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Die Versicherung auf Knopfdruck

19. Mai 2016 von Andreas Schmitz 0

Schnell Infos über einen potenziellen Neukunden zusammenziehen und ein Angebot unterbreiten: Die Versicherung auf Knopfdruck ist näher als die heterogene IT im Versicherungsumfeld vermuten lässt.

Angenommen, ein Mountainbiker, der sich mit seinem Rad „downhill“ den Berg hinunterstürzen will, bekommt plötzlich leichte Zweifel, dass alles gut geht und er unversehrt im Tal ankommt. „Dann wäre es doch ein guter Service eines Versicherers, ihm per App die Chance zu geben, eine Unfallversicherung abzuschließen“, meint Peter Sany, CEO des TM Forums. Allerdings benötigt der Versicherer für eine solche „Insurance on Demand“ sofort alle relevanten Informationen: Handelt es sich um einen routinierten Fahrer, der sich mit Abfahrten am Berg auskennt? Wie risikobereit ist er? Wie ist sein Konditionszustand? Hat er ein gerade ein neues Rad oder eine Helmkamera erstanden, die im Versicherungsschutz mit eingeschlossen sein sollten? Anders als in der Vergangenheit steht mehr und mehr das individuelle Risiko einer einzelnen Person im Vordergrund und nicht ausschließlich wie bisher in der Versicherungsbranche üblich das eines Kollektivs – basierend auf Durchschnittswerten etwa von deutschen Männern, die 25 Jahre alt sind.

In „no time“ Daten zu einem Gesamtbild zusammenfügen

Über das Smartphone und die Spuren des Bikers in den sozialen Medien sollten Antworten auf einige der Fragen zu finden sein, etwa anhand von Daten über seinen aktuellen Standort über GPS, Informationen über seinen Trainingszustand über sein Garmin-Profil und seine Risikobereitschaft über Posts auf Facebook von seinen letzten Abenteuern. Weitere externe und damit nicht aus dem Versichererfundus stammende Daten bietet das Internet, in dem zusätzliche Informationen etwa über aktuelle Wetterverhältnisse und weiter reichende Informationen wie Bilder von anderen Bike-Touren und deren Häufigkeit aus den sozialen Netzen zu filtern sind. Quasi in „no time“, so meint der ehemalige CIO der Swiss Life Sany, müssten die relevanten Daten gefunden und zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. „Es gibt eine Reihe von Tools, die das können, darunter auch die In-Memory-Technologie SAP HANA von SAP“, meint Sany. Und doch tun sich Versicherer noch schwer mit entsprechenden Angeboten.

Für Olaf Schönfelder ist das kein Wunder. „Viele Unternehmen in der Branche nutzen bisher ihre individuellen Geschäftsprozesse, deren Standardisierungsgrad gering ist“, beobachtet der Global Head of Insurance Cloud von SAP, der Versicherern dazu rät „nicht immer alles anders machen zu wollen als die Wettbewerber rechts und links, da die Unterschiede objektiv betrachtet gar nicht so groß sind wie die Versicherer selbst denken“. Aktuell zeigt sich, dass die traditionellen Aufgaben eines Aktuars aufbrechen. Seine Aufgabe war es bisher, aus der Vergangenheit zu lernen und auf Basis dieser Daten statistisch fundierte Prognosen zu erstellen. „Heute kommen viele relevante Daten hinzu, über das Eigenheim, das Auto und persönliche Daten, die analysiert werden können“, so Schönfelder, der aktuell ein „massives Umdenken in der Branche bemerkt“.

IOT: Kooperationen zwischen Versicherern und IOT-Dienstleistern werden wichtiger

Für den SAP-Experten ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Versicherung die Sensorik im Eigenheim oder Industrieanlagen mit einbezieht, um direkt auf erhöhte Risiken etwa durch marode Rohrleitungen oder eine erhöhte Einbruchgefahr durch unverschlossene Fenster und Türen hinzuweisen und kundenindividuelle Angebote zu machen. Sensoren liefern darüber hinaus zunehmend genauere Daten über Windstärken und Pegelständen, welche dem Versicherer ermöglichen zusätzliche Services zur Risikovermeidung oder zumindest –minimierung über den reinen Versicherungsschutz hinaus anzubieten. „Es wird immer mehr Kooperationen zwischen Versicherern und Serviceanbietern aus dem Bereich des Internets der Dinge geben, die ihre Sensordaten zur Verfügung stellen“, prophezeit Schönfelder.

