Eine Welt der Prä-30-Jährigen

12. September 2013 von Jennifer Lankheim 0

Foto: Cello Armstrong/ Fotolia.com

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Während sich die Arbeitgeber darüber beklagen, dass kaum noch qualifizierte Mitarbeiter zu finden seien, stehen Fachkräfte mit langjähriger Berufserfahrung ratlos vor der Frage, warum kein Unternehmen sie einstellen möchte. Vielen drängt sich der Verdacht auf, dass ältere Bewerber bei der Besetzung von Stellen nicht berücksichtigt werden – und zahlreiche Erfahrungsberichte lassen darauf schließen, dass sie mit diesem Verdacht nicht ganz unrecht haben. Wie kommt es, dass ausgerechnet in einer Branche, die zu Recht stolz auf die Vielfalt ihrer Arbeitnehmer ist, Menschen aufgrund ihres Alters diskriminiert werden? Und wie können Mitarbeiter verhindern, dass sie altersbedingt auf dem Abstellgleis landen?

Nach Angaben des Amtes für Statistik im US-Arbeitsministerium beträgt das Durchschnittsalter amerikanischer Arbeitnehmer 42,3 Jahre. Eine Untersuchung des auf den Vergleich von Gehältern spezialisierten Unternehmens PayScale hat vor Kurzem ergeben, dass das Durchschnittsalter in der Technologiebranche ganze 16 Jahre niedriger ist. Mit durchschnittlich 26 Jahren sind die Mitarbeiter von Epic Games branchenweit die jüngsten. Bei Facebook und Zynga beträgt das Durchschnittsalter der Mitarbeiter 28, bei Google 29 und bei AOL, Blizzard Entertainment, InfoSys und Monster.com 30 Jahre.

Google-Durchschnittsalter liegt bei 29

Je nach Sichtweise des Betrachters untermauern diese Zahlen, dass die Altersdiskriminierung in der IT-Branche weit verbreitet ist oder dass die Generation der 20- bis 30-Jährigen den älteren Arbeitnehmern im Hinblick auf ihren Ideenreichtum, ihre Kreativität und ihren Unternehmergeist überlegen ist. Wie man es auch betrachtet – wer einer Arbeit in der Technologiebranche nachgeht und vor dem ersten Retortenbaby auf die Welt gekommen ist, sollte sich bewusst sein, dass er bald zum „alten Eisen“ gehören könnte.

Über das Phänomen der Altersdiskriminierung beschweren sich vor allem Arbeitnehmer, auf die die Definition „alt“ eigentlich nicht zutrifft bzw. nicht zutreffen sollte. So liegt beispielsweise in der PC-Spieleindustrie und der Welt der sozialen Medien die Altersgrenze für Mitarbeiter bei Mitte dreißig. Ein Programmierer aus San Francisco berichtet, dass Entwickler, die mit 30 Jahren immer noch programmieren, auf dem Abstellgleis landen. Wer bis dann noch nicht aufgestiegen sei, sollte sich besser einen anderen Job suchen, so der Rat des Airbnb-Mitarbeiters, der lieber anonym bleiben möchte.

Er vertritt damit eine extreme, aber nicht völlig unbegründete Ansicht: In der US-Softwarebranche steht man vor der Wahl, Karriere zu machen oder möglicherweise in der Arbeitslosigkeit zu enden. Diese Tatsache wird stillschweigend gebilligt – in den Führungsetagen der Unternehmen wird aus Angst vor möglichen Klagen nicht darüber gesprochen, doch der Sachverhalt ist allgemein bekannt.

Bis 30 Karriere machen, sonst wird es eng

Altersdiskriminierung ist natürlich gegen das Gesetz, doch lässt sich der Tatbestand meist nur schwer nachweisen. In der Regel gibt es kein Corpus Delicti wie etwa E-Mails, in denen ein Bewerber als zu alt bezeichnet wird, oder offizielle Richtlinien zum Höchstalter der Mitarbeiter. Im Falle einer Klage können sich die Rechtsanwälte nur auf weniger eindeutige Beweise stützen, beispielsweise statistische Auswertungen der Einstellungsentscheidungen von Unternehmen, die nahelegen, dass das Alter der Bewerber eine Rolle spielte.

