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Digital Farming: Neun Fragen an SAP

3. Juni 2015 von Andreas Schmitz 0

Die digitalisierte Landwirtschaft verhilft Landwirten zu höherer Produktivität. Die SAP HANA Cloud Platform unterstützt hierbei. SAP-Agrarexperte Gisbert Böcker antwortet auf die wichtigsten Fragen.

1. Warum muss die Landwirtschaft jetzt ihre Produktivität steigern?

Wenn in 2050, wie die UNO prognostiziert, etwa 2,6 Milliarden mehr Menschen als heute den Erdball bevölkern werden, bleiben für die Landwirtschaft nur noch 34 Chancen, die Erträge weiter zu steigern. Denn nur noch 34mal werden Bauern ihre Äcker bis dahin bewirtschaften, den Samen einbringen und am Ende des Sommers die Ernte einfahren. Zwischen 1950 und 2013 steigerte die Branche die Erträge von Weizen auf einem ein Hektar großen Acker von 2.580 auf 8.000 Kilogramm, den von Kartoffeln von 24.490 auf 39.830 Kilogramm – so Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aus 2014. Insgesamt wurden demnach im Jahr 2013 31 Millionen Tonnen Milch erzeugt, 9,7 Millionen Tonnen Kartoffeln geerntet und Hennen legten 13,5 Milliarden Eier. 522.000 Mitarbeiter erwirtschafteten in 285.000 Betrieben mehr als 18 Milliarden Euro Gewinn. Die Zahlen zeigen, dass die Landwirtschaft einerseits ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, andererseits auch die Produktivität immer mehr zunimmt – allerdings nicht genug, um den steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken.

2. Wo fallen bei Landwirten die größten Kosten an?

Das meiste Geld investiert ein Landwirt in Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel sowie in Landmaschinen. Sehr viele dieser zuliefernden Unternehmen, wie etwa KWS Saat, Monsanto und John Deere sind international tätig, möchten aber den direkten „Draht“ zum lokal wirtschaftenden Landwirt verbessern. Dies wird umso wichtiger, da die von ihnen angebotenen Produkte immer schneller und immer spezifischer angepasst werden, um die notwendigen hohen Zuwachsraten auch realisieren zu können. In der Vergangenheit war dies durch die technischen Möglichkeiten nur bedingt und zumeist sehr aufwendig möglich, was mit hohen Kosten verbunden war.

3. Was können Agri-Hubs bewirken, um die Situation zu verändern?

Agri-Hubs sind Netzwerke, die beteiligte Unternehmen miteinander über eine technische Plattform vernetzen. Das britische Technologieunternehmen first4farming (f4f) gehört zur Adaptris Group, wurde im Jahr 2000 gegründet und ist weltweit der größte Hub, der sich im E-Commerce-Umfeld auf den Agrarsektor spezialisiert hat. Die f4f-Plattform ist in der Lage, die riesigen Agri-Datenmengen der Daten mit SAP HANA-Anwendungen oder aber mit der SAP HANA Cloud-Plattform zu verknüpfen. Das Ziel ist, die Kompetenz von f4f zu nutzen, deren Dienstleistung bisher darin bestand, Informationen zwischen den Partnern auszutauschen. Mit SAP lassen sich diese Informationen nun in Echtzeit aufnehmen, einfacher zuordnen, wo nötig anreichern und einer Analyse zuführen. Letztenendes profitiert der Kunde davon.

4. Welche Vorteile ergeben sich dadurch für das Netzwerk first4farming?

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Im Mittelpunkt der Landwirtschaft der Zukunft steht eine gemeinsame Plattform, auf Grundlage der SAP-HANA-basierten f4f-Plattform, die unter anderem Daten von Sensoren verarbeitet, Wetterdaten mit einbezieht und Kunden mit einbezieht.

