Der größte gemeinsame Nenner

Feature | 14. April 2003 von admin 0

Hydraulische Feinschneidepresse von Feintool

Hydraulische Feinschneidepresse von Feintool

Als Hersteller von Umform- und Feinschneideanlagen, Systemen für die automatisierte Montage sowie Komponenten und Multifunktionsteilen behauptet sich Feintool im umkämpften Investitionsgütermarkt. Angesichts des hohen Wettbewerbsdrucks sind effiziente Strukturen und Geschäftsprozesse erforderlich, um die Marktposition auszubauen. So steht Feintool unter anderem vor der Herausforderung, auf Nachfrageschwankungen flexibel zu reagieren und die Balance zwischen niedriger Lagerkapazität und hoher Lieferbereitschaft zu halten.

Feintool im Portrait

Feintool im Portrait

Diese Aufgaben bewältigte Feintool bislang mit einer gewachsenen, heterogenen Systemlandschaft, welche die organisatorische Struktur des Unternehmens widerspiegelte: Die Firmengruppe mit Stammsitz im schweizerischen Lyss besteht aus rund 25 Gesellschaften, die weitgehend eigenständig agieren. Fünf dieser Unternehmen bedienten sich für ihre Geschäftsprozesse eines SAP-R/3-Systems. In den anderen kamen weitere, unterschiedliche Enterprise-Resource-Planning (ERP)-Systeme zum Einsatz, darunter auch individuell entwickelte Programme.
Aufgrund dieser heterogenen IT-Struktur fehlten allerdings konsistente Daten, um reibungslose Geschäftsprozesse in den einzelnen Gesellschaften und zwischen verschiedenen Unternehmen der Feintool-Gruppe zu gewährleisten. Die Folge waren Produktivitätsprobleme. Darüber hinaus war die Pflege der unterschiedlichen Systeme sehr aufwändig und kostenintensiv.

Eine IT-Lösung für 25 Firmen

Diese Schwierigkeiten gehören bald der Vergangenheit an. Feintool konsolidiert zurzeit schrittweise seine IT-Landschaft und löst die unterschiedlichen Anwendungen durch eine auf der mySAP Business Suite basierende Systemumgebung ab. “Unser vorrangiges Ziel ist es, firmenweit einheitliche, optimierte und mehrfach einsetzbare Standardgeschäftsprozesse auf der Basis einer ERP-Software zu nutzen, um damit die Produktivität in der gesamten Gruppe zu steigern”, erläutert Manfred Gyger, IT-Leiter von Feintool. “Zudem wollen wir die zahlreichen Anwendungssysteme auf eines, nämlich auf SAP, reduzieren und damit die IT-Kosten senken.” Bei der Auswahl des Systems sahen die Verantwortlichen bei Feintool in der SAP-Lösung die größte Chance, die Geschäftsprozesse des weit verzweigten Unternehmens umfassend abzubilden. Ein weiteres Argument waren die guten Erfahrungen, die fünf Feintool-Gesellschaften bereits mit SAP R/3 gesammelt hatten.

Werkzeugmacher bei Feintool

Werkzeugmacher bei Feintool

Allen Beteiligten war klar, dass es ein anspruchsvolles Vorhaben ist, für die 25 Mitglieder der Firmengruppe mit ihren unterschiedlichen Anforderungen ein einheitliches System bereitzustellen. Feintool meisterte die Aufgabe gemeinsam mit dem SAP-Dienstleister Process Partner AG aus St. Gallen, einem Tochterunternehmen der AC-Service AG, Stuttgart. “Wir haben in früheren Projekten bereits sehr gute Erfahrungen mit Process Partner gemacht und waren von dem ausgewiesenen SAP-Know-how überzeugt”, erläutert Gyger die Wahl des Implementierungspartners.

