Der virtuelle Tastsinn

Feature | 19. Dezember 2007 von admin 0

Internet zum Anfassen – wie kann man sich das vorstellen?

Steinmetz: Das haptische Internet funktioniert über Force-Feedback, also eine Rückmeldung von Kraft. Wenn Sie zum Beispiel mit einer Schere Papier zerschneiden, spüren Sie den Widerstand des Papiers. Das wiederum gibt Ihnen ein Gefühl dafür, wie Sie schneiden müssen. Mit Sensoren ausgestattete Geräte ermöglichen es nun, dieses Force-Feedback aufzunehmen und als digitalen Datensatz beliebig oft zu reproduzieren.

Was für einen Sinn hat das haptische Internet?

Steinmetz: Der Sinn liegt in der Vereinfachung der Kommunikation. Mein Ziel ist die nahtlose Kommunikation, also ein Szenario, in dem Menschen von miteinander vernetzten Geräten bei ihrer Interaktion unterstützt werden, also zum Beispiel bei der Arbeit an einem gemeinsamen Projekt von verschiedenen Städten aus. Und zwar ohne Zutun des Nutzers: die Technik arbeitet unsichtbar im Hintergrund. Technische Neuerungen, die das Leben vereinfachen, sind notwendig und das haptische Internet wäre ein großer Schritt in diese Richtung. Stellen Sie sich vor, Sie könnten im Internet eine Kamera sehen und anfassen. Sie könnten zum Beispiel fühlen, wie die Kamera in der Hand liegt und sich die Knöpfe bedienen lassen.

Wie könnte eine nahtlose Kommunikation aussehen?

Steinmetz: Nahtlos bedeutet im Fall des Kamerakaufs, dass man keine Kenntnisse eines IT-Fachmanns benötigt oder extra Geräte kompliziert anschließen und bedienen muss, um über das Internet fühlen zu können. Nehmen wir zum Vergleich die Auto-Mechanik. Als Bertha Benz, die Gattin des Automobilerfinders Carl Benz, Ende des 19. Jahrhunderts die für damalige Verhältnisse enorm weite Strecke von Mannheim nach Pforzheim mit dem Automobil zurücklegte, musste sie nach nur knapp 100 Kilometern die Benzinleitungen mit ihrer Haarnadel reinigen. In der Computertechnik sind wir heute so weit, wie damals in der Automechanik. Denn wer einen Computer besitzt, muss technisches Verständnis mitbringen, um das System einzurichten und optimal zu nutzen; um Fehlermeldungen auch nur zu verstehen oder Fehler gar zu beheben. Oder aber wir müssen jemanden kennen, der sich mit Computern auskennt. Was wir dringend für eine moderne Kommunikation benötigen, ist eine sich selbst organisierende verlässliche Technik, so wie das Auto eben heutzutage auch weitgehend einfach zu bedienen ist.

In welchen Szenarien wird der virtuelle Tastsinn zur Anwendung kommen?

Steinmetz: Im Bereich von Computerspielen gibt es bereits einfache und gar nicht teure Anwendungen. Dieser Bereich wird sich sicher sehr schnell weiterentwickeln. Aber auch in der Chirurgie wird die Haptik eine Rolle spielen. Insbesondere bei minimal-invasiven Operationen – die ja immer häufiger herkömmliche Operationen ersetzen – ist der Tastsinn extrem wichtig, zumal das Sehen eingeschränkt ist. Wie bei dem vorhin angeführten Beispiel der Schere lernen Studenten, wie sich bestimmte Organe anfühlen, ohne es am lebenden Patienten ausprobieren zu müssen. In Zukunft könnten endoskopische Geräte aus der Ferne bedient werden. Wenn in einem kleinen Krankenhaus in Norddeutschland bei einem Patienten ein Tumor entdeckt wird, aber kein Spezialist vor Ort ist, kontaktieren die Ärzte zum Beispiel die Berliner Charité. Ein Spezialist dort könnte den Tumor ertasten und gegebenenfalls die OP über den Computer durchführen.

Langfristig wird das haptische Internet außerdem das Online-Shoppen revolutionieren. Wir werden das Fell des Kuscheltieres fühlen können, das wir für unseren Nachwuchs erstehen möchten – oder den Stoff unseres neuen Anzugs.

Welche technischen Geräte sind notwendig, um beispielsweise weiche, raue oder feste Materialien zu unterscheiden, um also seinen Tastsinn im Internet einzusetzen?

Steinmetz: Bleiben wir als Beispiel beim Anzug: Der Verkäufer streift sich einen Handschuh über, der mit Sensoren ausgestattet und an den Computer angeschlossen ist. Mit diesem Gerät ertastet er den Anzug. Im Moment sieht ein solcher Handschuh noch so ähnlich aus wie im Film „Edward mit den Scherenhänden“. Über kurz oder lang werden diese Handschuhe natürlich bequemer werden. Via Internet stellt der Verkäufer dann die erfassten Daten bereit. Der Kunde benötigt ebenfalls einen solchen Handschuh und darüber hinaus ein haptisches Abspielgerät, vergleichbar einem Videoplayer. Mit Hilfe des haptischen Players werden die ertasteten Daten auf seinen Handschuh übertragen, und er fühlt den Stoff, als ob er ihn tatsächlich in den Händen hielte. Einfache Handschuhe mit wenigen Sensoren gibt es für Computerspiele schon heute für wenig Geld im Handel.

Warum halten Sie einen Format-Standard beim haptischen Internet für wichtig?

Steinmetz: Mit einem gängigen Standardformat, wie bei digitalen Fotografien etwa das JPG-Format, kann man mit einem weiten Personenkreis kommunizieren. Wie beim Standard für digitale Bilder wollen wir ein Format finden, das die Informationen des Tastsinns abbildet und überträgt – und zwar so, dass möglichst viele Endgeräte diese Daten verstehen. Professor El Saddik ist absoluter Experte für dieses Datenformat „haptic-xml“.

Welchen Hemmnissen sehen Sie sich bei der Datenübertragung gegenüber?

Steinmetz: Das derzeit drängendste Problem ist die Echtzeit-Übertragung mit der notwendigen Qualität. Das Force-Feedback ist in sehr enge zeitliche Rahmenbedingungen eingebunden. Wenn Sie zum Beispiel mit Ihrer Schere den Papier-Widerstand mit einer Sekunde Verzögerung spüren, ist es zu spät, und das Papier ist zerschnitten. Das gilt genauso für Operationen und andere Anwendungen.

Wir telefonieren über das Internet und schauen uns dabei per Webcam in die Augen. Wird man bald auch einen Händedruck erfühlen können?

Steinmetz: Ja, und dennoch wird der persönliche Kontakt immer essentiell bleiben. Auch Videokonferenzen haben Geschäftsreisen nicht entbehrlich gemacht. Das Internet, und damit auch das haptische Internet, ersetzt die persönliche Kommunikation nicht. Aber es vereinfacht sie.

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