„Die Community ist unsere Redaktion“

Feature | 12. September 2005 von admin 0

Jimmy Wales

Jimmy Wales

Herr Wales, welches sind für Sie die wichtigsten Ergebnisse der Wikimania?

Wales: Wir haben Leute aus mehr als 50 Ländern zusammengetrommelt. Allein dadurch haben alle “Wikimedianer” ihre Bindungen in der Community gestärkt. Außerdem war es eine hervorragende Gelegenheit, sich in den verschiedenen Sprachprojekten über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten. Ich denke, wir werden jetzt weltweit noch wesentlich mehr zusammen arbeiten.

Offensichtlich können Sie mit dem Vorwurf leben, Wikipedia biete keine anderen Enzyklopädien vergleichbare Zuverlässigkeit. Brauchen Sie auf Dauer nicht ein zentrales Qualitätsmanagement – auch, um überholte Beiträge historisch einzuordnen?

Bauer: Ein Qualitätsmanagement gibt es bereits. Die genaue Ausgestaltung variiert in den einzelnen Sprachcommunities, ähnelt sich aber in den Grundzügen: Artikel werden mit verschiedenen Überarbeitungshinweisen getaggt, die sich Helfer, die Artikel überarbeiten wollen, auflisten lassen – das reicht von “Der Artikel ist zu kurz, bitte erweitern” bis hin zu spezialisierten Hinweisen wie “Der Artikel stellt nur die Situation in Deutschland dar, bitte verallgemeinern” (etwa bei rechtlichen Themen). Auf Review-Seiten können Autoren ihre Artikel der Community zur Begutachtung vorlegen, und, wenn dort nichts mehr beanstandet wird, sie zur Aufnahme unter die exzellenten Artikel der Wikipedia vorschlagen.

Mangelnde Aktualität oder überholte Beiträge sind übrigens das geringste Problem in der Wikipedia: Die Community setzt ihren sportlichen Ehrgeiz darein, schneller zu sein als klassische Nachrichtenmedien. Stirbt etwa eine berühmte Persönlichkeit, ist in deren Biographie in Wikipedia oft schon am selben Tag das Todesdatum ergänzt, beispielsweise bei Johnnie Cochran.

Werden Sie früher oder später durch die Bedeutung und Reichweite der Wikipedia gezwungen sein, die Kosten auf die Nutzer verteilen oder über Werbung hereinzuholen?

Bauer: Die Inhalte der Wikipedia werden immer kostenlos sein. Dafür sorgt schon die freie Lizenz, unter der wir die Wikipedia-Inhalte veröffentlichen. Werbung auf den Seiten versuchen wir, so lange es uns möglich ist, zu vermeiden. Wie sich in der derzeitigen Spendenkampagne zeigt, ist der Spenderwille der Leute ungebrochen. Außerdem bemühen wir uns derzeit, Großsponsoren wie Firmen oder andere gemeinnützige Stiftungen zur Unterstützung der Wikipedia zu gewinnen.

Kann die von Ihnen gegründete, nichtkommerzielle Stiftung Wikimedia Foundation die vielen neuen Wikimedia-Projekte wie Wikibooks, Wikiquotes oder Wiktionary koordinieren?

Bauer: Die Projekte werden von einer aktiven Community aus Autoren getragen und von diesen großteils selbst verwaltet. Die Betreiberorganisation greift nur in seltenen Fällen, etwa bei Rechtsverletzungen oder einer Verletzung zentraler Grundsätze ein.

Ist Wikipedia bereits Vorbild für andere Online-Nachschlagewerke geworden?

Wales: Nach dem Vorbild von Wikipedia wurden bereits zahlreiche, spezialisierte Nachschlagewerke gegründet, meist ebenfalls in Wiki-Form und genauso wie Wikipedia unter einer freien Lizenz. Es gibt aber beispielsweise auch meine Site Wikicities für Communities, die Wissenspools zu allen möglichen Themen anlegen wollen.

In wievielen Sprachen erscheint Wikipedia derzeit?

Bauer: Es gibt derzeit 200 Sprachwikis, aber manche befinden sich noch im Anfangsstadium. Im Moment gibt es zehn Sprachausgaben mit über 50.000 Artikeln – das sind die geläufigsten westeuropäischen Sprachen sowie Japanisch – 20 mit über 10.000 und 42 mit über 1.000 Artikeln. An der englischen Ausgabe arbeiten auch viele Nichtmuttersprachler aus aller Welt mit, das begünstigt natürlich das Wachstum. Der große Erfolg von Deutsch und Japanisch erklärt sich vermutlich aus der guten Internet-Anbindung dieser Länder.