Um qualitative Analysen und darauf aufbauende Services und Angebote seitens der Industrie machen zu können, ist ein vereinfachter Austausch mit Farmdaten notwendig. Landwirte arbeiten aber in einer komplexen Umwelt und entsprechenden Entscheidungsstrukturen und müssen kurzfristig entscheidungsrelevante Daten ermitteln bzw. zurückgespiegelt bekommen. Hierbei haben sie nicht die Zeit alle relevanten Daten auf den verschiedenen Web-Seiten der Industrie – vielfach auch noch redundant – einzupflegen. Auch folgen sie dabei den eigenen Interessen und Bedürfnissen und lassen sich weniger von den Bedürfnissen der Industrie lenken.

Durch die Anbindung an das Agrar-Netzwerk über f4f erhalten die Landwirte die Möglichkeit, aus ihren Farm-Management-Systemen heraus Daten zur Verfügung zu stellen und diese mit aktuellen Fragestellungen anzureichern. Die Industrie kann diese dann, unterstützt durch SAP-Technologie und Lösungen, integriert und schnell verarbeiten und entsprechende Rückmeldungen sowie zielgenaue Angebote geben. Auch wird es für Abnehmer und Weiterverarbeiter landwirtschaftlicher Erzeugnisse nun möglich, in Zusammenarbeit mit den Landwirten, die Entwicklung Ihrer Produkte transparent und damit für den Markt attraktiver zu machen. Mit dieser Kombination aus Big Data und Nachvollziehbarkeit bzw. Nachhaltigkeitsanspruch ist SAP mit seinem holistischen Ansatz derzeit führend.

5. Wozu ist es nötig, die Daten allen Partnern zur Verfügung zu stellen?

Ob Weizen, Mais oder Kartoffeln: Pflanzen entwickeln sich individuell. Deren Wachstum ist von den klimatischen Verhältnissen, vom Boden, von der Düngung und der Gabe von Pflanzenschutzmitteln abhängig. Bei einer Hanglage etwa ist zu berücksichtigen, dass es oben am Hang meist wärmer ist als unten und die Mineralisierung sich unterscheidet. Der Landwirt benötigt möglichst präzise Angaben, um durch ein optimales Zusammenspiel aller Einflussfaktoren die bestmögliche Ernte zu erzielen. Mais beispielsweise muss ausgesät werden, sobald die Bodentemperatur zehn Grad erreicht hat. Jeder Tag, den der Landwirt später aussät, bedeutet für ihn auch verlorenen Umsatz. Aufgabe der Industrie wird es sein, den Landwirten entsprechende Services anzubieten. Naht eine Verschlechterung des Wetters, könnte automatisch eine Warnmeldung auf dem Smartphone des Bauern erscheinen. Services können Landwirte unterstützen, indem sie Erfahrungswerte auf Basis historischer Daten mitgeben, etwa, bei welcher Temperatur eine Düngung in welcher Menge am hilfreichsten ist oder wie viel Düngung der Saat bei bestimmten Bodenverhältnissen ideal ist. Zudem wird es künftig möglich werden, nachzuweisen, unter welchen Bedingungen etwa Weizen, Mais und Kartoffeln gewachsen sind.

6. In wie fern profitiert der Endverbraucher von einer besseren Vernetzung der Partner in der Landwirtschaft?

Käufer werden immer sensibler. Sie wollen Produkte, die nachgewiesenermaßen unbedenklich sind. Gleichzeitig sind Nahrungsmittelkonzerne in der Pflicht, den Nachweis darüber zu führen. In England gibt es schon heute einen Getreidepass, in dem steht, woher Hafer und Weizen kommen und welche Düngung und welcher Pflanzenschutz eingesetzt wurden. In Zukunft wird es nötig werden, nachzuweisen, dass die Pflanzen nicht auf schwermetall- oder gar dioxinbelasteten Feldern gewachsen sind. Auch die Herkunft des „Vorprodukt“ spielt künftig eine Rolle. Das wird durch eine Verknüpfung der Daten immer besser möglich. Der Endverbraucher bekommt eine bessere Transparenz. Heute schon können Unternehmen der Agrarindustrie die Produktgenealogie in der Lösung SAP Global Batch Traceability (GBT) abbilden. Was in der Tat noch fehlt sind u.a. die Verknüpfung der Daten aller Vorprodukte. Diese können aber durch die bessere Vernetzung der Partner in die entsprechenden SAP GBT-Systeme gespielt werden.

