Erfolgreich integriert

Feature | 1. Juni 2004 von admin 0

Eine komplette SAP-Einführung ist allein schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Noch schwieriger ist es, gleichzeitig die Übernahme eines anderen Unternehmens umzusetzen. Der amerikanische Automobilzulieferer Behr Dayton mit Sitz in Dayton, Ohio, den die Stuttgarter Behr-Gruppe von DaimlerChrysler übernommen hatte, schaffte diese Herausforderung in nur elf Monaten. Das Unternehmen löste den kompletten Datenbestand aus der IT-Landschaft des ehemaligen Mutterkonzerns heraus, baute mehrere Unternehmensbereiche neu auf und band einen externen Logistik-Dienstleister ein. Seit November 2003 arbeitet das Werk, das Klimaanlagen und Motorkühlsysteme produziert, mit SAP R/3 4.6C und der Branchenlösung SAP for Automotive.

Die Behr-Gruppe

Die Behr-Gruppe

Behr Dayton Thermal Products LLC ist das größte Werk von Behr America, der US-Gesellschaft der Stuttgarter Behr GmbH & Co. KG. Behr hatte die ehemalige DaimlerChrysler-Tochter Dayton Thermal Products im Jahr 2002 übernommen und führte sie anschließend in einer zweijährigen Joint-Venture-Phase gemeinsam mit DaimlerChrysler. Diese Übergangszeit war notwendig, um das Werk organisatorisch und systemtechnisch aus dem ehemaligen Mutterkonzern herauszulösen und in die neue Gruppe einzugliedern. Denn bislang hatte die DaimlerChrysler Corp. in Auburn Hills wesentliche Geschäftsprozesse der Fabrik zentral gesteuert. Dayton Thermal Products besaß daher keinen eigenen Einkauf, kein Personal- und Rechnungswesen und kein eigenes Controlling. Entsprechend schmal war auch die IT-Struktur. Das Werk wurde zum großen Teil über die Zentralsysteme bei DaimlerChrysler versorgt und hatte selbst nur eine Handvoll eigener Anwendungen, etwa für die Wartung der Maschinen.

Vorreiter eines zentralen Systems für alle Standorte

Für Behr bedeutete das, eine komplette IT-Umgebung sowie eigene Organisationsstrukturen und Geschäftsprozesse für die Tochtergesellschaft aufzubauen. Der Automobilzulieferer arbeitet in Deutschland seit Anfang 2001 mit SAP R/3, zunächst mit der Funktionalität für Personalwesen (HR) und seit 2002 mit den Modulen Finanzen (FI), Controlling (CO), Materialwirtschaft (MM) und Projektsystem (PS). Außerdem nutzt das Unternehmen SAP Business Information Warehouse (SAP BW). Die bislang fünf amerikanischen Standorte sind an die Funktionalitäten FI, CO, PS und MM der zentralen ERP-Umgebung angebunden.
Behr entschied sich, die neue Fabrik in Dayton mit dem kompletten SAP R/3 einschließlich der Branchenlösung SAP for Automotive auszustatten. Anders als bei den übrigen amerikanischen Standorten, die sich in der Logistik bislang einer Fremdanwendung bedienen, sollte in Dayton die komplette Funktionalität zum Einsatz kommen. Da Behr die Einführung der SAP-Logistik für die gesamte Gruppe als strategisches Ziel definiert hat, machte es Sinn, das jüngste Werk in den USA von Anfang an auf den neuesten Stand zu bringen. Mit der vollständig integrierten Lösung sparte sich das Unternehmen zudem die aufwändige Schnittstellen-Pflege. Nach und nach sollen alle Standorte der Behr-Gruppe mit dem integrierten SAP-System arbeiten.

Herausforderung Datenübernahme

Eine der großen Herausforderungen des SAP-Projekts bei Behr Dayton war die Übernahme der Daten aus der IT-Landschaft von DaimlerChrysler. Der Automobilkonzern versorgt mit etwa 40 verschiedenen Anwendungen alle amerikanischen Standorte zentral von Auburn Hills. Für das Projektteam hieß das, die für Dayton Thermal Products relevanten Daten zu spezifizieren, aus den DaimlerChrysler-Anwendungen herauszulösen, in eine Zwischendatenbank zu übertragen, zu bereinigen und schließlich in die SAP-Lösung zu migrieren. Dabei arbeiteten Fachleute von Behr aus Deutschland und den USA eng mit den entsprechenden Mitarbeitern von DaimlerChrysler zusammen. Externe Unterstützung leisteten der IT-Dienstleister itelligence, der im Jahr 2002 die SAP-Funktionalitäten an den anderen amerikanischen Behr-Standorten eingeführt hatte, sowie der EDI-Spezialist (Electronic Data Interchange) WSW Software GmbH, der die Vertriebsprozesse in die Lösung integrierte.
Die Vielfalt der Quellsysteme, darunter SAP-Lösungen, Großrechner-Anwendungen und Eigenentwicklungen, machte die Datenübernahme zu einem umfangreichen Teilprojekt. Angesichts der heterogenen IT-Landschaft waren Inkonsistenzen der Daten vorprogrammiert und eine aufwändige Bereinigung mehrere Monate lang das tägliche Brot des Projektteams. Allein die schiere Datenmenge machte dem Projektteam zu schaffen: Insbesondere bei Klimaanlagen weisen die Stücklisten eine sehr hohe Dispositionstiefe auf und enthalten zahlreiche Kaufteile mitunter unterschiedlichster Lieferanten.
Erschwerend kam hinzu, dass parallel zum SAP-Projekt eine professionelle Einkaufsabteilung aufgebaut werden musste. Für die teils neu eingestellten Mitarbeiter hieß das, sich nicht nur in die SAP-Lösung einzuarbeiten, sondern gleichzeitig in relativ kurzer Zeit 300 Lieferanten, deren Zukaufteile sowie die Einkaufsabläufe in der Behr-Gruppe kennen zu lernen.

