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Digital-Gipfel 2017: Was die Digitalisierung noch bremst

Feature | 13. Juni 2017 von Andreas Schmitz 23

Viele Projekte für die digitale Zukunft sind auf dem Weg. Sie sollen zeigen: Wir sind dabei, wir sind innovativ. Doch es gibt noch Herausforderungen.

Wenn es ein gemeinsames Vielfaches aus dem Digital-Gipfel 2017 aus Ludwigshafen gibt, dann ist es die Erkenntnis, dass die wichtigsten und smartesten Konzepte wenig taugen, wenn sie beim Nutzer nicht ankommen. In ein paar Jahren sind die Anstrengungen von heute ohnehin überholt. Fragt man die Generation Z, wie sie sich die Zukunft vorstellt, ist davon auszugehen, dass Roboter künftig den Haushalt aufräumen, Drohnen bestellte Produkte liefern und sich die junge Generation ganz genau anschaut, was sie online von sich preisgibt. Das jedenfalls erbrachte ein Praxisprojekt der Deutschen Telekom mit dem Nachwuchs. Heute geht es noch um ausreichendes Tempo für das Internet auf dem Land, um E-Ladesäulen, die von Wohnmobilen zugeparkt werden und Plattform-Services, die über vorausschauende Wartung kaum hinaus kommen. Klar ist: Das Verhalten der Nutzer ändert sich immer wieder und damit sind Unternehmen und Anbieter gezwungen, sich ständig ein Stück weit neu zu erfinden. Das ist anstrengend und erfordert immer wieder radikales Umdenken. Nicht alle Unternehmen sind schon soweit. Hier die Gründe dafür:

1. IoT: Etabliertes hat Vorrang

Unternehmen beschränken sich im besten Fall darauf, Cloud-Plattformen einzusetzen, die ihre Maschinen und Geräte vorausschauend warten – ein inzwischen vielfach eingesetztes Geschäftsmodell. Die Qualität der Produkte mit Hilfe von maschinellem Lernen zu verbessern oder Maschinen in Abhängigkeit von Geleistetem zu bezahlen (Pay per Use) ist eher die Ausnahme. Es fehlt Unternehmen an Mut. Denn es ist einfacher, Dinge zu wiederholen, die sich bei anderen Unternehmen schon bewährt haben.

2. Geschäftsmodelle werden nicht in Frage gestellt

Pharmakonzerne verdienen heute gutes Geld mit Medikamenten, die zwar manchmal wirken, manchmal aber auch nicht. Wer heute seine Kopfschmerzen loswerden will, kauft sich Aspirin. Hilft das Schmerzmittel nicht, nimmt er eine weitere Tablette oder setzt auf ein stärkeres Medikament. Besser wäre, wenn der Patient erst dann zahlt, wenn er frei von Schmerzen ist. Dafür fehlen Pharmakonzernen und Ärzten die finanziellen Anreize. „An technischen Lösungen mangelt es jedenfalls nicht“, ist Hans-Peter Frank von Vifor Fresenius Medical Care Renal Pharma überzeugt.


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3. Digitale Lösungen machen keinen Spaß

Digitalisierung muss haptisch, emotional und fühlbar werden, sonst hat sie ihr Ziel verfehlt. In einigen Dörfern in Rheinland-Pfalz gibt es schon einen Austausch von Leistungen über so genannte Digi-Taler. „Die einen stellen Werkzeuge zur Verfügung, die anderen ihre Fähigkeiten“, erläutert die für Digitales zuständige Staatssekretärin Heike Raab aus Rheinland-Pfalz den modernen Tauschhandel.

4. Zusammenarbeit: Selbst machen statt kompliziert einigen

Städte und Kommunen bauen eigene Parklösungen und Bezahlverfahren. Dabei könnten sie sich zusammenschließen, sich auf einen Standard einigen, Kosten sparen und Synergien erschließen.