7. Welche Zielgruppe sprechen Sie mit Digital Farming an?

Prinzipiell richten wir uns an Landwirtschaftsbetriebe aller Größenordnungen. Die Sensibilität für das Thema ist besonders unter jungen Landwirten da. Sie sind oft hervorragend ausgebildet und haben zudem keine Berührungsängste vor Informationstechnologien, sind gleichzeitig auch sensibel dafür, inwieweit sie Daten weiter geben sollten oder nicht. So wird beispielsweise die Junge DLG, der Nachwuchs der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, die Entwicklungen künftig begleiten. Die technischen Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen: Beispielsweise gibt es derzeit über 1.000 Farm-Management-Systeme, die von Excel-Lösungen bis zu hochmodernen Plattformen reichen. SAP und f4f haben sich drei ganz unterschiedliche herausgepickt, um zu zeigen, dass Daten über f4f hin- und hergespielt werden können. In einem Proof of Concept wurde dabei auch gezeigt, dass diese mit Geodaten und Wetterinformationen angereichert, in „real time“ mit SAP HANA verarbeitet und mit den einzelnen Systemen ausgetauscht werden können. Das zeigt: Prinzipiell sind sowohl der Landwirt mit ein paar Hektar Land wie auch ein Großbetrieb potenzielle Kunden.

8. Welche Rolle spielt die Einbindung von Wetterdaten?

Nicht nur die Temperatur und die Regenvorhersage spielt für die Entwicklung einer Pflanze eine Rolle. Viel wichtiger ist, zu wissen, wie hoch die Verdunstungsrate, wie viel Wasser im Boden ist und gehalten werden kann. Solche differenzierten und tiefergehenden Informationen liefern Wetterdienste wie etwa METEO-data oder der Deutsche Wetterdienst. Der ursprünglich auf Verkehrsmanagement spezialisierte Dienstleister Iteris geht einen Schritt weiter, verarbeitet Wetterdaten und entwickelt Analysen speziell für den Agrobereich. Diese Daten lassen sich auf der Plattform einbinden und nutzen. Ist ein Gewitter mit Hagel vorhergesagt, ist es etwa für das Saatgutunternehmen KWS Saat wichtig, schnell Informationen über die „Vermehrungsflächen“ zu bekommen und prognostizieren zu können, ob Pflanzen beschädigt werden könnten und wie viele. So ist eine direkte Rückkopplung mit dem Verkauf möglich, der damit auf die neue Bestandentwicklung sofort reagieren kann. Gerade vor dem Hintergrund, dass es nur eine Ernte im Jahr gibt, sind das sehr wichtige Informationen.

9. Was sind die nächsten Schritte?

Wir haben bereits in einem Proof of Concept gezeigt, dass sich Farm-Management-Systeme mittels dem f4f Agrihub integrieren lassen und diese Daten auf Basis der SAP HANA Plattform durch u.a. Wetter und GIS-Daten angereichert wurden, um „Real-time“ Entscheidungsunterstützungen für Unternehmen zu ermöglichen. Bis Mitte des Jahres planen wir weitere Pilotprojekte auf den Weg zu bringen. Ende 2015 sollen erste praktische Anwendungen zu sehen sein.

Veranstaltungshinweise:

Der Case wird auf dem SAP-Forum für die Konsumgüterindustrie am 23-24. Juni in Düsseldorf, auf dem SAP-Infotag für die Life Sciences Industrie in Ingelheim bei Boehringer am 2. Juli sowie auf dem SAP-Infotag für die Chemische Industrie am 7. Juli in Hanau bei Evonik zu sehen sein.

Gisbert Böcker hat 25 Jahre beim Saatgutunternehmen KWS Saat gearbeitet bevor er Ende 2013 zu SAP gewechselt ist, um dort als Principal Business Consultant das Geschäft im Agrarsektor anzuschieben. Bei KWS Saat baute der Branchenexperte unter anderem die Logistik mit auf, führte weltweit SAP ein, stellte den französischen Partnern den ersten Computer auf den Tisch und entwickelte als Standard im Saatgut neue Produktkennzeichnungen.

Foto: shutterstock

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