Die nächste RFID-Welle rollt

Feature | 23. April 2008 von Michael Lipton, Krish Mantripragada 0

Nach dem Aufkommen von Radio Frequency Identification (RFID) und standardbasierter Serialisierung in den späten 1990er Jahren rollt derzeit die nächste RFID-Welle. Auf der Basis dieser Technologien entsteht eine neue Generation von Anwendungen für Unternehmensnetzwerke. Sie stellen Daten bereit, die von vielen Geschäftspartnern gemeinsam genutzt werden, und verbessern damit die Nachvollziehbarkeit von Abläufen innerhalb des Netzwerks.

Die meisten Anwendungen für die Zusammenarbeit von Unternehmen in einer Logistikkette vereinfachen bislang vor allem die Kommunikation zwischen zwei Partnern. Sie unterstützen somit bilaterale Prozesse wie das Vendor-Managed Inventory (VMI), erleichtern gemeinschaftliche Prognosen und verbessern die Nachvollziehbarkeit von Auftragsstatus oder Bestand. Nun schaffen RFID- und Serialisierungstechnologien die Grundlage für eine neue Art unternehmensübergreifender Anwendungen. Sie ermöglichen unternehmensübergreifende Prozesse zwischen mehr als zwei Partnern – auf Basis von Standards der internationalen Organisation EPCglobal.

Das Kooperationspotenzial ausschöpfen

Die Vorteile von RFID- und Serialisierungstechnologien für die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit sind in der Konsumgüterindustrie und der Life-Sciences-Branche besonders groß. Die Technologien gewährleisten die Nachvollziehbarkeit des Warenflusses, helfen den Unternehmen beim Einhalten gesetzlicher Vorschriften und steigern damit deren Wettbewerbsfähigkeit.

Eine Zeitlang haben Einzelhandelsriesen den Herstellern von Konsumgütern und Unterhaltungselektronik über ihr Extranet den Zugriff auf Daten aus ihrer Beschaffungskette gewährt, vor allem auf Point-of-Sale-Daten. Damit konnten die Hersteller zwar den Handelsumsatz besser nachvollziehen, erhielten aber keine zeitnahen Informationen zum genauen Standort der Warenbestände. Doch genau darauf kommt es an. Ein Lieferant muss wissen, wo sich seine Produkte befinden: Im Verteilzentrum des Herstellers oder des Händlers, unterwegs, im Lager oder bereits in den Verkaufsregalen bestimmter Filialen.

Wal-Mart und andere Einzelhändler starteten im Jahr 2004 daher Initiativen, um Bestandsdaten via RFID in Standardformaten an die Hersteller zu übermitteln. Sie beteiligten sich als aktive Mitglieder von EPCglobal an der Entwicklung der Spezifikation Electronic Product Code Information Services (EPCIS), die Anfang 2007 ratifiziert wurde. Daten in EPCIS-Standardformaten erlauben es den Herstellern, den Weg ihrer Produkte durch die Lieferkette zu verfolgen – von ihrem eigenen Verteilzentrum zum Verteilzentrum des Kunden, in den Lagerbestand der Einzelhandelsgeschäfte bis in die Regale. Mit diesen Informationen können die Hersteller genauere Entscheidungen zum Nachschub treffen und dazu beitragen, dass Waren stets vorrätig sind.

Die Sicherheit der Patienten im Visier

Angesichts gefälschter Arzneimittel und umgeleiteter Transporte steigt in der Life-Sciences-Industrie die Sorge um die Sicherheit der Patienten. Zudem drohen Umsatzverluste. Neue Gesetze sollen Fälschungen verhindern, indem sie bei verschreibungspflichtigen Medikamenten einen Herkunftsnachweis fordern. Außerdem ist es vorgeschrieben, den Transportweg der Arzneimittel – vom Hersteller über die Großhändler bis hin zu den Apotheken und Krankenhäusern –zu überwachen.

EPCglobal entwickelte einen Standard, mit dem Unternehmen diese Auflagen leichter erfüllen können. Drug Pedigree Message Standard (DPMS) ist ein XML-basiertes Dokumentschema für den Herkunftsnachweis. Ein ähnlicher Standard wird derzeit auch mit einem Datenaustauschmodell auf EPCIS-Basis entwickelt.

Diese Standards gewährleisten zum einen höhere Sicherheit für die Patienten. Darüber hinaus nutzen sie die Informationen, die in EPCIS-Repositories gesammelt sind und eröffnen den Herstellern damit weitere Geschäftsvorteile. Bislang kann etwa ein Hersteller, der Produkte an einen Großhändler verschickt, nicht feststellen, welches Produkt der Großhändler an seine Apotheken- und Krankenhauskunden ausliefert. Dagegen ermöglicht ein Datenaustausch mit EPCIS künftig, bestimmte Chargen oder sogar einzelne Seriennummern zu verfolgen. Auf diese Weise kann ein Hersteller Produkte bei etwaigen Unregelmäßigkeiten gezielt zurückrufen. Der Standard erleichtert ihm auch die Kontrolle des komplexen Rückvergütungs- und Bonussystems im amerikanischen Gesundheitswesen.

