Die Tücken mit SEPA

29. Oktober 2012 von Andreas Schmitz 0

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Im März dieses Jahres war es soweit: Die EU beschloss den Starttag der Umsetzung für die genannte Single Euro Payments Area (SEPA). Alle der EU angehörenden Staaten sowie die EFTA-Staaten Norwegen, Schweiz, Liechtenstein und Island werden ab dem 1. Februar 2014 verpflichtet sein, sämtliche Überweisungen und Lastschriften „ohne Unterscheidung zwischen Inlands- und grenzüberschreitenden Zahlungen“ zu bewerkstelligen. So steht es im entsprechenden Amtsblatt der EU, Verordnung Nummer 260/2012. Jeder Europäische Geldtransfer wird also künftig über die so genannte International Bank Account Number (IBAN), die den nationalen Code wie etwa DE, die Kontonummer wie die Bankleitzahl in einem bis zu 34-ziffrigen Code enthalten, sowie die international standardisierte Bankleitzahl BIC abgewickelt werden. Die entsprechende Richtlinie für die Umsetzung ist bereits fünf Jahre alt, war aber für die Unternehmen nicht bindend.

Fast jeder zweite Mittelständler zahlt nichts über SEPA

Entsprechend mager ist auch die Umsetzungsrate. Nach einer Umfrage des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) unter mittelständischen und großen Unternehmen aus dem August diesen Jahres ist zwar für vier von fünf Unternehmen der Einsatz von IBAN und BIC „selbstverständlich“, doch nutzen nur 27 Prozent der Großunternehmen SEPA zumindest bei jeder zweiten Überweisung. Im Mittelstand sehen sich gerade mal 16 Prozent der Unternehmen in der Lage, bis zur Hälfte aller Überweisungen SEPA-gerecht auszuführen. 47 Prozent der Mittelständler wickeln noch gar keine Überweisung über SEPA ab, in Großunternehmen sind das 31 Prozent. Vom Lastschriftverkehr ganz zu schweigen. Hier geht der Sprecher der SEPA-Arbeitsgruppe der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG Rainer Böhle aktuell von gefühlten 0,1 Prozent aus.

Auf dem diesjährigen Jahreskongress der DSAG in Bremen herrschte in Sachen SEPA große Unsicherheit. Auch die im März gegründete Themengruppe SEPA der DSAG ist noch weit davon entfernt, auf alle Fragen eine Antwort zu haben. Theoretisch erwartet die EU eine Beschleunigung der Zahlungen in der EU. Selbst nach Süditalien soll eine Überweisung und auch eine Lastschrift innerhalb von einem Tag erledigt sein, während sie aktuell etwa eine Woche in Anspruch nimmt. Auch Spanien soll dann in den „Genuss“ von Zahlungen per Lastschrift kommen, was derzeit noch gar nicht möglich ist.

In Deutschland machen den Unternehmen eher Herausforderungen in der Vermittlung ihrem Kunden gegenüber zu schaffen. „Keiner will seine Kunden nach IBAN und BIC fragen“, meint Rainer Böhle, der bei der Vertriebsgesellschaft des Energieversorgers EWE als Gruppenleiter im Rechnungswesen die IT-Systeme und Finanzen betreut. Besonders der Mittelstand ist hier zurückhaltend: Nur 29 Prozent der Befragten bejahten die Frage in der oben genannten Umfrage des BDI, ob sie Geschäftspartner oder Kunden fragen würden. Eine mögliche Strategie könnte sein, die Geschäftsbedingungen zu ändern und darin auch SEPA zu erwähnen.

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Rainer Böhle, Sprecher der SEPA-Arbeitsgruppe der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG

Nächste Herausforderung: Die Vorreiterrolle in Sachen technischer Umsetzung möchte niemand übernehmen. Das Finanzmodul und jenes für die Immobilienwirtschaft „RE“ sind offenbar inzwischen SEPA-tauglich. Das Modul für Verkauf und Vertrieb ist aktuell bei einem „großen Anwender“ als Prototyp im Einsatz, bevor es dann ausgerollt werden soll, so der Informationsstand der DSAG.

Vorrangiges Problem in der technischen Umsetzung ist allerdings ein anderes. „Es handelt sich um ein Thema, das Fachabteilungen, wie zum Beispiel die IT-Abteilung, interessiert und für das neue Prozesse aufgesetzt werden müssen“, erläutert Böhle. Und er nennt das Beispiel eines Mieters, der jetzt von seiner Wohnungsgesellschaft aufgefordert wird, seine IBAN und BIC für den Einzug der Miete per Lastschrift zu nennen. Doch wer kennt schon seine IBAN? „Die Prozesse haben Sand im Getriebe“, erklärt Böhle.

Wann kommt die “Lex Onlinehandel”?

Weiteres Thema, das laut Böhle schon eine Menge Lobbyisten beschäftigt hat, ist die aktuelle Regelung, die Erlaubnis für eine SEPA-Lastschrift durch eine eigenhändig getätigte Unterschrift auf dem „SEPA-Mandat“ zu erlangen. Laut aktuellem EU-Beschluss gibt es keinen Ausweg, etwa über die elektronische Signatur, „was den Prozess natürlich enorm beschleunigen würde“, wie Böhle zu bedenken gibt. Eine „Lex Onlinehandel“ dürfte besonders Onlinehändlern von Amazon bis Zalando helfen oder gar überlebenswichtig sein.

Denn momentan wird es zumindest 5 Tage dauern, bis ein Mandat mit Originalunterschrift vorliegt. So lange wird es dauern vom Aussenden des Mandatsdokuments an den Kunden, bis es mit seiner Unterschrift, per Brief abgeschickt, beim Absender wieder vorliegt und dieser dann einen Datensatz erzeugen kann. Dann läuft die Zeit weiter: Erstlastschriften müssen fünf Arbeitstage vor Ausführung bei der ausführenden Bank vorliegen, bei der der Zahlungspflichtige sein Konto hat. „Dazwischen kommen noch Laufzeiten für den Weg der Zahlungsdatei von der Bank des Absenders über ein SEPA-Clearinghaus zur  ausführenden Bank hinzu“, erläutert Böhle. Der schnelle Lastschrifteinzug ist damit zumindest für die erste Nutzung eines Mandats nicht mehr möglich.

Die im Kreis der EU unter souveränen Ländern mühsam abgestimmten SEPA-Regulatorien bringen für viele Länder die Lastschrift eine neue bis dato unbekannte Zahlungsform. Böhle: „Diese Länder haben die Anforderungen hoch gesetzt, um erst einmal Erfahrungen mit dem Lastschriftverfahren zu sammeln.“

Und eine kleine letzte Frage bleibt auch noch: Was ist eigentlich, wenn ein Unternehmen die Umstellung bis zum 31.1.2014 nicht hinbekommt?

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