Das Tagebuch im Web – ein kurzer Draht zu den Kunden

Feature | 27. September 2004 von admin 0

Martin Röll

Martin Röll

Herr Röll, seit wann gibt es das Kommunikationsmedium “Weblogs”, wie ist es entstanden und wie hat es sich entwickelt?

Röll: Weblogs gibt es seit etwa fünf Jahren. In den USA erlebten sie nach dem Anschlägen des 11. September einen Boom: Bürger New Yorks berichteten damals in Weblogs aus der Stadt und waren zeitweise die einzigen verfügbaren Informationsquellen. Anschließend begannen viele, weiter über die politischen Veränderungen in den USA zu schreiben. In Deutschland sind Weblogs seit etwa drei Jahren bekannt. Es gibt rund 40.000 deutschsprachige Weblogs, jeden Monat kommen gut 350 hinzu.

Entstanden sind Weblogs als Tools für das Anlegen von kommentierten Bookmark-Sammlungen: Sie sollten wie ein Logbuch festhalten, was der User im Web gefunden hatte und es anderen verfügbar machen: Ein Link, ein Zitat, ein Kommentar und ab damit ins Web. Die Sammlungen sind stets chronologisch sortiert, sodass das Neuste auf den ersten Blick zu sehen ist und Altes auffindbar bleibt. Aus dieser Ursprungsanwendung haben sich alle heutigen Weblog-Formen entwickelt.

Welche Funktionen übernehmen Weblogs in der Gesellschaft?

Röll: Weblogs machen die Medienlandschaft vielfältiger: Es gibt nicht mehr nur die Nachricht und den Kommentar einiger weniger Publizisten, sondern tausende Stimmen zu einem Thema. Themen oder Meinungen, die in klassischen Medien untergehen, können so eine Öffentlichkeit finden – vorausgesetzt sie werden im Web angenommen. Denn die Veröffentlichung allein garantiert noch nicht, dass eine Botschaft gelesen wird! Nur wenn andere Weblogs darauf verlinken und so die Aufmerksamkeit der Leser steuern, kann ein Blogger größere Personengruppen erreichen. Damit enthält das Medium eine Art demokratische Kontrolle. Wichtig ist, dass sich jeder, unabhängig von Macht und Status, frei äußern kann und die Chance hat, Gehör zu finden.

Gibt es den typischen Blogger? Wie kann man sich die Blogger-Szene vorstellen?

Die Blogger-Szene ist inzwischen ähnlich bunt wie die Gesellschaft: Vom Tagebuch schreibenden, pubertierenden Teenager über den spezialisierten Informatiker bis hin zum Universitätsprofessor ist alles dabei. “Die” Blogger-Szene gibt es aber eigentlich nicht, sondern zahlreiche Gruppen oder Cluster von Weblogs, die um bestimmte Themen, Regionen oder Softwareplattformen zentriert sind. Diese Gruppen sind in sich stark vernetzt, miteinander aber nur lose verbunden. Wer sich einmal in der Ecke der Programmierer-Weblogs verirrt, könnte meinen, dass das schon die ganze Welt ist, bis er die Gruppe der Strick-Bloggerinnen oder der Lawblogs − der Weblogs der Rechtsanwälte − entdeckt. Dazu kommt die so genannte “A-List”: Sehr bekannte Weblogs, wie etwa der “Schockwellenreiter” die von praktisch jedem gelesen werden und so eine verbindende Funktion zwischen den Clustern einnehmen.

In den USA nutzen immer mehr IT-Unternehmen Weblogs als Kommunikationskanal zu ihren Kunden. Wie lässt sich dieser Boom erklären?

Röll: Für viele amerikanische Unternehmen hat die Kommunikation mit Kunden sehr hohe Priorität. Über das Internet mit Kunden zu kommunizieren war bisher aber relativ aufwändig. Weblogs befriedigen hier einen Bedarf, der schon immer da war: Den nach einer unkomplizierten, günstigen aber effektiven Lösung für das Publizieren im Web.

Im Vergleich zu den USA werden Weblogs in Deutschland von den Unternehmen kaum genutzt. Woran liegt das?

