Standard mit Stehvermögen

Feature | 18. Juli 2007 von admin 0

Herr Booth, 30 Jahre Ethernet – was ist das Geheimnis dieser Langlebigkeit?

Booth: Meiner Ansicht nach gibt es dafür im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen ist die Nutzung relativ kostengünstig, und viele Anbieter sind in erster Linie bestrebt, die Kosten – die Pro-Port-Kosten – zu senken. Zum anderen wird das Ethernet heute praktisch mit TCP/IP gleichgesetzt. Der IP-Verkehr hat durch Entwicklungen wie Internet-Telefonie oder Fernsehen über Internetprotokoll (IPTV) zugenommen. Und Ethernet ist nun mal das Netzwerkprotokoll für den IP-basierten Verkehr mit der längsten Geschichte.

Zu den Gründungsmitgliedern der Ethernet Alliance gehören unter anderem AMCC, Intel, Samsung und Sun Microsystems. Über die Jahre hat es andere, ähnliche Gruppen gegeben – welche Motivation steckt hinter dieser neuen Gründung?

Booth: Die anderen Gruppen wurden in der Regel gebildet, um eine bestimmte Technologie zu fördern, die von der IEEE 802.3-Arbeitsgruppe entwickelt wurde. Diese Gruppen lösten sich jedoch wieder auf, sobald aus ihrer Sicht diese spezielle Fragstellung gelöst war. Aus Sicht der Branche hingegen, so unser Eindruck, war das nicht der Fall. Beispiel Gigabit-Ethernet: Es existiert bereits seit 1998, trotzdem sind noch immer viele Fragen offen. Wir versuchen dem zu begegnen, indem wir Informationen zu den vorhandenen Ethernet-Spezifikationen bereitstellen, die auch dem Laien weiterhelfen.

Welche technologischen Herausforderungen kommen auf die Allianz zu?

Booth: Wir wollen unseren Mitgliedern helfen, herauszufinden, welche Anforderungen die Branche an die IEEE-Standards der kommenden Generation stellen wird. Die Meinungen gehen in diesem Punkt weit auseinander. So möchten beispielsweise einige unserer Mitglieder die Entwicklung des 100-Gigabit-Ethernet vorantreiben, während andere das 40-Gigabit-Ethernet favorisieren. Wenn man sich um einen IEEE-Standard bemüht, muss man vorher irgendeinen Konsens finden. Die Ethernet Alliance bietet ihren Mitgliedern den Rahmen zum Austausch. In manchen Fällen, etwa in der Frage 40-Gigabit- oder 100-Gigabit-Ethernet, ist die technische und wirtschaftliche Machbarkeit sowie das Marktpotenzial Gegenstand der Diskussion. Hier verfolgen die Mitgliedsunternehmen verschiedene Ziele. Ist erst einmal eine Übereinkunft getroffen, profitiert der Markt auf jeden Fall. Denn die Mitglieder der Ethernet Alliance sind unmittelbar auf dem neuesten Stand und können Projekte sofort umsetzen.

An welchen neuen Technologien arbeiten die Mitglieder der Allianz derzeit?

Booth: Die neuen Technologien fassen wir unter der Bezeichnung „Hochgeschwindigkeits-Ethernet“ zusammen, die sowohl das 100-Gigabit-Ethernet als auch das 40-Gigabit-Ethernet umfasst. Für den Großteil der Rechenzentren werden diese Technologien zunächst ohne Belang sein. Es gibt jedoch zahlreiche Internet Exchange Carriers, wie etwa Time Warner und Cox Cable, in deren Video-Datenzentren oder Internet-Aggregationspunkten Ethernet zum Einsatz kommt. Hier reichen 10-Gigabit nicht aus. Die entsprechenden Unternehmen verlangen deshalb nach mehr Bandbreite, also nach 100-Gigabit. Zudem arbeiten wir an einem Konzept namens „Energy Efficient Ethernet“. Um Ethernet energieeffizienter zu gestalten, sind unserer Meinung nach keine weitreichenden Veränderungen notwendig. Wenn man jedoch eine Verbindung mit 10 Gbit/s hat und keine Daten über diese Verbindung fließen, stellt sich die Frage: Können wir die Geschwindigkeit dieser Verbindung entsprechend drosseln, und wie rasch können wir sie je nach Datenanforderungen wieder erhöhen? Und schließlich gibt es noch 10-Gigabit-EPON, die Geschwindigkeitsstufe nach 1-Gigabit-EPON. In einigen Märkten Asiens wird 1-Gigabit-EPON für passive optische Netzwerke verwendet. Eine Reihe von Unternehmen haben diese Möglichkeit auch in Nordamerika für den Access-Markt in Erwägung gezogen. Doch auch hier stellen die Unternehmen fest, dass sie gern eine höhere Bandbreite an den Aggregationspunkten hätten. Deshalb wird jetzt in die Weiterentwicklung von 10-Gigabit-EPON investiert.