5. Hypes überschätzen

Fahrzeuge können heute schon autonom fahren. „Doch ist kein intelligentes Fahrzeug bisher zuverlässig dazu in der Lage, ein Kind zu erkennen, das mit dem Bobby-Car auf die Straße fährt oder einen Hirsch, der nachts vors Auto läuft“, erläutert Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Zentrum für künstliche Intelligenz (DFKI). Zudem kann es einmal falsch Gelerntes nicht wieder vergessen. Bei aller Euphorie um autonome E-Fahrzeuge: Ihre Zeit wird kommen, ist aber noch nicht da.

6. Innovation: Anwendungen von Senioren für Senioren

Noch immer werden junge Mitarbeiter zu wenig in die Entwicklung neuer Lösungen mit einbezogen. „Es reicht nicht aus, wenn Geschäftsführer mit Geschäftsführern oder Bürgermeister mit Bürgermeistern über Lösungen diskutieren“, meint etwa Klaus Mohrs, Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg und Teilnehmer des unter anderem von SAP gesponsorten Wettbewerbs „Digitale Stadt“. Junge Menschen sind mit dem Smartphone groß geworden. Sie wissen, wie Anwendungen funktionieren müssen, damit die Kunden sie nutzen.

7. Mobilität: Statusdenken wichtiger als Fortschritt

Mit Elektroautos allein lassen sich weder die Welt retten noch Städte lebenswert machen. Erst wenn sämtliche Transportmittel und -lösungen wie Fahrrad, Car-Sharing, Taxen, Bahn und Mobilitätsportale in Überlegungen mit einbezogen werden, entsteht ein fortschrittliches Mobilitätskonzept. Doch der Tesla oder i3 allein dient oft primär als Statussymbol, trägt aber allein wenig zu einem fortschrittlichen und Innenstädte entlastenden Verkehrskonzept bei. „Der Autofahrer muss mehr mit neuen Mobilitätsdiensten zusammengebracht werden“, ist Professor Michael Ortgiese von der FH Potsdam überzeugt, der wie auch SAP-Experte Reiner Bildmayer an der Roadmap Intelligente Mobilität mitgewirkt hat.

8. Smart Services noch im Schatten von Industrie 4.0

Erst über neue Dienste und Geschäftsmodelle wird Industrie 4.0 rentabel. Dieser Schritt heraus aus dem Schatten von Industrie 4.0 steht noch bevor. „Offenbar ist das kein Strategie- sondern ein Handlungsproblem“, meint Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

9. Die Digitalisierung zu groß denken

Es ist nicht nötig, das gesamte Unternehmen von heute auf morgen digital umzukrempeln und selbst langjährige Mitarbeiter von innovativsten Lösungen zu überzeugen. Es reicht, klein anzufangen – beispielsweise in der Landwirtschaft etwa bei einer „intelligenten Kartoffel“. Je heftiger die Schläge sind, denen die Kartoffel bei der Ernte ausgesetzt ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Knolle fault. Über digitale Lösungen werden die einwirkenden Kräfte auf die Kartoffel messbar und über maschinelles Lernen klar, welche Schläge welche Wirkung hinterlassen.

10. Big Data verharrt im „Mickey-Maus-Stadium“

Nach Ansicht von Wolfgang Wahlster vom DFKI ist die Zeit der „Mickey-Maus-Systeme“ und „kleinen aber feinen Fachsysteme“ vorbei. Moderne Plattformen sind hochskalierbar, Echtzeit-fähig und in der Lage, große Datenmengen End-to-End zu verarbeiten. Da diese technischen Grenzen gefallen sind, spricht Wahlster vom Durchbruch des maschinellen Lernens. Selbst komplexe Systeme seien nun in zwanzig bis dreißig Minuten trainierbar.

Lesen Sie auch vom Digital-Gipfel 2017 in Ludwigshafen: Industrie 4.0. : Am Beispiel der Chemiebranche wird klar, wie sich die Digitalisierung für Unternehmen in der Prozessindustrie mit Hilfe von SAP-Software ideal umsetzen lässt. Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte sich dort an einem Exponat vom Nutzen einer Plattformlösung überzeugen.

Weitere Informationen

Bild: Teilnehmer der “Digitalen Stadt” in der Diskussion; 2.v.r. ist Jochen Bartsch, der Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt und späterer Gewinner des Wettbewerbs. Foto: Schmitz, 2017

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