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„Digitalisierung kann haptisch sein“

Feature | 3. Februar 2016 von Andreas Schmitz 0

Seit einem dreiviertel Jahr ist Gesche Joost Mitglied im Aufsichtsrat der SAP. Die Professorin vom Design Research Lab an der Universität der Künste in Berlin ist weit mehr als der „heiße Draht“ zur Berliner Start-up-Szene.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Nähwerkstatt. Jedoch entstehen hier interaktive Prototypen für Wearables – für tragbare, vernetzte Kleidung, die über einen Microcontroller mit dem Internet verbunden ist. Auf den ersten Blick ist die Vernetzung kaum zu sehen. „Der Controller ist in der Jackentasche oder mit einem ablösbaren Klettverschluss am Kragen integriert“, erläutert Gesche Joost, Leiterin des Design Research Lab an der Universität der Künste (UdK) in Berlin, das sie seit fünf Jahren aufbaut. Zum Waschen zieht man den Mini-Computer einfach ab. Auf diese Weise hat Joosts Forscherteam eine Notfallstrickjacke für ältere Menschen entwickelt, die in Notsituationen einfach am Bündchen der Jacke ziehen müssen, um per Smartphone Hilfe zu verständigen. Eine App nimmt das Signal der Jacke auf und wählt automatisch die programmierte Nummer. Das ist nur eine von vielen praktischen Ideen, die in Joosts Forschungslabor für Mensch-Technik-Interaktion entstanden sind.

1. Niemanden durch Digitalisierung ausschließen

„Digitalisierung kann haptisch sein“, meint die Designforscherin, die ihre Mission darin sieht, „explorativ“ an der Mensch-Maschine-Schnittstelle zu forschen und jeden dazu ermuntert, selbst mitzumachen bei der Digitalisierung. Jeden: Damit meint sie auch jene, die aktuell vermeintlich weniger affin, weniger interessiert, weniger talentiert sind als jene 20 bis 30 Jahre alten Männer, die als die Treiber und Nutzer der Digitalisierung gelten. Warum muss ein Nassrasierer einer Frau rosa sein, warum kann er nicht blau sein wie bei Männern? Diese Frage stellte sich die Norddeutsche bereits in ihrem Designstudium: „Ich habe schon immer reflektiert, wen wir durch die Gestaltung eventuell ausschließen.“

2. Nach praktischen Lösungen suchen

Taubblinde zum Beispiel unterhalten sich über das Lormen, ein Handalphabet. Das setzt bis jetzt voraus, dass ihnen jemand gegenüber sitzt, der diese Sprache beherrscht. Etwa 2.000 bis 6.000 Menschen leben nach Schätzungen in Deutschland mit dieser Behinderung. Pfleger und einige Verwandte sind zusätzlich in der Lage, mit ihren Patienten und Angehörigen zu kommunizieren. Vor knapp vier Jahren stellte Joosts Doktorand Tom Bieling eine erste Idee für den Lormhandschuh vor, der zur Übertragung des Tastalphabets „Lorm“ Textilsensoren in den Handschuh integriert. Diese Eingabe wird dann via Bluetooth an jegliche digitale Schnittstelle übertragen – sei es an das Smartphone, den Computer oder jedes andere Wearable. So ist ein Taubblinder mithilfe der Digitalisierung seiner Sprache in der Lage, auch mit Menschen zu kommunizieren, die das Lormen nicht beherrschen. „Man kann sich jeglichen Text online in die Hand hinein übersetzen lassen – und umgekehrt. So eröffnet sich eine neue Welt für Taubblinde“, so Joost. Der Lormhandschuh ist auch heute noch ein Prototyp, der noch nicht als medizinisches Hilfsmittel zugelassen ist. Doch gibt es – so bestätigt Gesche Joost – konkrete Gespräche mit einem großen Spezialisten für Orthopädietechnik. „Dieses Projekt macht wie kein zweites klar, wofür unser Lab steht – nämlich für das Inklusive, also die Einbeziehung von Menschen in die Digitalisierung, die bis dato keine Berührungspunkte damit hatten“, erläutert Joost.

Das Design Research Lab steht für die Einbeziehung von Menschen in die Digitalisierung, die bis dato keine Berührungspunkte damit hatten.

3. Immer unabhängig beobachten

„It was unforgettable“, war der letzte Satz, mit dem sich Bill McDermott im Herbst 2014 nach einem Besuch des Berliner Design-Labs von Gesche Joost und ihren 25 Kollegen verabschiedete. In Berlin hatte sich der SAP-CEO im Design Research Lab der UdK über Projekte informiert, sich deren Nutzen erklären lassen, Perspektiven ausgelotet. Auf der letztjährigen Cebit knüpften sie an diese Gespräch an. Nur zwei Monate später folgte Joost dem ehemaligen Chef der Deutschen Bahn Hartmut Mehdorn in den Aufsichtsrat von SAP. Statt, wie befürchtet, langatmigen Powerpoint-Folien gebe es engagierte Diskussionen und lebendige Sitzungen, kommentiert Joost ihre ersten quartalsweise stattfindenden Besprechungen im Aufsichtsrat.

Joost schafft Verbindungen in die Start-up-Szene, zu jungen Leuten, „denen nicht klassische Karrieren wichtig sind, sondern interessante Inhalte“, wie es die Designerin beschreibt. Mit Personalchef Stefan Ries und dem Leiter des Innovation Labs in Potsdam Jürgen Müller organisierte sie bereits eine Tour durch Berlins Start-up-Szene.

4. Den Bezug zur Basis immer behalten

In der „Keimzelle für neue Technologien“, ihrem Lab, verbringt die Professorin mit ihren Kollegen allerdings nach wie vor die meiste Zeit. Als „Digital Champion“ vertritt sie die Bundesregierung in Brüssel zu Fragen der Digitalen Agenda und ist so, neben ihrer Rolle im Aufsichtsrat der SAP einmal mehr unabhängige Beobachterin und Ratgeberin. Für sie ist das eine gute Position, politisch zu wirken, ohne Politikerin zu sein und Einfluss auf die Wirtschaft zu haben, ohne Managerin zu sein. Und es hilft ihr, die Digitalisierung immer weiter ins Zentrum der Gesellschaft zu rücken.

Nur durch ihre Basis als Forscherin und ihre „Nähe zur Werkstatt“ – so ist sie überzeugt – sei das möglich.

Weitere Informationen

– Gesche Joost ist Vorsitzende der siebenköpfigen Jury des Cebit Innovation Awards 2016.

– In einem Youtube-Video erläutert Gesche Joost, wie sie die Digitalisierung in Deutschland voran bringen will:

Im Rahmen der Reihe “Design Talk” sprach Professorin und SAP-Aufsichtsrätin Gesche Joost kürzlich vor mehr als 1.000 Mitarbeitern. Themen waren das Internet der Dinge sowie die freie Verfügbarkeit von IT-Werkzeugen. Eine Zusammenfassung im Video:

 

Top-Foto: Norbert Steinhauser

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