“Die Allgegenwart von Technik weicht die persönliche Verantwortung auf”

Feature | 5. Januar 2004 von admin 0

Joseph Weizenbaum

Joseph Weizenbaum

Herr Weizenbaum, welche Bedenken haben Sie angesichts einer weitgehend vernetzten Computerwelt?

Weizenbaum: Pervasive Computing – die Allgegenwart von Computern – ist ein Zustand, wie beispielsweise die Hitze in Afrika. Niemand hat das geplant, es gab keine Konferenz, auf der es beschlossen wurde, und niemand kann sagen, wir schaffen das wieder ab. Der Zustand ist ebenso gewachsen, wie wir heute Autos ganz selbstverständlich nutzen. Auch bei diesem Beispiel ließe sich fragen, ob das sinnvoll ist, mit all den Staus, den Abgasen, dem Verbrauch der Erdölressourcen. Genauso unreflektiert verwenden die Menschen heute ungeheuer viele Computer, und viele davon sind vernetzt. Dieser Zustand hat Konsequenzen, manche davon ein Segen, andere das Gegenteil.

Ich sehe da eine gewisse Analogie zum Telefon. Zu Beginn waren da wohl Zweifel spürbar, ob sich damit etwas Sinnvolles anfangen lässt. Jeden anrufen zu können, ist kein überzeugendes Argument – jedenfalls dann nicht, wenn es insgesamt nur 200 Telefone gibt. Der Nutzen beim Telefon liegt tatsächlich darin, dass es heute überall vorhanden ist, allgegenwärtig wurde. Der Zustand mit dem PC ist ein ähnlicher. Wir befinden uns an der Schwelle zur Pervasiveness, PCs sind weit verbreitet und oftmals auch vernetzt. Das verändert unsere Gesellschaft. Ich meine damit beispielsweise den Druck, der auf uns allen lastet, sehr schnell zu reagieren. Beispielsweise verlangt eine E-Mail nach einer schnellen Reaktion.

Ich dachte immer, der Vorteil bei der E-Mail wäre, nicht unmittelbar reagieren zu müssen?

Weizenbaum: E-Mail ist ein weiteres Beispiel des Zustandes der Erwartung, dass schnell reagiert wird. Ich führe hier keine Klage gegen die E-Mail, sie ist eher eine Metapher für die Geschwindigkeit beziehungsweise die Pausenlosigkeit, die wir hergestellt haben. Pausenlosigkeit, das ist der Kern der Sache. Jeder ist immer erreichbar. Die ganze Welt beschleunigt sich, alles ist dringend, und wo alles dringend ist, ist nichts mehr dringend, und damit schlittern wir in eine Bedeutungslosigkeit hinein.

Ist das eine grundsätzliche Kritik an der Ökonomisierung der Welt, dass wir auch unser Privatleben Effizienzüberlegungen unterordnen?

Weizenbaum: Die kurze Antwort ist: Ja. Ich will ja beispielsweise ein Mobiltelefon. Meine Position in der Gesellschaft “zwingt” mich, eines zu haben. Ich könnte rebellieren, aber damit würde ich mich aus der Massengesellschaft ausschließen. Nun könnte jemand sagen, das ist aber doch nicht die Schuld der Technologie und der Computers. Das ist es natürlich nicht, Computer haben keine Schuld, es ist die Oberflächlichkeit, mit der wir in diesen Zustand rutschen, und die ist verantwortungslos.

Sehen Sie eine Aufweichung von persönlicher Verantwortung durch Pervasive Computing?

Weizenbaum: Ja, und da gibt es für mich ein Paradebeispiel: In den 80er Jahren ist die amerikanische Börse nach einem elektronisch induzierten Börsenkrach zusammengebrochen, der Markt verlor damals immens an Wert. Warum? Systeme wie das der Börse sind nicht stabil. Betrachten sie zum Beispiel ein Segelboot. Je schräger das Boot im Wind liegt, umso weniger Angriffsfläche bietet das Segel, umso mehr richtet das Schwert des Bootes dieses wieder auf. Das Börsensystem hat kein Schwert, keine Selbststabilisierung, es kann kippen, ist labil. Niemand hatte vorher daran gedacht, und dann passierte es einfach. Die Hauptfrage ist nun: Wer hat das Börsensystem “hergestellt”, wer hat es “erfunden”, wer ist verantwortlich, wer kann es stoppen? Die Antwort ist: Niemand. Niemand ist verantwortlich. Und es gibt keinen Schalter, es abzustellen.

