“Erst Web-Services haben die Prozessorientierung durchgesetzt”

Feature | 17. Januar 2007 von admin 0

Frank Leymann

Frank Leymann

Wie definieren Sie Web-Services – etwa im Zusammenhang mit Service-orientierten Architekturen?

Leymann: Ein Service, also ein Dienst, stellt eine ständig verfügbare Funktionalität mit geschäftlicher Bedeutung dar. Für den Anwender ist es egal, welchen konkreten Dienst er in Anspruch nimmt. Alle verfügbaren Dienste werden von ihm wie ein einziger wahrgenommen. Wendet er sich mit dem Wunsch nach einem Dienst an die Infrastruktur, so entscheidet diese, welchen sie aufruft. Dieses Konzept, das so genannte Service-orientierte Computing, setzt voraus, dass die beteiligten Plattformen, Application Server oder Betriebssysteme interoperabel sind – so, wie es in den Web Service Standards (WSS) festgelegt wurde. Diese Standards ermöglichen die Kommunikation zwischen Anwender und Web-Service beispielsweise über die Programmierschnittstelle Java Message Service oder über den Aufruf eines Application Servers. Einen Web-Service definiere ich daher als einen Dienst, der innerhalb einer WSS-gemäßen Infrastruktur implementiert wird. Web-Services haben also nicht immer etwas mit dem Web zu tun. Eine Service-orientierte Architektur ist demnach ein Paradigma für die Umsetzung des Service-orientierten Computing.

Was ist wirklich neu an Web-Services?

Leymann: Wirklich neue Dinge ergeben sich oft aus dem Zusammenwirken mehrerer bekannter Ansätze. Bei der Web-Service-Technologie sind dies die neuen Möglichkeiten, die sich durch die allgemeine Verfügbarkeit der Dienste ergeben.Allein die Tatsachen, dass praktisch alle Hersteller Service-orientiertes Computing und Web-Services unterstützen, ist neu. Dadurch ist eine prozessorientierte Sichtweise in letzter Zeit zum Allgemeingut geworden. Die Forschung untersucht beispielsweise neue Kombinationsmöglichkeiten von bekannten Diensten mit Hilfe der Modellierungssprache für Geschäftsprozesse BPEL.

Wie äußert sich der Übergang zum “Service Web” für die Anwender?

Leymann: Der Anwender bemerkt fast nichts! Er greift auf vorhandene Dienst zu, aber nun handelt es sich um Web-Services, beispielsweise Suchmaschinenfunktionen oder der Zugriff auf bestimmte Informationen. Technologien, die gegenwärtig unter dem Schlagwort “Web 2.0” angeboten beziehungsweise entwickelt werden, verstärken diesen Trend in Zukunft noch.

Was war der wichtigste Durchbruch für Web-Services?

Leymann: Die Prozessorientierung in der Industrie setzt sich mit Hilfe von Web-Services erst wirklich durch. Die komponentenorientierte Softwareentwicklung wurde schon lange diskutiert, aber in Form von Web-Services sind solche Komponenten jetzt Realität geworden und lassen sich durch BPEL einfach zusammensetzen. Über Web-Service-Technologie ist auch das Auslagern von IT-Leistungen unkomplizierter geworden. Das macht sich vor allem bei der Wahl der Transportprotokolle, der Formate für die Serialisierung der ausgetauschten Nachrichten, sowie der Absicherung und Robustheit des Nachrichtenaustauschs bemerkbar.

Was sind “Semantic Web Services”?

Leymann: Dabei handelt es sich um Web-Services, deren Funktionalität in der Begriffswelt der Anwender beschrieben ist. Gegenwärtig ist ein Web Service “nur” technisch spezifiziert, das heißt als Menge seiner Operationen zusammen mit den Eingabe- und Ausgabedaten. So bietet beispielsweise der Dienst “BestellService” die Operation “BestimmePreis” an, verlangt dazu die Eingabe “ArtikelNummer” und gibt den Preis aus. Ohne Deutschkenntnisse ist jedoch nicht erkennbar, was der Dienst eigentlich für sie macht. Außerdem ist unklar, ob der Preis die Mehrwertsteuer des Besteller- oder des Herstellerlandes enthält. Semantic Web-Services liefern all diese Informationen in Form von maschinenlesbaren Beschreibungen. Mit ihrer Hilfe findet die Web-Service-Infrastruktur die erforderliche Implementierung eines Dienstes für jeden Anwender. Nutznießer davon sind Endanwender sowie Entwickler, die einen Dienst für die Entwicklung einer bestimmten Anwendung benötigen.

Welchen Einfluss haben Web-Services auf die Unternehmens-IT?

Leymann: So wie ein Versorgungsbetrieb etwa Strom, Gas oder Wasser ständig zum Verbrauch anbietet, stellen auch externe Dienstleister Web-Services jederzeit zur Verfügung. Das impliziert, dass ein Unternehmen Teile seiner IT, etwa E-Mail oder das Speichern von Dokumenten, aber auch ganze Geschäftsprozesse an externe Dienstleister auslagern kann. Die Web Service Standards stellen sicher, dass das auslagernde Unternehmen seinen Dienstleister einfacher wechseln kann.

