Forschen für mehr Interoperabilität

Feature | 12. Dezember 2005 von admin 0

Wörterbücher bezeichnen mit Interoperabilität die Fähigkeit mehrerer Computersysteme miteinander Daten auszutauschen und diese zu verarbeiten. Das scheint einfach, ist jedoch eine große aktuelle IT-Herausforderung. Laut Gartner Group und AMR geben Unternehmen rund 30 bis 40 Prozent der IT-Budgets zur Lösung von Integrationsaufgaben aus – voraussichtlich rund 30 Milliarden Dollar in 2006. Interoperabilität ist jedoch kein Produkt, sondern würde von neuen Technologien profitieren.

Neue Technologien für Interoperabilität

SAP Research adressiert diesen wichtigen Themenkomplex in mehreren groß angelegten Forschungsprojekten im Rahmen seines globalen Forschungsnetzwerks. Im Forschungsprojekt DIP (Data, Information, and Process Integration with Semantic Web Services) geht es darum, Web-Services und Semantic-Web-Technologien zu kombinieren. Ziel ist es, künftig Web-Services im Internetumfeld automatisch zu erstellen.
Ein zweites internationales Projekt, an dem SAP Research unter dem Stichwort “Interoperabilität” beteiligt ist, wird seit Anfang 2004 unter der Bezeichnung ATHENA (Advanced Technologies for Interoperability of Heterogeneous Enterprise Networks and their Applications) geführt. Zur Addressierung dieses komplexen Problems arbeitet SAP als Koordinator mit mehr als 20 Organisationen aus Forschung, Wissenschaft und Industrie zusammen. ATHENA wird von der Europäischen Kommission unterstützt und hat die Analyse verschiedener Aspekte von Interoperabilität zum Ziel – unter anderem unternehmensübergreifende Geschäftsprozesse, service-orientierte Architekturen, semantische Beschreibung von Geschäftsdokumenten sowie ökonomische Betrachtung von Netzwerkorganisationen.

Automatisierung unternehmensübergreifender Geschäftsprozesse

Die nächste Generation von Unternehmensnetzwerken basiert auf unternehmensübergreifenden Geschäftsprozessen. Hierbei müssen Informationen automatisch zwischen Unternehmensanwendungen der kooperierenden Geschäftspartner ausgetauscht werden. Dies erfordert es, die unternehmensinternen Systeme zu koppeln. Zentraler Aspekt hierbei ist, bestimmte interne Prozesse oder vertrauliche Informationen zu verbergen, dem Geschäftspartner also nicht zugänglich zu machen.

Prozess-Abstraktions-Konzept

Prozess-Abstraktions-Konzept

Als Beispiel dient ein typisches Hersteller/Lieferanten-Szenario. Der Hersteller benötigt zur Produktion eines bei ihm bestellten Produkts Waren von einem Vorlieferanten und bittet diesen um ein Angebot. Nach den Verhandlungen folgen Auftrag, Auftragsbestätigung und später die Lieferung. Wenn Geschäftspartner ihre Prozesse miteinander verbinden, steigt die Effizienz in der Auftragsabwicklung auf beiden Seiten. Dabei muss sichergestellt sein, dass kein Beteiligter ungewollt Einblick in interne Prozesse des anderen erhält.
SAP Research hat für diese Aufgaben ein so genanntes Prozess-Abstraktions-Konzept entwickelt. In diesem Konzept definiert jeder Partner so genannte öffentliche Prozesse, die über den internen, privaten Prozessen liegen. Partner sehen stets nur den öffentlichen Prozess, hinter dem die individuellen Abläufe gekapselt sind. Der Lieferant erhält im Beispiel weder eine Information darüber, wer seine Mitbewerber waren und was das Ergebnis der Ausschreibung ist. Zwischen beiden Partnern läuft lediglich der gemeinsame B2B-Prozess ab. Die Herausforderung besteht nun darin, die Definition und die Verwendung öffentlicher Prozesse und B2B-Prozesse für den Anwender möglichst effizient zu unterstützen.

Die Lieferanten wissen nur, was sie wissen sollen

Definition unternehmensübergreifender Geschäftsprozesse

Definition unternehmensübergreifender Geschäftsprozesse

SAP Research hat hierfür unter dem Projektnamen Maestro for BPM ein Software-Modellierungswerkzeug entwickelt, das derzeit noch erprobt wird. Im Konzept von SAP Research entsteht ein öffentlicher Prozess aus den im Unternehmen vorhandenen privaten Prozessen. Hierzu legt ein Anwender per Mausklick zunächst eine Kopie dieser privaten Prozesse an. Der öffentliche Prozess vereint als eine Art Blackbox verschiedene Aufgaben, die am Bildschirm gruppiert wurden. Er verdeckt bestimmte dahinter liegende, interne Informationen. Im Falle der Auswahl nach einer Ausschreibung erfährt der gewählte Lieferant beispielsweise nicht Preis und Leistungsumfang des nächstteureren Mitbewerbers. Ein weiterer interner Schritt ist hinter der öffentlichen Bestellprozedur verborgen – denn selbstverständlich erhält der Lieferant in aller Regel keine Informationen zu den Angeboten seiner Mitbewerber. In gleicher Weise setzen sich weitere öffentliche Prozess-Schritte der Lieferkette zusammen. Die Verwendung dieser Methode basiert auf offenen Standards, es ist also nicht notwendig, dass sich ein Geschäftspartner des gleichen Werkzeugs bedient.
Der Entwickler der Lösung verbindet ohne Programmierung die Prozess-Schritte der öffentlichen Prozesse der Geschäftspartner in der entsprechenden Reihenfolge via Mausklick auf einer grafischen Oberfläche. Sind alle Schritte abgeschlossen, übersetzt Maestro for BPM die Prozesse in ausführbare XML-Modelle. Es entsteht ein durchgängiger B2B-Bestellprozess, hinter dem im Verborgenen die internen Schritte der beteiligten Unternehmen liegen. Mit Maestro lässt sich also eine vergleichsweise anspruchsvolle (Programmier-)Aufgabe ohne Individual-Programmierung lösen. Das intelligente Werkzeug reduziert Komplexität, beschleunigt die Geschäftsprozesse sowie deren Anpassung und senkt die Betriebskosten.

Internationales Netzwerk für Unternehmensinteroperabilität

Den Bemühungen um mehr Interoperabilität schließen sich immer mehr Beteiligte an. Der Erfolg dieser Anstrengungen hängt stark davon ab, dass sich die potenziellen Partner abstimmen. Aus diesem Grund engagiert sich SAP dafür, ein Netzwerk rund um das Thema Interoperabilität aufzubauen. Parallel zum ATHENA-Projekt wurde daher das europäische Enterprise Interoperability Centre (EIC) initiiert. Entwicklung und Einführung neuer Interoperabilitätskonzepte und -technologien sind die eine Seite. Daneben werden in dem Zentrum Kunden und Partner zusammengebracht, um gemeinsam branchenübergreifende Prozesse zu definieren und Erwartungen an zukünftige Standards zu formulieren.

Prof. Karsten Schulz

Dr. Wasim Sadiq

Dr. Rainer Ruggaber

Ulrike Greiner

Leave a Reply