Fatale Stagnation der Forschungsetats?

Feature | 20. Februar 2006 von admin 0

Im vergangenen Monat forderte die amerikanische National Academy of Sciences Präsident Bush dazu auf, die Forschungsausgaben in jedem Jahr um zehn Milliarden US-Dollar zu erhöhen. In ihrem Bericht “Rising Above the Gathering Storm” warnte die Akademie, das Land werde ohne einen Kraftakt der US-Regierung der ausländischen Konkurrenz unterliegen. Der Appell verhallte ungehört. Präsident Bush beantragte für 2006 Forschungsmittel in Höhe von 132 Milliarden US-Dollar, ungefähr genauso viel wie im Jahr 2005. Schlimmer noch: Seit Jahren ist der Forschungsetat nicht gestiegen.
Darüber hinaus geben die USA nach Aussage der renommierten American Association for the Advancement of Science (AAAS) einen großen Teil der Forschungsgelder für Verteidigungszwecke und für den Kampf gegen den Terrorismus aus. Breiter angelegte Projekte hätten demgegenüber das Nachsehen. Gilbert Omenn, Präsident der Triple-AS, schrieb in einem Brief an Präsident Bush: “Naturwissenschaften, Biologie, Sozial- und Verhaltenswissenschaften einerseits und die praktischen Anwendungen der dort gewonnenen Forschungsergebnisse andererseits stehen in immer stärkerer Wechselbeziehung. Das Ergebnis: technologischer Fortschritt zum Wohle der Gesellschaft. Hierfür ist ein ausgewogener Forschungsetat unerlässlich.”

Weniger Forschungsmittel, weniger Studenten

“Wir müssen mehr in ergebnisoffene Forschung investieren, aus der sich dann etwas entwickeln kann. Für diese Art der Forschung sind die Universitäten und nationalen Forschungseinrichtungen bestens qualifiziert”, so Omenn weiter. Seiner Ansicht nach wäre es grundfalsch, das Land und dessen wissensbasierte, technologiegetriebene Wirtschaft in eine Situation zu bringen, in der eine ‘Aufholjagd’ begonnen werden müsse. Der Vorstand der AAAS betrachte es in diesem Zusammenhang mit großer Sorge, schließt Omenn, dass in den USA dauerhaft nicht genügend Studenten für die Natur- und Ingenieurwissenschaften interessiert werden könnten.
Offenbar haben die düsteren Prognosen für Natur- und Ingenieurwissenschaften und die Warnungen vor Konkurrenz aus China und Indien Präsident Bush teils zum Einlenken gezwungen. Ende Januar kündigte er an, die USA werde die Ausgaben für diese Bereiche im Laufe der kommenden zehn Jahre verdoppeln.
Selten herrscht so große Einigkeit zwischen Wissenschaftlern in Europa und den USA wie in der Frage der Forschungsetats. So unterstrich die EU beispielsweise, der leichte Rückgang der US-amerikanischen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung im Jahr 2003 bedeute für Europa längst keine Atempause. Denn der Rückgang sei vor allem darauf zurückzuführen, dass US-Konzerne einen Großteil ihrer neuen Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung in Schwellenländern wie China tätigten.

Langfristige Probleme

Der international bekannte Informatik-Professor Leonard Kleinrock, University of California in Los Angeles, stimmt Omenn zu: In Europa und Asien würden viel mehr Wissenschaftler promoviert als in den USA. “Meiner Meinung nach”, folgert Kleinrock unter anderem aus diesem Indikator, “sind wir dabei, im Bereich Forschung und Entwicklung unseren jahrzehntelangen Vorsprung und die Führerschaft zu verspielen.”
Kleinrock sieht schwarz für eine rasche Lösung dieses Problems. In Bezug auf die sinkenden Studentenzahlen müsse beispielsweise in einem Zeithorizont von zehn Jahren gedacht werden. Heute würden Schüler für Naturwissenschaften interessiert, morgen begännen sie ein entsprechendes Studium, erst übermorgen stünden sie für Forschung und Entwicklung zur Verfügung. “Viele sehen nicht, dass die hervorragenden Forschungsprogramme der Vergangenheit das technologische Klima von heute bestimmen. Derzeit sind aber keine großen wissenschaftlichen Leistungen in Sicht”, beklagt Kleinrock.
Andere Länder bewegten sich im Unterschied zu den USA in die richtige Richtung. Ist der technologische Vorsprung erst einmal verspielt, so klafft die Schere immer weiter auseinander. “Früher hatten die USA die kreativsten Studenten der Welt, denn ihnen stand frühzeitig die beste Technologie zur Verfügung”, argumentiert Kleinrock. Nun ist diese Technologie aber überall vorhanden, der Vorsprung sei geschmolzen. Global betrachtet hätten die Studenten anderswo deshalb nicht nur dieselben Ausgangsbedingungen wie in den USA, sondern oftmals bessere.

