Den Umbau von Verteidigungsorganisationen unterstützen

Feature | 9. Januar 2006 von admin 0

15. Juni 2005. Auf der Ostsee in der Nähe Gotlands befindet sich die deutsche Fregatte “Brandenburg” auf der Jagd nach feindlichen U-Booten. Während dieser Mission muss das Schiff natürlich gegen Angriffe aus der Luft abgesichert sein. Dabei helfen ein leistungsstarkes Radargerät und See-Luft- Raketen. Aufgrund technischer Ausfälle ist aber das Radar nicht einsatzfähig, die benötigten Ersatzteile sind nicht an Bord. Schiff und Besatzung schweben in Gefahr. Deshalb wird eine Anfrage in das dezentralisierte mySAP ERP der Fregatte eingegeben und zum Einsatzhauptquartier in Lillehammer, Norwegen, weitergeleitet. Dort wird die Anfrage in der zentralen mySAP-ERP-Instanz bearbeitet. Da die entsprechenden Ersatzteile nicht zügig aus einem deutschen Lager angeliefert werden können, ergeht eine Bitte um logistische Unterstützung an das norwegische Befehls- und Kontrollsystem, das mit der SAP NetWeaver Exchange Infrastructure und einem NATO-Standardformat arbeitet. Nur eine Stunde startet ein Hubschrauber, um das Ersatzteil abzuholen.
Zukunftsmusik oder Best-Practice-Support der Spitzenklasse?

Wie alles begann

Vor etwa zehn Jahren begannen militärische Einrichtungen weltweit SAP R/3 zu implementieren, um angesichts der ständigen Weiterentwicklung von Unternehmenssoftware nicht ins Hintertreffen zu geraten. Ein wichtiger Beweggrund war auch, dass der Einsatz verschiedener Insellösungen, etwa in den Bereichen Wartung, Logistik, Finanzen und Personalwesen, einen enormen Integrationsaufwand nach sich zog. Zudem mussten Heer, Luftwaffe und Marine nach dem Ende des Kalten Krieges noch enger in Ad-hoc-Koalitionen zusammenarbeiten als vorher. Für eine solchermaßen vernetzte Kriegsführung ist es aber entscheidend, Informationen zügig weiter zu leiten – und das wiederum verlangt ein hohes Maß an Systemintegration. Gefragt sind daher Strategien und Taktiken, um vernetzte Streitkräfte optimal zu stationieren, zu führen und zu unterstützen – man denke nur an die NATO, die ihre Kontingente aus verschiedenen Mitgliedsländern in kürzester Zeit fast überall in der Welt in den Einsatz führen muss.
Zunächst nutzten die Militärs die SAP-Lösungen nur für die logistischen und administrativen Prozesse in Friedenszeiten. Bedingt durch immer häufigere Auslandseinsätze auch außerhalb des NATO-Gebiets wurden jedoch bald operative Strukturen für diese Missionen notwendig, die sich entsprechend der jeweiligen Situation schnell und flexibel anpassen lassen.
Ein Beispiel: Die US Army mit ihrem Global Combat Support System versucht, der Armee ein “nahtloses, integriertes, modulares und interaktives Informations- und Betriebssystem zur Unterstützung von Kampfeinsätzen auf allen Support-Ebenen” zur Verfügung zu stellen. Alle Informationen, die zur Unterstützung der kämpfenden Truppen bei einem Einsatz notwendig sind, müssen in einer zusammenhängenden Systemlandschaft verfügbar sein. Jede Materialanforderung muss rasch und lückenlos von der Front zur Fabrik weitergeleitet werden.

Ein neues Lösungs-Portfolio

Für diese Aufgabe fanden sich im SAP-Portfolio bereits Unterstützungsmöglichkeiten, bevor spezielle Entwicklungen für den Verteidigungssektor angegangen wurden. Was fehlte, waren die für die Streitkräfte typischen Hauptprozesse. Diese Lücke wurde geschlossen mit einem strategischen Entwicklungsprojekt bei der Deutschen Bundeswehr und der Einführung eines neuen Portfolios an Branchenlösungen, das im Jahr 2004 mit SAP for Defense & Security startete. Das zugrunde liegende mySAP ERP 2005 erfüllt alle Voraussetzungen, um die logistischen und administrativen Prozesse des Militärs zu unterstützen – auch innerhalb einer verteilten Systemlandschaft. Dies führt zu einem flexiblen Organisationsmanagement, das vollständig in die logistischen Prozesse eingebunden ist. Es entsteht eine verteilte mySAP-ERP-Systemlandschaft, in der auch Lösungen auf Basis von SAP NetWeaver Mobile möglich sind.

IT-Szenario von CWID

IT-Szenario von CWID

Wie wirkt sich das nun auf das Beschaffungsproblem der Fregatte “Brandenburg” aus? Heute ist es möglich, an Bord einer Fregatte eine dezentralisierte mySAP-ERP-Lösung zu verwenden, die wenig Verwaltungsaufwand erfordert und sich darüber hinaus alle Möglichkeiten der Unterstützung von außen zu Nutze macht. Wie die Coalition Warrior Interoperability Demonstration (CWID 2005), eine große, NATO-geführte Übung zur Interoperabilität, zeigte, führten selbst ungeplante Ausfälle der Satellitenverbindung zwischen Fregatte und Hauptquartier nicht zu Datenverlust. Sobald die Kommunikation wiederhergestellt war, hat sich das System selbsttätig wieder verbunden und einen automatischen Update durchgeführt.