Nur sehr wenige Fälle landen tatsächlich vor Gericht, und in noch weniger Fällen lässt sich die Altersdiskriminierung auch nachweisen. Zahlreiche Berichte Betroffener lassen jedoch darauf schließen, dass das Phänomen in der IT-Welt weit verbreitet ist. Im November 2012 berichtete Reuters über den 60-jährigen Unternehmer Randy Adams, der am Massachusetts Institute of Technology Elektrotechnik studiert und acht Venture-Capital-finanzierte Unternehmen gegründet hatte. Er hatte das erste Kapital für Yahoo! beschafft und bei Adobe Systems das Team geleitet, das das Dateiformat PDF und Acrobat entwickelte.

Im Jahr 2011 war Adams auf der Suche nach einem Job als CEO, zog aber immer wieder gegenüber jüngeren Bewerbern den Kürzeren. Er hatte den Verdacht, dass dies nicht an seinen Qualifikationen lag, weshalb er zu seinem nächsten Vorstellungsgespräch bei einem Startup-Unternehmen der Mobilfunkbranche mit kahlgeschorenem Kopf und Chucks erschien. Das Unternehmen machte ihm ein Angebot. „Ich glaube nicht, dass ich diesen CEO-Posten bekommen hätte, wenn ich nicht meinen Kopf rasiert hätte“, so Adams.

Mit Chucks und Glatze zur Vorstellung: Und es klappte

Vorurteile gegenüber „Älteren“ sind uns in unserer jugendbesessenen Kultur zur zweiten Natur geworden. Auch die Werbung trägt zu diesen Vorurteilen bei. So wird uns bei technischen Produkten suggeriert, sie seien ein Inbegriff für all die positiven Eigenschaften, die man mit der jungen Generation verbindet. Und die Botschaft kommt an – wer das neueste iPhone besitzt oder sich in seinem Freundeskreis als erster mit dem neuesten Technologietrend auskennt, fühlt sich besser gegen Alterserscheinungen gewappnet als mit einer Botox-Behandlung.

Bereits legendär ist der Vortrag von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auf einer Venture-Capital-Konferenz im Jahr 2007, als er dem Publikum erklärte, erfolgreiche Startup-Unternehmen seien kein Ort für ältere Mitarbeiter. „Junge Menschen sind einfach intelligenter“, zeigte er sich überzeugt. Tatsächlich finden sich jedoch kaum Beweise für die Annahme, dass junge Menschen als Unternehmer erfolgreicher sind oder dass die Rechnung jünger gleich intelligenter im Arbeitsleben aufgeht.

Der Psychologe K. Warner Schaie kommt in seiner Langzeituntersuchung zur Reifung der menschlichen Intelligenz (Seattle Longitudinal Study) zu dem Ergebnis, dass sich der Mensch zu einem späteren Zeitpunkt als bislang angenommen auf dem Höhepunkt seiner geistigen Fähigkeiten befindet. Untersucht wurden sowohl die fluide Intelligenz (die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten) als auch die kristalline Intelligenz (Fähigkeiten, die erlernt bzw. durch die Umwelt bestimmt werden). Zwar verläuft die Entwicklung dieser beiden Intelligenztypen leicht unterschiedlich, doch allgemein lässt sich sagen, dass die Intelligenz des Menschen in der Lebensmitte, also zwischen dem 35. und dem 60. Lebensjahr, am stärksten ausgeprägt ist.