Asien holt auf

Asien holt gegenüber den USA bei den Forschungsausgaben mit großer Geschwindigkeit auf. Wie im UNESCO-Wissenschaftsbericht 2005 nachzulesen ist, wuchs der Anteil Asiens an den weltweiten Forschungsausgaben von 27,9 Prozent im Jahr 1997 auf 31,5 Prozent im Jahr 2002. Auf Nordamerika entfällt zwar immer noch mehr als ein Drittel aller weltweiten Forschungsaktivitäten – Tendenz allerdings fallend. So betrug 1997 der Anteil Nordamerikas an den weltweit für Forschung ausgegebenen 830 Milliarden US-Dollar 38,2 Prozent, 2002 hingegen waren es nur noch 37 Prozent.
Die Anteile für Europa bezifferte der UNESCO-Bericht mit 28,8 Prozent (1997) und 27,3 Prozent (2002). Die relativ schwach ausgeprägte Beteiligung der Privatwirtschaft an der Forschung sei einer der Hauptgründe, warum Europa den USA hinterherhinke. Verglichen mit den USA existierten in Europa außerdem viele Forschungseinrichtungen – eine sehr zum Nachteil gereichende Zersplitterung der Forschungsanstrengungen, so die UNESCO.
Mit Blick auf die Innovationskraft bei Naturwissenschaften und Technik landete nach Angaben der UNESCO Schweden immerhin auf dem ersten Platz, gefolgt von Japan, den USA, Finnland, der Schweiz, Großbritannien und Dänemark. Deutschland, die Niederlande und Frankreich hätten hingegen an Dynamik verloren.
Indien und China hätten längst erfolgreich die Verfolgung der Dreiergruppe Japan-USA-Europa aufgenommen, so der Bericht weiter. Der Anteil Indiens an den weltweiten Forschungsaktivitäten stieg zwar zwischen 1997 und 2000 von 2,0 auf 2,5 Prozent – immerhin eine satte Steigerung um ein Fünftel – liegt damit aber immer noch weit hinter dem Anteil Chinas. Der stieg im gleichen Zeitraum von 3,0 auf 8,7 Prozent – und hat sich damit nahezu verdreifacht.

Auch das Forschungsgebiet zählt

Nicht nur der Umfang der in den USA und Europa finanzierten Forschung bietet Anlass zur Sorge, sondern auch deren Art. Rob Enderle, Analyst bei der Enderle Group, zweifelt daran, ob es richtig war, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Forschungsmittel in die Bereiche Verteidigung und Geheimdienste zu verlagern. “Wie beim Wettlauf um die Eroberung des Weltraums könnte sich diese Forschung zwar auch auszahlen. Allerdings sind die Forschungsarbeiten eben geheim – die Dividende wird also lange auf sich warten lassen”, so Enderle. Länder wie China, leben nicht mit dieser Verzögerung und gehen daher viel aggressiver vor. Infolge dessen steige dort der Anteil am Gesamtwert des weltweiten geistigen Eigentums.
Die USA müssten jetzt, folgert Enderle hieraus, strategisch und taktisch vorgehen. “Es macht keinen Sinn, gegen die ‘terroristische Bedrohung’ anzugehen, wenn das Land dadurch seinen Wettbewerbsvorteil verliert. Die hieraus resultierenden wirtschaftlichen Probleme könnten das Land langfristig stärker schädigen als ein vermiedener Terrorangriff.”
Auch Leonard Kleinrock hält eine nach diesem Muster zweckgebundene Finanzierung von Forschungsaktivitäten für problematisch. Früher habe die dem Verteidigungsministerium unterstellte Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) ergebnisoffene Forschung mit langfristigen Zielen finanziert. Fast immer habe sich diese Forschung am Ende auch ausgezahlt. Heute bestünde die Forschungsfinanzierung der DARPA aus weniger umfassenden Verträgen, sei kurzfristiger angelegt und ziele direkt auf die Anwendung ab. “Das schränkt den kreativen Handlungsspielraum der Forscher erheblich ein”, so Kleinrock.

Mehr Wettbewerb um weniger Geld

EU-Forschungskommissar Janez Potocnik sieht mittlerweile die Chance der EU geschrumpft, den technologischen Rückstand auf die USA und Japan aufzuholen und den Vorsprung zu Ländern wie China zu wahren. Zu dramatisch seien gerade die Forschungsausgaben von den Haushaltskürzungen im vergangenen Dezember betroffen gewesen. “Wir sind alles andere als erfreut, dass die Ausgaben in einem so wichtigen Bereich wie der Forschung so stark gekürzt wurden”, sagte er.
Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung innerhalb der EU stagnieren. Nach Angaben von Potocnik schwächt sich seit 2000 das Wachstum der Forschungsetats, gemessen am Anteil am Brutto-Inlands-Produkt, ab. Zwischen 2002 und 2003 wuchs der Anteil nur noch um 0,2 Prozent. “Am beunruhigendsten scheint, dass Europa als Forschungsstandort immer unattraktiver wird. Unternehmen aus der EU investieren mehr in den USA als US-Firmen in der EU”, so Potocnik.
In den USA hat nach Angaben von Leonard Kleinrock die halbstaatliche NFS in jüngster Zeit einige der Funktionen der DARPA übernommen und finanziert teils größere und langfristigere Projekte. In den vergangenen fünf Jahren jedoch war die Zahl der Anträge an die NFS im Bereich Informationstechnologie von 2000 auf 6000 gestiegen. Die einfache Schlussfolgerung: Viele Anträge haben keine Finanzierung erhalten. “Wir leben mit viel größerem Wettbewerb um viel weniger Geld”, stellt Kleinrock abschließend fest.

Barbara Gengler

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