InsuranceOnDemandFolie

 

 

Deshalb sind Versicherer gezwungen, ihrer IT für ganz neue Herausforderungen fit zu machen. So hat sich etwa der belgisch-niederländische Versicherungskonzern Ageas Holding für das anvisierte Wachstum im asiatischen Markt bewusst dafür entschieden, für die neuen Joint Ventures – so genannte Greenfield-Unternehmen – nicht auf der bestehenden IT-Infrastruktur des Konzerns aufsetzen. „Es geht ihnen darum, sich auf ihre Kernkompetenzen wie Vertrieb, Vertragserstellung und Schadensabwicklung zu konzentrieren und viel schneller als bisher eine moderne IT-Landschaft mit allen End-to-End-Prozessen aus der Cloud zu beziehen“, erläutert Schönfelder den Einsatz von SAP for Insurance, auf dessen Basis es etwa möglich ist, Profile von potenziellen Kunden zu erstellen, der im Internet unterwegs ist – ein erster Schritt in Hinsicht darauf, Risiken adhoc einschätzen zu können, wie es für eine On-Demand-Versicherung erforderlich wäre. Dieser Ansatz bietet auch existierenden Versicherern über ein so genanntes Sidecar-Modell die Chance zur IT-Modernisierung für ausgewählte Marktsegmente. Die über Jahre gewachsene und in seinen Abläufen perfektionierte IT großer Versicherungskonzerne bleibt unangetastet und SAP for Insurance Cloud „wird nach minimaler Rüstzeit quasi einfach eigenständig daneben gestellt“, wie Schönfelder betont.

Bestehende IT-Kernanwendungen speziell für die Verarbeitung und Analyse großer Datenmengen durch spezifische Anwendungen zu erweitern, ist das Ziel der SAP HANA Cloud Platform. Sie ist etwa mit seiner Spezialerweiterung für das IoT in der Lage, große Mengen an Sensorinformationen in der von Peter Sany geforderter „no time“ zu verarbeiten. „Für eine Kfz-Versicherung, die das Fahrverhalten des Versicherten mit einbezieht, ist das System ist in der Lage, einfach und schnell den Nachlass auf die nächste Monatsprämie zu berechnen“, erläutert Schönfelder. Für den Schweizer Versicherer Mobiliar hat SAP zusammen mit dem Dienstleister msg global ag einen so genannten IoT-Analyser entwickelt, der dem Aktuar in einem solchen Fall die Analyse erleichtern soll.

Heute zahlen die Versicherungen im Schadenfall noch Geld, morgen beheben sie den Schaden selbst (Olaf Schönfelder, SAP)

Klar ist: Die bisher schon vorhandenen sieben Milliarden Menschen mit Handys und über 200 Milliarden Sensoren werden auch den Versicherungsmarkt verändern. „Dafür ist es nötig, immer mehr in Ökosystemen zu denken“, meint Peter Sany und nennt das Beispiel einer Plattform aus dem Reisebereich. Über Booking.com ist es nicht nur möglich, ein Hotelzimmer zu buchen, sondern auch Wellnessangebote oder ein Mietauto. Auch ein spezielles Abendessen kann man dort bestellen. „Auf dieser Plattform entsteht ein Netzwerk an Dienstleistungen“, erläutert Sany, „zudem ist sie lernfähig und kennt nach einigen Reisen die persönlichen Vorlieben des Gastes“. Auch der Versicherungsbranche geht das sehr bald nicht anders. SAP-Experte Schönfelder: „Heute zahlen die Versicherungen im Schadenfall noch Geld, morgen beheben sie den Schaden selbst“ – oder sie lassen es durch ein eng gespanntes Netz an Sensoren und Vorhersagefunktionen gar nicht erst so weit kommen.

Foto: Shutterstock

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