Aber darf man schon von „Vernetzung“ sprechen, wenn mehrere ERP-Instanzen miteinander verknüpft sind?

Verteidigungslösungen besser integrieren

Natürlich ist ERP nur ein Bestandteil dessen, was unter dem Akronym BMC4ISR – “Battle Management, Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance and Reconnaissance” – zusammengefasst ist. Um Kampfoperationen zu unterstützen, sind außerdem Lösungen für den Waffeneinsatz, die Nachrichtenerfassung, die Sensorfusion, Befehls- und Kontrollinformationssysteme sowie ein breites Spektrum an Kommunikationstechnologie notwendig. Vorrangiges Ziel von BMC4ISR ist es, dem militärischen Befehlshaber ein Bild der laufenden Operation, ein so genanntes Common Relevant Operational Picture (CROP), zu liefern. Die Deutsche Bundeswehr führt zu diesem Zweck gerade eine vollständig integrierte ERP-Lösung und ein neues Joint Command and Control Information System (JCCIS) ein.
Eine ERP-Lösung stellt zahlreiche Informationen zur Verfügung, die der Unterstützung der kämpfenden Truppe dienen. Dazu gehören die aktuelle Operationsstruktur, die Organisation bestimmter Aufgaben, alle Informationen zu Waffensystemen und Beschaffungsketten sowie der Bereitschaftszustand und Status der Streitkräfte. Diese Daten müssen der Operationsplanung verfügbar gemacht werden. Diese nahtlose Integration lässt sich mit dem SAP Net Weaver als Plattform erreichen. Er stellt alle notwendigen Services bereit und erleichtert damit den Planungsprozess ungemein.
Was sich mit Hilfe modernster Technologie erreichen lässt, hat SAP bei der CWID 2005 in Lillehammer gezeigt. mySAP ERP liefert Daten, die für NATO-Standardservices geeignet sind. Es war zum Beispiel möglich, Informationen zu Struktur und Ressourcen der NATO Response Force (NRF) an ADAMS, das Softwaresysteme der Alliierten, zu übermitteln, um Truppeneinsatz und -bewegung zu koordinieren. Auf diese Weise konnte ein detaillierter Einsatzplan erstellt werden. Mit Hilfe des NATO-Standardformats gemäß dem Protokoll ADatP-3, mit dem sich Informationen nach einem einheitlichen Datenmodell gemeinsam nutzen lassen, konnten organisatorische Daten an die Befehls- und Kontrollsysteme gesendet werden. Dabei wirkte SAP NetWeaver als Plattform, die eine Enterprise Service Architecture innerhalb einer militärischen Verteidigungsorganisation möglich macht. Die Funktionalität, die sich bei dieser Übung bewährt hat, wird schon als Add-on für mySAP ERP 2005 lieferbar sein.

Web-Services in der Welt militärischer Verteidigung

Innerhalb einer Architektur auf Basis von Web-Services werden die militärischen Befehlshaber informiert, wenn ihre Soldaten auf dem Feld Unterstützung benötigen oder es Versorgungsengpässe gibt. Mithilfe der Lösung Mobile Defense kann zum Beispiel ein Beschaffungsoffizier die Menge benötigter Munition für seine Truppe in ein mobiles Endgerät eingeben. Diese Information wird über Middleware an eine benachbarte dezentrale ERP-Lösung übertragen. Das kann via Satellitenverbindung, Festnetz oder taktischen VHF-Funk geschehen. Die ERP-Lösung greift auf die heimische Basis zu und leitet die Anfrage beispielsweise an die zentrale Instanz von SAP Advanced Planning & Optimization (SAP APO) weiter. Die Lösung arbeitet den Auftrag entweder vor Ort ab oder leitet ihn an einen externen Lieferanten weiter.
Das Operationstempo und die enge Verknüpfung aller beteiligten Systeme stellt natürlich neue Herausforderungen an die Informationssicherheit. Zusätzlich zu einem umfassenden Rollen- und Autorisierungskonzept ist es erforderlich, die Daten in einem gestaffelten System von Sicherheitsstufen zu kennzeichnen. Diese Stufen müssen auch auf der Benutzeroberfläche ersichtlich sein. SAP for Defense & Security entwickelt momentan einen Prototyp, um Einstufungen (wie “streng geheim”) und besondere Benutzerhinweise (wie “keine anderen Nationalitäten”) einzugeben und darzustellen. Dieses Projekt wurde zusammen mit der Defense Interest Group (DEIG), der Benutzergruppe für den Verteidigungssektor, festgelegt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass SAP die Weiterentwicklung der Streitkräfte zu vernetzten Unternehmen unterstützt, indem alle notwendigen Informationen auf einer Plattform integriert. Damit schafft sie die Voraussetzungen für einen Quantensprung bei der operativen Effektivität und Effizienz.

Dr.  Achim Krüger

Dr. Achim Krüger

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