Unternehmensübergreifende Kooperation dank SAP

Voraussetzung für derartige Szenarien ist eine Geschäftssoftware mit Serialisierungsfunktionalität, die unternehmensübergreifend einsetzbar ist. Eine solche Lösung ist SAP Auto-ID Enterprise. Ihre zwei Komponenten erlauben es, Unternehmensdaten mit serialisierten Daten in einen kooperativen Geschäftsprozess zu integrieren. Die Komponente SAP Auto-ID Infrastructure (SAP AII) enthält eine Middleware, die Ereignisse aus dem Unternehmen heraus erfasst und für die Ausführung von Geschäftsprozessen mit Backend-Systemen integriert.

Auch das 2007 freigegebene SAP Object Event Repository unterstützt die Serialisierung und die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit. Als zentrales System erfasst es eindeutig identifizierte Objekte sowie die zugehörigen Ereignisse. Objekte können damit leicht nachverfolgt werden, unabhängig davon, ob sie sich innerhalb eines Unternehmens befinden oder zwischen Partnern unterwegs sind.

Das SAP Object Event Repository stimmt interne Tracking-Ereignisse mit externen Signalen von Handelspartnern ab. Der Vorgang wird von Echtzeitereignissen gesteuert. Das SAP Object Event Repository unterstützt beliebig viele Instanzen der SAP Auto-ID Infrastructure. Die wichtigsten Bestandteile im Überblick:

  1. Erfassungs- und Abfrageschnittstellen auf Basis der EPCIS-Spezifikation von EPCglobal vereinfachen es, Business-Objekte und Prozesse im Unternehmen sowie über die Unternehmensgrenzen hinaus zu verfolgen und zu überwachen.
  2. Ein Daten-Repository speichert Ereignisse, die mit eindeutig identifizierten Objekten zusammenhängen, sowie die dazugehörigen Geschäftsinformationen. Das Verzeichnis erlaubt es, Ansammlungen serialisierter Objekte zu erfassen und zu speichern, beispielsweise Gegenstände in einer Kiste oder Kisten auf einer Palette. Eine umfassende Serviceschicht stellt den Geschäftskontext für diese Objekte bereit.
  3. Ein Ereignisprozessor als Steuerungsinstanz verfolgt den Lebenszyklus jedes serialisierten Objekts und erzeugt bei Unregelmäßigkeiten Warnmeldungen.
  4. Eine zentrale Nummernkreisverwaltung teilt verschiedenen Punkten, an denen die Kommissionierung erfolgt, zulässige und eindeutige Seriennummern zu.
  5. Analysefunktionen mit vordefinierten Inhalten für SAP NetWeaver Business Intelligence (SAP NetWeaver BI) helfen, Kennzahlen zu verfolgen, etwa Statistiken der Lese-/Schreibvorgänge von Tags oder Durchlaufzeiten.

Auftakt für eine neue Anwendungsgeneration

Das SAP Object Event Repository dient als Plattform für eine neue Generation unternehmensübergreifender Anwendungen. Auf ihr basiert beispielsweise die Applikation SAP Product Tracking and Authentication (PTA), die Unternehmen bei der sicheren Herstellung und Auslieferung ihrer Produkte unterstützt.

Die Anwendung ermöglicht es, die Distribution des Produkts über Unternehmensgrenzen hinweg auf verschiedenen Ebenen zu verfolgen, etwa auf der Ebene einzelner Artikel, von Kisten oder Paletten. Zudem verwaltet die Anwendung Ereignisse und ermittelt Abweichungen, zum Beispiel zwischen Versand- und Wareneingangsmengen oder bei den Warenbewegungen. Darüber hinaus erlaubt sie es, Produkte auf Basis des SAP Object Event Repository automatisch zu authentifizieren und jede Warenbewegung zu validieren. So gewährleistet sie die Echtheit eines Produkts.

Auch die Anwendung Product Introduction and Promotion des SAP-Partners Infosys wurde auf Basis von SAP Object Event Repository entwickelt. Sie gestattet es Herstellern, die Bereitstellung von Werbe-Auslagen für serialisierte Produkte in Einzelhandelsfilialen zu verfolgen, so dass sie bei Marketingmaßnahmen rechtzeitig aufgestellt werden.

Derzeit sind weitere RFID- und Serialisierungstools in Vorbereitung. Dazu zählen Anwendungen für die Rückvergütung und den Rückruf in der Gesundheitsbranche, oder Lösungen für die Analyse von Lieferketten und Nachschubsteuerung in der Konsumgüterindustrie.

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