… – und auf die Geschäftsprozesse?

Leymann: Im Rahmen der Standardisierung der Web-Services ist auch ein Standard für die Modellierung von Geschäftsprozess entstanden, den alle wesentlichen Hersteller unterstützen. Die zugehörige Modellierungssprache “BPEL” erlaubt es, Prozessmodelle zwischen entsprechenden Modellierungswerkzeugen auszutauschen und in einer Laufzeitumgebung auszuführen. Ähnliches ist seit Anfang der Neunziger Jahre mehrfach, aber erfolglos versucht worden. Erst mit dem Aufkommen der Web-Service-Technologie kam es hier zu einem Durchbruch.

Wie genau lassen sich Teile von Geschäftsprozessen auslagern?

Leymann: Web-Service-Technologie macht aus Geschäftsprozessen Web-Services. Diese lassen sich auslagern. Für eine teilweise Auslagerung muss man das betreffende Fragment erst aus dem ursprünglichen Geschäftsprozess extrahieren, durch einen Platzhalter ersetzen und von einem Dienstleister betreiben lassen. Dieser Schritt erfolgt unabhängig von Web-Service-Technologien; aber Web-Services helfen dabei, dass der Platzhalter und das Fragment über verschiedene Plattformen hinweg miteinander kommunizieren können. Die verschlüsselte Kommunikation, sichere Transaktionen sowie die Nachrichtenübertragung werden standardisiert – und dadurch verlässlicher.

Wie lassen sich Web-Services und Grid-Computing sinnvoll kombinieren?

Leymann: Beide haben eine gewisse Ähnlichkeit: In einer Service-orientierten Architektur sieht die verwendete Anwendungsfunktionalität für den Anwender wie ein einziger Service aus, auch wenn sie durch viele Web-Services realisiert ist. Ebenso bietet das Rechnen in einem Netz von mehreren Tausend Rechnern, das so genannte Grid-Computing, einen Pool von Hardware-Ressourcen wie Disks oder CPUs nach außen hin als eine einzige “große” Ressource an. Eine komplette IT-Lösung, die sich aus Anwendungsfunktionalität und Hardware beziehungsweise Infrastruktur zusammen setzt, wird vom Anwender als eine Einheit wahrgenommen. Eine solche Lösung lässt sich in Form von Web-Services beschreiben, über Web-Service-Technologie zugänglich machen und nach Bedarf jederzeit von einem externen Dienstleister betreiben. So fordert beispielsweise ein Anwender von der Infrastruktur eine bestimmte Anwendung rund um die Uhr für eine bestimmte Anzahl von Benutzern. Daraus leitet die Infrastruktur ab, wie viele Maschinen und Speicher vonnöten sind und reserviert diese Hardware im Grid. Daraufhin installiert die so genannte Provisioning Engine die Anwendung samt notwendigem Betriebssystem, Datenbank und so weiter. Unternehmen können dadurch bei der Auslagerung ihrer IT differenzierter vorgehen: Die IT für die Durchführung der durchschnittlichen Last einer Anwendung lässt sich beispielsweise im eigenen Unternehmen vorhalten, aber diejenige, die für Spitzenbelastungssituationen gebraucht wird, auslagern.

Was verstehen Sie unter “Autonomic Computing” im Zusammenhang mit Web-Services?

Leymann: Die Vision hinter Autonomic Computing ist, dass sich IT wie ein Organismus selbst reguliert. Das heißt, die IT stellt sich selbstständig auf geänderte Umweltbedingungen ein – vergleichbar mit Körperfunktionen wie erhöhtem Pulschlag, Atemfrequenz, Schweißproduktion bei Anstrengung. Analog dazu erkennt die IT-Infrastruktur, wenn sich durch die Anmeldung von immer mehr Benutzern die Antwortzeit einer Anwendung verlängert, belegt automatisch zusätzliche Hardware und/ oder installiert zusätzliche Anwendungen. Dadurch wird die Last durch die zusätzlichen Benutzer verteilt und die Antwortzeit verkürzt sich. Melden sich weniger Benutzer an, wird die Anwendung gegebenenfalls deinstalliert und nicht mehr benötigte Hardware wieder freigegeben. Web-Services-Technologien sorgen dafür, dass die Benutzer auf die Anwendung zugreifen können, ohne von der konkreten Infrastruktur zu wissen. Zusätzlich benötigte Infrastruktur lässt sich nach Bedarf von einem Dienstleister anfordern.

Unterstützen Web-Services auch die Industrialisierung der Anwendungsentwicklung?

Leymann: Ja, die Produktion von Anwendungen wird durch sie effizienter und kostengünstiger. Ein Entwickler braucht nur unter den vorhandenen Web-Services einen zu finden, der sich für seine Zwecke eignet – und muss ihn nicht mehr neu entwickeln. Durch die von der Web-Service-Technologie forcierte Prozessorientierung lässt sich der Löwenanteil der Anwendungsentwicklung von den Fachbereichen erledigen, ohne notwendigerweise die IT-Abteilung zu involvieren.

Wo sehen Sie Web-Services in zehn Jahren?

Leymann: Sie werden so selbstverständliche sein wie E-Mail oder Browser.

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