Die Daten folgen dem Patienten

Feature | 6. September 2004 von admin 0

Durch jahrelange Standardisierungsbemühungen hat das Universitätsklinikum rechts der Isar in München seine IT auf eine gesunde Basis gestellt. Das Ziel war es, sowohl die primären als auch die sekundären Arbeitsabläufe möglichst effektiv zu gestalten, um die Personalkosten zu senken. In der Klinik-IT dreht sich alles darum, dem medizinischen Personal möglichst viel Arbeit abzunehmen, die nicht direkt der Patientenbehandlung dient. Mit neuen Technologien sollen die Prozesse zu Gunsten des Personals und der Patienten weiter verbessert werden.

Gesundes Fundament für die Klinik-IT

Die Basis der IT im Klinikum bildet SAP. Um vor allem die interne Verwaltung auf ein solides Fundament zu stellen, hat das Universitätsklinikum rechts der Isar bereits 1993 SAP als betriebswirtschaftliche Standardsoftware eingeführt – damals noch SAP R/2. Ende 1996 erfolgte die Umstellung auf SAP R/3. Für die Patientenabrechnung setzt das Krankenhaus ebenfalls seit 1996 auf die SAP-Branchenlösung IS-H (Industry Solution Hospital). Die medizinische Dokumentation erfolgt seit dem Jahr 2000 über IS-H*MED, einem gemeinsames Produkt der Berliner GSD und der österreichischen T-Systems Austria.
Eine Voraussetzung, um Prozesse optimal zu unterstützen, ist die Standardisierung, berichtet der Leiter des Rechenzentrums (RZ), Udo Poth: “Mit dem in sich geschlossenen, homogenen System, das wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, wurden zahlreiche Insellösungen abgelöst.” Und davon gab es eine Menge, da viele der einzelnen Fachkliniken mit eigenen Systemen für die Diagnostik und Analyse arbeiteten. Daher war es oft notwendig, Untersuchungsdaten und Diagnosen doppelt und dreifach zu erfassen, wenn ein Patient im Laufe der Behandlung in verschiedenen Klinikbereichen untersucht wurde. Allerdings war es nicht möglich, sämtliche Insellösungen durch die Standardsoftware zu ersetzen, schränkt Poth ein. In einigen Bereichen gibt es nach wie vor auch unverzichtbare Spezialanwendungen.

Alle Patientendaten sind im Portal griffbereit

Mit der Standardisierung der Software ging auch eine Standardisierung der Prozesse einher. Was bei den sekundären Prozessen noch relativ einfach zu bewerkstelligen ist, sorgt im medizinischen Bereich für erhebliche Aufwände bei den 19 IT-Mitarbeitern. Denn jede Klinik ist eine hochgradig spezialisierte Fachabteilung, die spezielle Anforderungen an den Arbeitsablauf stellt: “Die Aufgaben, Anforderungen und Strukturen sind in der Gynäkologie völlig anders als zum Beispiel in der Unfallchirurgie”, erläutert der RZ-Leiter. Die Schwierigkeiten liegen dabei weniger auf der technischen Seite als bei der Definition der Prozesse. “Rund 80 Prozent unserer Arbeit ist die Organisation und nur 20 Prozent die technische Abbildung der Prozesse”, berichtet Poth.
Stand früher die Anforderung der einzelnen Klinik im Zentrum des Workflows, ist inzwischen der Weg des Patienten während des gesamten Behandlungszeitraums in den Mittelpunkt gerückt. Das beginnt bei der Aufnahme, bei der ein Patient mit Personenidentifikation und Fallnummer in SAP R/3 erfasst wird. Eine weitere Buchung im IS-H*MED entfällt. Alle Programme, die im Behandlungszusammenhang relevant sind, sind in ein Portal eingebunden. Auf diese Weise kann der Arzt aus einer einheitlichen Oberfläche heraus alle Patientendaten aufrufen und über einen integrierten Viewer sogar Röntgenbilder anschauen. Außerdem findet der Arzt immer dieselbe, vertraute Oberfläche vor: “Im klinischen Netz hat ein Arzt in der Regel keinen eigenen PC. Also muss das Arbeitsumfeld mitwandern”, erläutert der RZ-Chef. Die Mitarbeiter des Universitätsklinikums verfügen meist nur außerhalb des klinischen Netzes über persönliche PCs.