Umfangreiche EDI-Integration

Eine zweite große Aufgabe neben der Datenübernahme war es, die insgesamt 15 Kunden, unter anderem DaimlerChrysler, Siemens VDO, Mitsubishi und Tesma, sowie die 300 Lieferanten per EDI und Web-EDI anzubinden. Dafür entwickelte und testete WSW mehr als 50 verschiedene Mappings einschließlich der US-amerikanischen EDI-Spezifika. Unter anderem waren die Nachrichtenarten des American National Standard Institute (ANSI) mit den entsprechenden Prozessen so in die SAP-Lösung zu integrieren, dass die Geschäftsabläufe weitgehend automatisiert erfolgen. Neben den in Deutschland bekannten EDI-Nachrichten Liefer- und Feinabrufe (VDA 4905/ 4915) oder Lieferavise (VDA 4913) mussten zusätzliche Meldungen wie Functional Acknowledgement (997), Application Advice (824) und Receiving Advice (861) in SAP R/3 eingebunden werden.

ANSI und OFTP

ANSI und OFTP

In Europa werden die EDI-Daten per Odette File Transfer Protocol (OFTP) übertragen, und der Sender erhält automatisch eine Empfangsbestätigung. In den USA gilt das File Transfer Protocol (FTP) als Übertragungsstandard. Dabei muss der Empfang durch eine EDI-Nachricht (ANSI X12 997) bestätigt werden. Das führt zu einer Flut von zusätzlichen EDI-Nachrichten und Informationen, die den Sachbearbeitern in ihrer SAP-Anwendung zur Verfügung gestellt werden müssen. Wenn beispielsweise in SAP eine Lieferung an einen Kunden abgefertigt wird, dann erhält dieser einen elektronischen Lieferschein als Ankündigung, in den USA Advanced Ship Note (ASN) genannt. Der Kunde bestätigt per Functional Acknowledgement 997 den Empfang der Nachricht. Wird der Lieferavis aber aufgrund von inhaltlichen Fehlern, etwa einer falschen Bestell- oder Kundenmaterialnummer, vom Kunden abgelehnt, erfolgt die Benachrichtigung mit Application Advice 824. Dann muss der Lieferant innerhalb von 30 Minuten eine korrigierte ASN an den Kunden senden.

Zur Integration und Verwaltung des EDI-Datenverkehrs entschied sich Behr für die WSW-Software SPEEDI. Das SAP-Add-on unterstützt die EDI-Integration und prüft, ob die Meldungen inhaltlich korrekt und vollständig sind. Bei Fehlern versendet es Benachrichtigungen via E-Mail oder Workflow. Das SPEEDI-Alert-Management kontrolliert eingehende Meldungen, zum Beispiel auf extreme Abrufschwankungen oder auf geänderte Eckdaten. Gleiches gilt für die Empfangsbestätigungen und Fehlermeldungen auf die von Behr versendeten ASNs. Treffen Fehlermeldungen ein, alarmiert die Lösung die zuständigen Mitarbeiter, die daraufhin rasch und mit wenigen Eingaben eine fehlerfreie ASN an den Partner verschicken können.
Zusätzlich unterstützt die SPEEDI-Infrastruktur viele EDI-nahe Prozesse in der SAP-Lösung. Sie komplettiert ausgehende ASNs mit den für das USA-Geschäft erforderlichen Zusatzdaten, etwa bei Routing Instructions, Fortschrittszahlen für Packmittel oder Zeitzonenumrechnungen. Bei eingehenden ASNs ermittelt SPEEDI den erwarteten Anlieferzeitpunkt und unterstützt damit die Disposition, die Warenannahme und den Vertrieb.

Weltweite Transparenz

Seit November 2003 arbeitet Behr Dayton mit neuen Geschäftsprozessen und IT-Strukturen vollständig unabhängig von DaimlerChrysler. Das Unternehmen, neu ausgestattet mit einem eigenen Einkauf, Controlling und Personalwesen, ist mit einer integrierten SAP-Lösung an die Behr-Gruppe angebunden. SAP for Automotive deckt die für die Automobilbranche spezifischen Geschäftsprozesse ab und hilft dem Werk, seine Produkte in kürzerer Zeit auf den Markt zu bringen, die Kunden termingerecht zu beliefern und rasch auf Veränderungen zu reagieren. Gleichzeitig profitiert die gesamte Behr-Gruppe von der zunehmenden weltweiten Transparenz. Einheitliche Geschäftsprozesse und eine gemeinsame Datenbasis unterstützen Behr dabei, strategische Entscheidungen zu treffen.

Franz Grad

Franz Grad

Thomas Hübsch

Thomas Hübsch

Michael Vollmer

Michael Vollmer

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