Passgenauer Prototyp

Der Startschuss für das Projekt fiel Ende 2001. Ein aus Mitarbeitern von Feintool und Process Partner bestehendes Team erarbeitete zunächst die Einführungsstrategie. Sie bestand darin, zuerst einen möglichst passgenauen Prototyp auf Basis der mySAP Business Suite zu erstellen und diesen anschließend in einem mehrstufigen Rollout in den einzelnen Feintool-Gesellschaften einzuführen. Der Prototyp sollte die Kerngeschäftsprozesse aller Gesellschaften abbilden und aus den SAP-Funktionalitäten für Finanzwesen (FI) mit Ergebnisrechnung, Materialwirtschaft (MM), Customer Service (CS), Produktionsplanung (PP), Projekt System (PS), Vertrieb, (SD) und Human Resources (HR) bestehen.
Für die Entwicklung des Templates, die Anfang 2002 begann, analysierte das Projektteam die Geschäftsprozesse der einzelnen Gesellschaften und definierte den benötigten Abdeckungsgrad. Das Ergebnis: 80 Prozent der Geschäftsvorfälle werden durch den Prototyp abgedeckt, die restlichen 20 Prozent sind gesellschaftstypische Sonderanforderungen. Diese werden, wie im Falle von Lagermanagement oder Reporting, entweder beim Customizing für einzelne Firmen programmiert. Oder aber die Gesellschaft verzichtet auf die Darstellung spezifischer Geschäftsprozesse und nutzt ausschließlich den Standard.
Der Standard beinhaltet die wesentlichen firmenübergreifenden Geschäftsprozesse, etwa Produktion und Vertrieb von Lagerprodukten oder Vorkalkulation, Entwicklung und Design von neuen Anlagen. Nicht enthalten ist allerdings das Personalwesen, da es sehr länderspezifisch und von gesetzlichen Vorgaben abhängig ist. Es wird daher unmittelbar vor dem Rollout für die einzelne Gesellschaft aufgesetzt.
Im Juli 2002 stand der Prototyp zur Verfügung, als Termin für den Produktivstart bei Feintool in der Schweiz wurde der 1. Oktober anvisiert. Damit hatten die IT-Experten nur zweieinhalb Monate Zeit für die Einführung. “Wir haben das enge Zeitfenster eingehalten: 64 User konnten pünktlich mit SAP arbeiten. Dazu haben das Engagement aller Beteiligten und die Qualität unseres Feintool-Templates beigetragen”, bilanziert IT-Experte Gyger.

Feuertaufe bestanden

Mit dem Produktivstart der SAP-Lösung in der Schweiz setzte Feintool einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen IT-Umgebung. Gyger: “Wir haben die Feuertaufe für den Einsatz des Templates bestanden und ein Instrument geschaffen, mit dem wir die IT firmenweit für Wettbewerbssteigerungen nutzen können.”

CAD-Konstrukteur bei Feintool

CAD-Konstrukteur bei Feintool

Im Laufe dieses Jahres wird die SAP-Lösung zunächst in Deutschland und anschließend bei den internationalen Feintool-Gesellschaften implementiert. Im Endausbau werden rund 750 Feintool-Mitarbeiter mit dem einheitlichen SAP-System arbeiten. Die Software läuft mit einer Oracle-Datenbank unter Windows NT/2000 auf IBM-Rechnern.

Praktikable Lösung

“Wir waren bestrebt, nicht den kleinsten, sondern den größten gemeinsamen Nenner zu finden, was uns sicherlich gelungen ist. Zudem wollten wir eine praktikable Lösung entwickeln, die natürlich auch Kompromisse beinhaltet”, erläutert Gyger das Erfolgsrezept. Zum einen beschränkte sich das Projekt zunächst auf das Notwendige, um den Implementierungsaufwand und die Komplexität beherrschbar zu halten. Zusätzliche “Bonbons”, die durch das System ebenfalls hätten abgedeckt werden können, wurden konsequent zurückgestellt. So bearbeitet Feintool Einkaufsbestellungen derzeit noch nicht per E-Mail, sondern auf dem Papierweg. Auch die Variantenkonfiguration der Feintool-Produkte bei Kundenbestellungen lässt sich bislang nur manuell durchführen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll dies aber mit dem SAP-Konfigurator direkt über das System möglich sein.
Die neuen, konzernweit einheitlichen Prozessabläufe bedeuteten für die involvierten Gesellschaften, sich auf geänderte Arbeitsweisen einzustellen und interne Prozesse umzugestalten. Dies gilt unter anderem für das Rechnungswesen, das an die im Prototyp umgesetzten Standards angepasst werden muss, damit Auswertungen konzernweit vergleichbar sind.

Flexibel erweiterbar

Die Vorteile der durchgängigen SAP-Lösung liegen auf der Hand: Im Vergleich zu einer heterogenen Applikationswelt sind Informationen leichter zugänglich, da Medienbrüche vermieden werden. Die Daten müssen nur ein Mal erfasst werden und stehen dann konsistent allen Beteiligten zur Verfügung. Dies verbessert nicht nur den Datenaustausch zwischen den Gesellschaften der Firmengruppe erheblich, sondern beschleunigt auch die Geschäftsprozesse. Darüber hinaus sinken die IT-Betriebskosten, da der Aufwand für Wartung und Support verschiedener Anwendungssysteme entfällt.
Feintool hat künftig die Möglichkeit, das SAP-Template entsprechend dem Bedarf der Tochtergesellschaften zu erweitern. Das Unternehmen denkt unter anderem an Funktionalitäten für das Customer Relationship Management (CRM).

AC-Service

Daniel Eberle

Daniel Eberle

Leave a Reply