Visite ohne Medienbrüche

Die elektronische Patientenakte hat im Klinikum das Papier abgelöst. Damit stehen dem Arzt die relevanten Daten in jedem Behandlungsraum und im Arztzimmer zur Verfügung. Eine Lücke bleibt allerdings offen: Bei der Visite zum Beispiel haben die Mediziner keinen Zugriff auf das System. Die Ergebnisse der Visite werden auf Papier erfasst und später in die EDV übertragen. Mit Tablet-PCs will das Universitätsklinikum diese Lücke künftig schließen und die elektronische Patientenakte direkt ans Krankenbett bringen, damit die Visite ohne Medienbrüche erfolgt.
Die Entscheidung für Tablet-PCs – in diesem Fall für die so genannten “Convertibles”, die auch wie normale Notebooks benutzt werden können – fiel aufgrund pragmatischer Überlegungen. “Wir wollen so wenig wie möglich an unseren Anwendungen ändern müssen”, erläutert Poth. Damit scheiden PDAs (Personal Digital Assistants) von vornherein aus. Da die Tablet-PCs mit einem vollwertigen Windows XP betrieben werden, sind laut Poth nur wenige Änderungen an der Bedienung der einzelnen Anwendungen notwendig. “Uns geht es vor allem um die Ergonomie. Die Bedienbarkeit der Software, das Gerätegewicht und derartige Punkte stehen im Vordergrund unserer Überlegungen.” Eine Alternative wären PCs in jedem Krankenzimmer gewesen, über die sich die Ärzte mit den Systemen verbinden können. Diese Lösung schied jedoch aus Kostengründen aus.

Sicherheitsfragen sind zu klären

Eine große Herausforderung, mit der sich die IT-Mitarbeiter zurzeit befassen, ist die Anbindung der Tablets an das klinische Netz. Für mobile Geräte kommt hierfür nur WLAN (Wireless Local Area Network) in Frage, um von wirklich jedem Ort in der Klinik Zugriff zu haben. Dazu muss aber die hundertprozentige Sicherheit des drahtlosen Netzes gewährleistet sein, schließlich sind Patientendaten äußerst sensibel. Das bestehende Kliniknetz ist hochsicher. Es verbietet zum Beispiel alle eingehenden Verbindungen aus der Außenwelt. “Nicht einmal E-Mail ist im klinischen Netz erlaubt”, erläutert Poth. Nur die SAP-interne Kommunikation ist zugelassen. Diese Sicherheit muss auch im WLAN garantiert sein.
Poth erwartet jedoch, dass sich diese Frage lösen lässt. Ab Anfang nächsten Jahres sollen die ersten Geräte in einem Pilotprojekt eingesetzt werden. Auch hinsichtlich des Return on Investment gibt sich der RZ-Leiter zuversichtlich. Schließlich würde dadurch viel Zeit bei der Dokumentation gespart, die wieder direkt in die Behandlung fließen könne. “Das System soll schließlich nicht dazu dienen, die Essenswünsche der Patienten aufzunehmen”, betont er. Dafür wurden bereits effiziente Prozesse implementiert.

Terminplanung auf kurzem Wege

Doch nicht nur im eigenen Haus will das Universitätsklinikum die Arbeitsabläufe so straff wie möglich gestalten. Auch die niedergelassenen Ärzte sollen teilweise mit einbezogen werden. In einem aktuellen Pilotprojekt wurde eine Münchner Praxis an das Tumorzentrum des Krankenhauses angebunden. Der einweisende und mitbehandelnde niedergelassene Arzt kann für seine Patienten auf sämtliche Funktionen, für die er eine Berechtigung erhalten hat, zugreifen. Dazu gehören zum Beispiel Terminplanung oder Befunddaten. Die Hürde dabei sind die gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz: Der einweisende Arzt darf seinen Befund nicht gleich bei der Terminvereinbarung mitschicken. Denn geht der Patient doch in eine andere Klinik, haben diese Informationen im Universitätsklinikum rechts der Isar nichts verloren. Aus diesem Grund holt sich das Kliniksystem diese Daten erst dann im Pull-Verfahren ab, wenn der Patient wirklich zum vereinbarten Termin erschienen und im Kliniksystem erfasst ist.
Ob sich dieses Projekt langfristig rechnet, kann Poth noch nicht sagen. Der Aufwand sei immens. Welche Einsparungen dem gegenüberstehen, muss sich zeigen. Die Prioritäten in der Krankenhaus-IT seien klar festgelegt, betont der RZ-Leiter: “Wir wollen durch optimale IT-Anwendungen die primären medizinischen Prozesse bestmöglich unterstützen.”

Jan Schulze

Jan Schulze

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