Soccer team in a huddle

Nur nicht die Bodenhaftung verlieren

Feature | 7. August 2017 von Peter Townsend und Carmen Peter 4

Der zehnte SAP Design Talk hatte Barry Katz zu Gast – und der Design-Veteran wusste zu überzeugen.

„Wir haben uns einen Platz an der Tafel erkämpft. Man hört uns endlich zu. Jetzt sollten wir besser auch etwas zu sagen haben“, sagte Autor, IDEO-Mitglied und Design-Historiker Barry Katz. Vor einem interessierten SAP-Publikum legte er dar, wie das Thema Design im Silicon Valley über Jahre hinweg stetig an Bedeutung gewonnen hat. Inzwischen sitzen die Designer sogar mit den Entscheidungsträgern an einem Tisch.

Mit viel Humor, bestechender Offenheit und zahllosen Anekdoten zu Produkten, Persönlichkeiten und Branchenvorreitern, mit denen er im Laufe seines Lebens zu tun hatte, nahm Katz das Publikum mit auf eine Zeitreise. Dabei zeichnete er die Entwicklung des Designs nach, das nicht nur wesentlich an Einfluss gewonnen hat, sondern sich inzwischen auf eine Vielzahl von Bereiche erstreckt. Heute befasst man sich als Designer zunehmend auch mit Herausforderungen wie Bildungskonzepten für Flüchtlinge oder der Bekämpfung von Fettleibigkeit in Industrienationen.

Barry Katz, der ähnlich „kompakt“ und geschichtsträchtig ist wie der berühmte HP-35-Taschenrechner aus dem Jahre 1972 (dem Gründungsjahr von SAP), lebt bereits seit 1981 in Palo Alto. Seine Kenntnisse zur Geschichte des Designs im Silicon Valley und der gesamten Bay Area sind so beeindruckend wie die Zahl seiner Tätigkeiten. Der Autor solch erfolgreicher Bücher wie Change by Design: Wie Design Thinking Organisationen verändert und zu mehr Innovationen führt (mit Tim Brown) und Make It New: The History of Silicon Valley Design trat vor zwanzig Jahren als erstes Mitglied der Design-Schmiede IDEO bei.

Barry Katz mit dem HP-35-Taschenrechner.

„Der Vorteil daran ist, dass sie mich nicht einfach feuern können,“ witzelt Katz wie ein Dozent, der seine Studenten zu erheitern sucht. Und das kommt nicht von ungefähr, denn Katz ist Professor an gleich zwei renommierten Hochschulen. In Stanford besteht seine Aufgabe selbsterklärtermaßen darin, „Studenten der Ingenieurwissenschaften dazu zu bringen, sich Gedanken über Design zu machen,“ während er am angesehenen California College of the Arts in San Francisco, Kunststudenten versucht, dazu zu motivieren, „sich mehr mit Wissenschaft und Technik auseinanderzusetzen.“

Das Bewusstsein, dass sich das Design-Spektrum stark erweitert hat, und dass Design vom einstigen Glied in der Kette zum Dreh und Angelpunkt geworden ist, beeinflusst sowohl Gegenwart als auch Zukunft des Designs. Die Bay Area rund um San Francisco verzeichnet die größte Dichte an Designern weltweit. „Design ist inzwischen zur kritischen Einflussgröße geworden, denn die zugrundeliegenden Technologien verzahnen sich immer stärker.“ Daher sehen wir auch immer mehr Designer in wichtigen Funktionen innerhalb von Unternehmenshierarchien, eben am besagte „Platz an der Tafel“. Manche sind sogar selbst zu Startup-Gründern geworden.

Wichtig: Der Blick über den Tellerrand

Für das Publikum im beschaulichen Walldorf scheint der geschäftige Nabel der Produkt- und Startup-Welt um das Silicon Valley und die San Francisco Bay Area herum jedoch weit weg von der eigenen Lebensrealität. Was können also Designer und Nicht-Designer bei SAP aus Katz‘ Vortrag mitnehmen? Nun, eine Ermutigung, die zugleich Mahnung ist. Für ein Unternehmen der Größe SAPs sei die Hinwendung zum Design eine „beeindruckende Leistung“. Es sei jedoch wichtig, dass SAP bei allem Erfolg von Themen wie Design Thinking „nicht die Bodenhaftung verliert“.

Impressionen vom Design Talk in Walldorf.

Denn wie Katz treffend beschreibt, ist Design Thinking kein „magischer Prozess, bei dem am Ende automatisch ein perfektes Produkt herauskommt“. SAP sollte mit anderen Worten nicht vergessen, auch genau hinzusehen, was sich in Branchen jenseits betriebswirtschaftlicher Software tut; allen voran in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie. Nur so hätte man die Chance, wirklich innovativ zu bleiben und sich dauerhaft von der Konkurrenz abzuheben. Die käme zunehmend aus unterschiedlichen Bereichen.

Katz’ Design-Studenten bezeichnen die beiden Verwerfungen des berüchtigten San-Andreas-Grabens („San Andreas Fault“), der ihre Institute in Bay Area und Silicon Valley aufteilt, in einem Wortspiel gerne als „my fault“ und „your fault“. Man könnte also sagen, dass die Design-Branche für Erschütterungen in der gesamten Region sorgt. Aber immerhin für positive.

Im Rahmen der SAP Design Talks sind regelmäßig Vertreter der internationalen Design-Welt bei SAP zu Gast. Die Veranstaltung findet für SAP-Mitarbeiter an verschiedenen Standorten statt.

 

Tags: , ,

Leave a Reply