Röll: In Deutschland hat die Kommunikation mit Kunden über Medien eine lange Tradition. Die Unternehmen beschäftigen hierfür Pressestäbe und Marketingabteilungen, die Fachabteilungen hingegen fühlen sich oft nicht mehr für die Kommunikation verantwortlich. So bleibt die direkte, persönliche Ansprache des Kunden oft auf der Strecke. Die Unternehmen in den USA haben früher erkannt, dass das Internet die Vorteile der Massenkommunikation mit der persönlichen Ansprache verbindet.

Welche Potenziale bieten die Online-Journale für Unternehmen im Vergleich zu anderen Medien? Gibt es branchenspezifische Unterschiede?

Röll: Mit Weblogs lassen sich sehr spezielle Zielgruppen erreichen. Sie eignen sich deshalb gerade für hochspezialisierte Publikationen. Um interessante Weblogs schart sich oft eine Community von kompetenten Lesern und anderen Webloggern, die Feedback geben kann und als Multiplikator wirkt. Das größte Potential steckt zurzeit in der IT-Branche. Deshalb waren auch Unternehmen wie Microsoft und Sun, aber auch Analysten wie Jupiter Research die ersten, die Weblogs nutzen, um mit ihren Kunden und Partnern zu kommunizieren.

In welchen Unternehmensbereichen lassen sich Weblogs besonders effektiv nutzen?

Röll: Jeder Unternehmensbereich, der mit Kunden und Partnern oder auch einfach mit anderen Bereichen im Unternehmen kommunizieren will, kann Weblogs einsetzen. Gerade wo nicht nur einseitig informiert werden soll, sondern Feedback und Diskussion gewünscht ist, sind Weblogs oft effektiver als beispielsweise E-Mail-Newsletter.

Für die Öffentlichkeitsarbeit sind Weblogs interessant, weil mit ihnen spezielle Zielgruppen erreicht und Feedback vom Markt eingeholt werden kann. Marketing und PR sollten aber nicht den Fehler machen, ihre alten Kommunikationsgewohnheiten einfach auf das neue Medium zu übertragen: Weblogs haben ihre eigene Kultur, die respektiert werden sollte, wenn man erfolgreich sein will. Newcomer sollten in kleinen Schritten vorgehen, experimentieren und lernen.

Muss ein Unternehmen nicht fürchten, dass ihm die Kontrolle über das, was an die Öffentlichkeit gelangt, entgleitet, wenn sich Fachabteilungen in Weblogs äußern?

Röll: Gibt es diese Kontrolle heute noch? Jeden Tag äußern sich Mitarbeiter aus Fachabteilungen in Foren, Communities, Mailinglisten und anderswo in der Öffentlichkeit. Mit einem Weblog bleibt diese Kommunikation noch in der Sphäre des eigenen Unternehmens − die Kontrolle wird also eher verbessert als verhindert!

Was ist auf technologischer Seite notwendig, um ein Weblog aufzubauen?

Röll: Man benötigt einen Webserver, eine Datenbank und eine Weblog-Software. Viele Weblog-Systeme sind als freie Software verfügbar. Außerdem gibt es Dienstleister, die Weblogs im Application Service Providing (ASP) bereitstellen, sodass keine eigene Investition in Technologie erforderlich ist.

Haben Sie eine Vision, wie Weblogs in fünf Jahren aussehen könnten?

Röll: Weblogs werden dann ein fester Bestandteil des Internet sein, so wie es heute Webseiten, Newsgroups und E-Mail sind. Viele Unternehmer, Manager und Unternehmen werden Weblogs führen. Marktforschungsabteilungen werden Weblogs systematisch nach Informationen über ihre Branche und ihr Unternehmen durchsuchen, Presseabteilungen über Weblogs kommunizieren. Außerdem werden Weblogs als persönliche Informations- und Wissensmanagementtools innerhalb von Unternehmens etabliert sein.

Weblogs bei SAP: Manager veröffentlichen in der SAP Community, Entwickler im SAP Developer Network ihre Informationen und Erfahrungen.

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