Wie tief „in“ die Technologie begleitet die Ethernet Alliance ihre Standards?

Booth: Unser Ziel ist es, alles zu fördern, was mit den Standards IEEE 802.1 und 802.3 verbunden ist. So beobachten wir beispielsweise verstärkte Entwicklungsaktivitäten hinsichtlich Power over Ethernet und eine Reihe anderer Projekte. Zudem versuchen wir aufzuzeigen, wie sich diese Technologien dann tatsächlich verwenden lassen und ermuntern unsere Mitglieder, technische Whitepapers zu erstellen. Diese sollen, in der Regel auf gehobenem Niveau, den Marktteilnehmern nicht nur verständlich machen, warum das Standardisierungskomitee Dinge wie 100-Gigabit- oder 40-Gigabit-Ethernet entwickelt. Sie sollen auch auf technologische Details aufmerksam machen. Wer beispielsweise eine 10GBASE-T-Verbindung implementieren will, muss unter Umständen auch eine neue Verkabelung in Erwägung ziehen. Bei einer solchen neuen Verkabelung kann es sich um ein geschirmtes Cat-6-Kabel, das 10 Gigabit übertragen kann, oder ein Cat-6a- oder Cat-7-Kabel handeln.

Was ist der Status bei Power over Ethernet (PoE)?

Booth: Es gibt eine Spezifikation, die die Stromversorgung per Ethernet-Kabel bei einer Leistung von 13 Watt regelt. Das Interesse an einer solchen Funktion ist groß, da sie sich auf VoIP-Telefone anwenden lässt: Wird ein Ethernet-Kabel an ein Telefon angeschlossen, so ist dieses auch gleich mit Strom versorgt, das Netzkabel entfällt. 13 Watt reichen hierfür aus. Anwendungen wie Sicherheitskameras und einige der neueren Access-Points brauchen jedoch wesentlich mehr Leistung. Um auch solche Geräte zu versorgen, müssen wir eine Lösung finden, noch mehr Leistung über das Kabel zu transportieren. Ebenfalls interessant ist die Möglichkeit, Laptops via Ethernet-Kabel mit Strom zu versorgen. Wer sich beispielsweise im Ausland aufhält, aber nicht den richtigen Netzanschluss hat, lädt dann einfach über den PoE-Port seinen Akku wieder auf.

Glauben Sie, dass die Ethernet-Technologien bei der Entwicklung von Web 2.0 eine tragende Rolle spielen?

Booth: Ich erwarte, dass Ethernet bei dem, was wir als die nächste Generation des Internet betrachten, noch weiter in den Vordergrund rücken wird. Der Vorteil der Ethernet-Technologie besteht darin, dass – sofern wir uns wirklich in Richtung eines starken IP-basierten Internet und der entsprechenden Anwendungen wie IPTV oder Video on Demand bewegen – eine gemeinsame Infrastruktur besteht. Für viele Kunden bedeutet das einen erheblichen Kostenvorteil. Wenn Sie das Protokoll ändern und die Art der Datenübertragung beispielsweise von Leitungsvermittlung auf Paketvermittlung umstellen müssen, erschwert das fraglos den Datentransfer.

Wie wichtig war Ethernet aus Ihrer Sicht für die Entwicklung des Internet?

Booth: Ethernet kam zugute, dass es eines der ersten Protokolle war, das in Universitäten und Unternehmen eingesetzt wurde. Deshalb denke ich, dass Ethernet – auch wenn es nicht direkt an der Entstehung des Internet beteiligt war – etwa die Kommunikation per E-Mail vorangetrieben hat. Innerhalb der Universitäten oder der Unternehmen war das schon lange möglich. Dies war ein Umstand, der für die Entwicklung des Internet meiner Meinung nach sehr wichtig war. Als diese Netzwerke etabliert waren, kam natürlich der Wunsch auf, dies auch im privaten Umfeld zu tun. Ethernet war hier eine der erprobten Kerntechnologien, als das Internet sich zu dem entwickelt hat, was es heute ist.

Gibt es eine Technologie, die Ethernet ersetzen könnte?

Booth: Ich würde mich nicht für die Ethernet Alliance einsetzen, wenn ich der Meinung wäre, es gäbe einen Ersatz. Viele andere Technologien sind entstanden, aber keine hat das erreicht, was Ethernet geleistet hat. Ich bin davon überzeugt, dass es Ethernet noch sehr lange geben wird, wenn es weiterhin zuverlässige und schnelle Verbindungen zu angemessenen Kosten ermöglicht – und das liefert, was die Endkunden wirklich wollen. Ethernet und TCP/IP sind heute fasst deckungsgleich. Deshalb wird es sehr schwierig sein, hier mit einer neuen Technologie einzusteigen. Schließlich gälte es beispielsweise, mehr als 600 Millionen Ethernet-Ports weltweit zu ersetzen.

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