Befürchten Sie denn einen erneuten Zusammenbruch?

Weizenbaum: Das kann ich nicht sagen. Es war ja kein Computersystem zusammengebrochen, es gab keinen Computerfehler. Und dennoch hat ein Verlust der Kontrolle viel Schaden angerichtet. Sind zudem verschiedene Systeme über Computer vernetzt, dann wird der Verbund noch empfindlicher. Mit immer weniger Mitteln lässt sich immenser Schaden anrichten. Der Aufwand für einen bestimmten Schaden ist gering, die Zerstörungsmacht ist billiger geworden. Weniger effiziente Systeme wären auch weniger empfindlich.

Das alles ist aus meiner Sicht eine Konsequenz des naiven Umgangs mit Technologie. Ich meine damit den Irrglauben, die Antwort auf fehlerhafte Technologie liege in besserer Technologie. Die bessere Technologie macht Systeme noch komplexer und undurchschaubarer. Ich denke, dass Unternehmen wie Microsoft und SAP das genau wissen. Findet man einen Fehler, gibt es einen Patch. Dieser Patch kann in sich völlig fehlerfrei sein. Es kann dennoch sein, dass der Patch im Zusammenspiel mit der restlichen Software zu unvorhersehbaren Reaktionen führt.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von Visionen wie der des intelligenten Kühlschranks, der seinen Inhalt stets kennt?

Weizenbaum: Das ist ein Unsinn! Wenn ich einen richtigen Feind hätte, würde ich ihm einen solchen Kühlschrank schenken. In diesem Fall stellt sich noch nicht einmal die Frage, ob wir diese technische Spielerei brauchen. Ganz klar: Wir brauchen sie nicht. Man muss auch dran denken, was durch ein solches System ersetzt wird: Jemand, der den Kühlschrank öffnet und sagt “Hey, wir brauchen Milch” oder der die angefangene Packung herausnimmt, bevor sie verdirbt. Eines Tages nach einem Wochenende außer Haus komme ich dann heim und finde verdorbene Milch im Kühlschrank. Das Computersystem hat sie logischerweise nicht herausgenommen, hat vielleicht sogar brav eine Warnung verschickt. Wieder einmal hat niemand einen Fehler gemacht, trotzdem aber ist ein Schaden entstanden.

Sie glauben also nicht, dass ein solches Hightech-System funktionieren kann?

Weizenbaum: Nein, das glaube ich nicht, denn es handelt sich um eine Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Dort funktioniert Hightech nicht. Nehmen Sie nur die Mikrowellenherde. Dort lassen sich Startzeit, Dauer der Erhitzung und Temperatur einstellen. Wenn meine Frau früher zum Tennisspielen ging, sagte sie mir ich solle die Mikrowelle um zwei Uhr so und so programmieren und zwei Stunden später nach der Eieruhr abschalten. Ich sagte ihr, das kannst du doch selbst einstellen, worauf sie entgegnete, das sei ihr zu kompliziert.

Ich denke, das ist in der ganzen Welt der Technik oftmals der Fall, dass die technischen Instrumente gar nicht benutzt werden. Vor einigen Tagen war in der Zeitung ein Artikel zu lesen, wie viele elektronische Geräte bei eBay zur Versteigerung gegeben werden, Scanner, Computer, Kameras. Daran zeigt sich zum Einen, dass sich elektronische Geräte gut verkaufen – wie sonst könnten sie hinterher bei eBay landen. Zum Anderen zeigt sich daran aber, dass die Leute diese Geräte letztendlich nicht benutzen. Dafür gibt es zwei mögliche Gründe: Entweder sie brauchen diese Geräte gar nicht, oder die Geräte sind den Anwendern zu kompliziert.

Was würden Sie jemandem raten, der etwa bei SAP als Entwickler arbeitet?

Weizenbaum: Mein Rat lässt sich in einem Wort zusammenfassen: langsamer. Die Unternehmen sollten in ihrer Werbung über Verantwortung sprechen, etwa mit ganzseitigen Anzeigen in großen Zeitungen mit der Überschrift: Bei uns dauert es länger. Das meine ich ganz im Ernst.

Gewünscht werden Lösungen, um bestimmte Aufgaben zu erledigen. Aber bitte immer schneller und billiger – das führt dazu, dass alles sofort geschehen muss. Es wird Zeitdruck ausgeübt, und daher werden unhaltbare Zusagen gemacht.

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