Wer kaum Verpflichtungen hat, ist gerne gesehen

Die Einschätzung, ob ein Mitarbeiter für eine bestimmte Rolle geeignet ist, kann stets nur subjektiv sein. Daher ist auch eine Abgrenzung zwischen gesetzeswidriger Altersdiskriminierung (bei der das Alter das alleinige Kriterium darstellt) und einer durchaus legitimen Bevorzugung jüngerer Mitarbeiter mit ihren positiven Eigenschaften und günstigen Lebensumständen nahezu unmöglich. Im Allgemeinen richtet sich das Gehalt eines Mitarbeiters nach seiner Erfahrung, und seine Erfahrung wiederum entspricht seinem Lebensalter, weshalb jüngere Mitarbeiter weniger kosten. Bei Mitarbeitern zwischen 20 und 30 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie auch außerhalb ihres Berufslebens größeren Verpflichtungen nachkommen und sich beispielsweise um Kinder oder hilfsbedürftige Eltern kümmern müssen. Damit sind sie flexibler, was Überstunden, Dienstreisen, den Wechsel an andere Standorte oder den bedingungslosen Einsatz während heißer Phasen betrifft.

Die Gründermentalität im Silicon Valley hat noch dazu unzählige Programmierer hervorgebracht, die klaglos 80 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten, regelmäßig Nachtschichten einlegen und sich mit der Aussicht auf einen warmen Geldregen bei einem Börsengang ihres Unternehmens begnügen, anstatt marktübliche Gehälter zu verlangen. Und das Silicon Valley gilt nicht nur als Symbol für die amerikanische Hightech-Industrie, sondern gibt bekanntermaßen auch die Trends für die weltweite IT-Branche vor. Ein solcher Trend ist die Bevorzugung junger, dynamischer Arbeitnehmer, die jedoch dem gerade in dieser Branche hochgehaltenen Prinzip der Gleichberechtigung entgegensteht.

Hier zeigt sich, dass das alte Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern“ wahr ist: Der Mensch sucht intuitiv die Gesellschaft Gleichgesinnter. Immer häufiger gehören leitende Angestellte und Entscheidungsträger selbst zur jüngeren Generation, weshalb es nicht überraschend (oder gesetzeswidrig) ist, dass sie gerne mit Menschen ihrer Altersgruppe zusammenarbeiten.

Wer jünger ist, kostet weniger

Im Idealfall gäbe es natürlich Vorurteile gegenüber Mitarbeitern „eines bestimmten Alters“ gar nicht erst, und ältere Arbeitnehmer müssten auch nicht befürchten, aufgrund äußerer Umstände gegenüber der jüngeren Generation im Nachteil zu sein. In einer solchen Arbeitswelt würden Mitarbeiter unterschiedlicher Altersgruppen und mit unterschiedlichstem Erfahrungsschatz gemeinsam auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Bei der Neubesetzung von Stellen würden nicht jüngere, weniger erfahrene Bewerber gegenüber älteren Kandidaten mit langjähriger Berufserfahrung bevorzugt werden oder umgekehrt. Kollegen unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Phasen ihres Berufslebens würden einander ergänzen.

Die Bedingungen in der Praxis sind jedoch nicht ideal: Technologieunternehmen betonen zwar gerne, dass ihnen eine möglichst vielfältige Belegschaft wichtig ist, doch bezieht sich diese Vielfalt nicht auf das Alter der Mitarbeiter. Ab einem gewissen Alter stehen Arbeitnehmer in dieser Branche vor sehr realen Herausforderungen: Sie können sich glücklich schätzen, wenn sie ein langfristiges Arbeitsverhältnis haben, und wenn dann das Gehalt auch noch ihrer mit den Jahren wachsenden Erfahrung entspricht, grenzt dies schon an ein Wunder. Wer in dieser Branche auf Arbeitssuche ist, muss damit rechnen, dass diese Suche mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird und immer länger dauert. Das mag unfair sein, ist aber die Realität.

SAP.info hat sich für diesen Beitrag mit Brancheninsidern unterhalten, unter ihnen Personalverantwortliche aus Unternehmen und Personalvermittlungsagenturen, leitende Entwickler, ein 30-jähriger Geschäftsführer eines Startup-Unternehmens und zwei Entwickler, die auch mit über 40 die Karriereleiter weiter emporklettern.

Kontakt zu unserer US-Korrespondentin Jennifer Lankheim.

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