Nach welchen Kriterien entscheidet das Kommittee für die Koordination von Übersetzungen über die Prioritäten?

Bauer: Das Motto der Wikimedia Foundation ist “freier Zugang für Alle zum gesamten Wissen der Menschheit”. Dazu gehört natürlich auch, dass das Wissen in möglichst vielen Sprachen zur Verfügung steht. Erst einmal müssen sich in einer Sprache genügend Freiwillige finden, um eine entsprechende Wikipedia-Ausgabe aufzubauen. Diese erhalten dann ein Wiki, in dem sie arbeiten können. Alle Editionen sind voneinander unabhängig und werden von der lokalen Community selbst verwaltet. Wenn man verschiedene Sprachversionen eines Artikels in Wikipedia miteinander vergleicht, sieht man, dass es sich meist nicht um Übersetzungen handelt, sondern um unabhängig voneinander geschriebene Beiträge. Für die Autoren ist selbst schreiben einfach wesentlich attraktiver und macht mehr Spaß als übersetzen.

Wie stellt die Redaktion sicher, dass wichtige Einträge nicht gelöscht werden?

Bauer: Die Frage stellt sich in Wikipedia eher umgekehrt: Wie wird sichergestellt, dass unwichtige Beiträge gelöscht werden? Die Antwort auf beide ist: Über Löschungen entscheidet die Community. Auf speziellen Seiten im Wiki wird darüber debattiert, ob ein Artikel den Relevanz- und Qualitätsmaßstäben genügt und auf Basis der vorgebrachten Argumente über die Aufnahme entschieden. Einen Artikel tatsächlich löschen können nur die von der Community gewählten Administratoren. Alle anderen können zwar den aktuellen Inhalt entfernen, sämtliche alte Fassungen eines Artikels sind jedoch in der Versionsgeschichte gespeichert. Jeder Benutzer ist daher in der Lage, einen etwa von einem Vandalen gelöschten Artikel mit wenigen Klicks wiederherzustellen.

Wie verhindern Sie, dass Hacker die Web-Site missbrauchen?

Bauer: Wir bekommen regelmäßig Zuschriften von Leuten, die uns auf ein Sicherheitsloch in Wikipedia aufmerksam machen wollen, nach dem Motto: “Ich bin hier hereingestolpert. Wie ihr seht, kann ich einfach so eure Seite bearbeiten. Achtung: ich mach das nur, um euch auf eure Sicherheitslücke hinzuweisen…” Für einen echten Hacker ist das, gelinde gesagt, ziemlich uninteressant. Über Missbrauch wacht die Community: Die Software bietet zahlreiche Möglichkeiten, die Änderungen an Artikeln zu verfolgen, so lassen sich Artikel auf eine Beobachtungsliste setzen oder neue Einträge auflisten. Zahlreiche Anwender beobachten ständig die letzten Änderungen und machen unerwünschte Änderungen wieder rückgängig. Die Untersuchung einer Forschergruppe von IBM und des MIT hat ergeben, dass einfacher Vandalismus in der Regel in Minutenschnelle beseitigt wird. Die Administratoren können hartnäckige Vandalen auch sperren oder einzelne Seiten vorübergehend gegen Veränderungen schützen.

Wie überwachen Sie eine Verlinkung zu weiterführenden Informationen redaktionell?

Bauer: Die Community ist die Redaktion. In der deutschsprachigen Wikipedia gibt es den Grundsatz, dass zu einem Artikel nur eine begrenzte Anzahl externer Links angegeben werden soll, die strikten Qualitätsanforderungen genügen müssen. Aktive Nutzer gehen nach diesen Regeln die Artikel durch und entfernen oder korrigieren Links.

Mit welcher Suchmaschinentechnik arbeiten Sie? Berücksichtigen Sie auch die Prinzipien des Semantic Web?

Bauer: Momentan verwendet Mediawiki, die Wikipedia-Software, die Java-basierte Suchmaschine Lucene. Wie sich die Prinzipien des Semantic Web mit Wikipedia verbinden lassen, ist derzeit Gegenstand von Forschungen, die unter anderem auf der Wikimania vorgestellt wurden.

Herr Wales, was ist Wikipedia gegenwärtig, was will sie künftig sein?

Wales: Wikipedia ist bereits die größte existierende Enzyklopädie auf Deutsch und Englisch, und sicher bald auch auf anderen Sprachen. Bei der Weiterentwicklung wollen wir uns daher nicht so sehr in der Größe, als in der Qualität steigern. Denn wir wollen nicht nur die größte, sondern auch die vollständigste, sorgfältigste und neutralste Enzyklopädie aller Zeiten sein.

Leave a Reply