischen Prozesses geworden, weil ein Smart Mob seine Wahlkampagne im Internet organisierte.

Sie sind also der Meinung, Smart Mobs seien politisch einflussreich. Können Sie hierfür Beispiele nennen?

Rheingold: Neben Howard Dean wäre hier der südkoreanische Präsident Roh Moo Hyun zu nennen, der ohne eine von Smart Mobs organisierte Wahlkampagne vermutlich nicht Präsident geworden wäre. Rund 800.000 Südkoreaner erhielten Textmeldungen auf ihrem Mobiltelefon, in denen sie aufgefordert wurden, zur Wahl zu gehen und für Roh zu stimmen. Etwa eine halbe Million Menschen besuchten täglich die Website von Roh, um Geld zu spenden oder aktuelle Wahlkampfinformationen abzurufen.

Smart Mobs haben sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Einige Anwender nutzen die Technologie, um Demokratie zu fördern, andere, um Terroranschläge zu koordinieren. Die Demonstranten der Anti-WTO-Proteste von 1999 nutzten bei ihren als “Schlacht von Seattle” bekannt gewordenen Straßenprotesten dynamisch aktualisierte Websites und Mobiltelefone.

Wie werden Regierungen Ihrer Meinung nach auf diese neuen Möglichkeiten reagieren?

Rheingold: Menschen kooperieren in Smart Mobs in ganz neuer Weise mit Hilfe tragbarer Geräte, die sowohl Kommunikations- als auch Computing-Funktionen besitzen. Langsam aber sicher werden billige Mikroprozessoren in alles Mögliche, etwa in Schuhe oder Kartons eingebunden, es entstehen Möbel und Gebäude mit unsichtbaren intelligenten Kommunikationseinheiten. Macht und Gegenmacht befinden sich in einem ständigen Auf und Ab, das heißt, die Art, wie Macht verteilt ist, ändert sich permanent.

Wir könnten uns vorstellen, dass beispielsweise Medien- und Technologieunternehmen nicht gerade froh darüber sind, dass Verbraucher Technologie aktiv nutzen, statt sie einfach passiv auf sich wirken zu lassen. Was denken Sie?

Rheingold: Ich kann schwer abschätzen, ob künftige Generationen Technologien innovativ nutzen werden, wie etwa PC-Anwender oder Webdesigner. Oder ob sie nur Konsumenten sein werden, abgeschnitten von Innovationsprozess und gefangen in den technologischen und wirtschaftlichen Vorgaben der mächtigsten Interessengruppen.

Der von Ihnen genannte gesellschaftliche Wandel hat sicher auch eine Kehrseite, etwa den Verlust von Privatsphäre. Welche weiteren Nachteile sehen Sie?

Rheingold: Jede wirkungsvolle Technologie hat ihre Schattenseiten. Ich nenne dieses Phänomen nicht ohne Grund “Intelligente Mobs”. Denn das Wort “Mob” weckt negative Assoziationen. Nebeneffekte der neuen Technologien sind Kriminalität, Terror und ein Verlust von Privatsphäre.

Weitere Informationen zu Howard Rheingold und zu Smart Mobs.

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