“Druck im Handel ist enorm”

Feature | 24. Oktober 2013 von Andreas Schmitz 0

Bernd Hellgardt ist Vorstand des IT-Dienstleisters ComSol AG und Sprecher des Arbeitskreises Handel bei der DSAG (Foto: DSAG)

Bernd Hellgardt ist Vorstand des IT-Dienstleisters ComSol AG und Sprecher des Arbeitskreises Handel bei der DSAG (Foto: DSAG).

SAP.info: Herr Hellgardt, Sie sind seit Gründung der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) im Arbeitskreis Handel engagiert. Was hat sich seitdem getan?

Bernd Hellgardt: Im Handel ist immer Bewegung. Das geht schon los bei Kassensystemen, die heute nicht nur Artikel und Preise „verstehen“ müssen. Der Kunde kommt mittlerweile mit Coupon-Gutscheinen und mit Paybackkarten. Ein Kassensystem leistet heute daher viel mehr.

… bis hin zu einer Vernetzung in eine Multichannel-Lösung!

Stellen Sie sich vor, es kommt ein Kunde, der im Webshop einen Artikel gekauft und bezahlt hat, ihn nun aber im Laden zurückbringen will. Hier muss sich zunächst die Geschäftsführung die Frage stellen, ob das gewollt ist und im zweiten Schritt, ob es ein durchdachtes Szenario dafür gibt. Es gibt natürlich die Systeme, die das leisten. Allerdings bedeutet es einen gewissen Aufwand in der Anpassung, durchgängige Prozesse hinzubekommen. Eins ist klar: Das Thema Multichannel ist nicht mehr todzukriegen. Das „shoppen“ über Internet, Smartphone oder Handy – das ist ein enormer Treiber.

„Das Shoppen über Internet, Smartphone und Handy ist ein enormer Treiber“

Das ist nicht die einzige Herausforderung, vor der der Handel aktuell steht. Die Europäische Union fordert speziell von den Lebensmittelhändlern mehr Transparenz über Qualität. Was steckt dahinter?

Mit der Lebensmittelinformationsverordnung 1169/2011 sind Händler von Lebensmitteln schon seit knapp zwei Jahren aufgefordert, über die Herkunft, die Beschaffenheit und die Qualität ihrer Produkte Auskunft geben zu können. Mit dem Jahreswechsel 2013/2014 läuft die Frist ab, die den Händlern gewährt wurde.  Für die Unternehmen bedeutet das besondere Anforderungen an die Pflege ihrer Stammdaten. Die Herausforderung ist, sämtliche Daten auch der Lieferanten zentral vorliegen zu haben. Das gelingt nicht immer, so dass oft manuell die Daten der Lieferanten eingepflegt werden müssen. In der Regel lässt sich das allerdings ganz gut über das Global Data Solution Network (GDSN) hinbekommen. Das ist ein Verbund von Stammdatenpools, die international gesammelt und den Läden vor Ort zur Verfügung gestellt werden können.

Die Informationsbereitstellung wird immer wichtiger.

Auf jeden Fall. Vor Jahren haben die Händler ihren Mengenfluss optimiert, dann den Wertefluss. Jetzt geht es um die Informationen zur Qualität der Produkte.

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Dieser Artikel ist Teil unseres Themenschwerpunkts Handel. Alle Beiträge des Schwerpunkts finden Sie in unserem Special.

Letztlich geht es auch darum, den Konsumenten ein Stück Sicherheit zu vermitteln, dass die Produkte schon in Ordnung sind, die er kauft.

Ja, der Konsument spielt ohnehin eine immer zentralere Rolle, denn Händler wissen immer mehr über ihre Kunden. Sie wollen die 360-Grad-Analyse, also möglichst das Einkaufsverhalten jedes Kunden ganz genau kennen und diese Informationen wenn nötig per Knopfdruck verfügbar haben. Besonders dem Marketing kommt eine solche Rundumsicht sehr zugute, denn es kann seine Promotionmaßnahmen besser auf die Nachfrage abstimmen. Das sind Anforderungen an jedes CRM-System. Interessant ist besonders das Customer Activity Repository (CAR), das im Multichannel-Zeitalter zum Zuge kommt. Es bietet ein harmonisiertes Datenmodell für Multichannel-Vorgangsdaten, die vorher über viele unabhängige Anwendungen in unterschiedlichen Formaten verteilt waren.

Inwiefern hilft das bei der Analyse der Daten?

Erst in Verbindung mit den geeigneten Werkzeugen macht das Sinn. Und hier bin ich nach dem Thema Multichannel (1.), der Lebensmittelverordnung (2.) und dem Marketing (3.) beim vierten großen Trend, der Beschleunigung der Analyse von riesigen Datenmengen durch SAP HANA. Seit knapp zwei Monaten ist SAP HANA auch für die Retail-Branchenlösung auf dem Markt. Ein Prognoselauf, der vorher eine ganz Nacht dauerte, kann nun zwischendurch gemacht werden und ich weiß viel schneller, welche Produkte ich wo vor Ort haben sollte. Hat etwa ein Online-Händler diverse Versandcenter, und ein Kunde bestellt online mehrere Artikel, entscheidet das System quasi in Echtzeit, von wo aus es am günstigsten für den Händler ist, die Artikel zu versenden. Der Handel hat einen enormen Informationsbedarf und ein entsprechendes Datenvolumen. Hier wird SAP HANA in der Zukunft eine ganz wichtige Rolle spielen, gerade auch für die Läden vor Ort. Das Preisgefüge von den Wettbewerbern etwa im Internet zu kennen, kann sehr nützlich sein, um die eigenen Preise zu simulieren. Ein schnelle Analyse ist hier sehr sinnvoll.

SAP HANA: Prognoseläufe für SAP Retail nun schneller

Für welche Branchen sehen Sie hier besonderen Bedarf, aktiv zu werden?

Mit der Unterhaltungselektronik fing es an, da ist Media Saturn auf einem guten Weg, der Buchhandel zog nach, dann die Mode, die durch Zalando und Co. Konkurrenz bekommen hat. Seit kurzem verkauft Amazon Spielzeug im Netz. Da muss nun der Spielwarenhandel reagieren. Der Druck im Handel ist so enorm: Früher oder später schlägt das Web in jeder Branche ein.

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Allerdings wird sich nicht jeder Händler SAP HANA leisten können, auch wenn SAP seine Lizenzpolitik gelockert hat und die DSAG sich dafür auf dem Jahreskongress gefeiert hat. Wird ein kleiner Mittelständler ohne diese Schlüsseltechnologie überleben können?

Einerseits gibt es Verbundgruppen, die sich zusammenschließen und gemeinsam Ressourcen nutzen können. Zum anderen hoffe ich doch sehr, dass die SAP ein für den Handel und Mittelstand passendes Lizenzmodell entwickeln wird.

Was meinen Sie damit genau?

Die von der DSAG durchgesetzte Möglichkeit Lizenzen teilweise still zu legen oder zu kündigen geht in die richtige Richtung und kann bei Investitionen in neue Themen wie SAP HANA helfen. SAP muss sich trotzdem noch mehr mit der Frage auseinandersetzen, was realistische Preise für SAP HANA sind, die sich der Handel leisten kann. Hier sind ja bekanntlich die Margen nicht so hoch. Von den weiteren Anpassungen im Lizenzmodell profitieren vor allem jene Unternehmen, die Lizenzen von On-Premise auf On-Demand umdefinieren wollen. Das ist für den Handel kaum ein Thema. Denn die Branche ist sehr konservativ. Deshalb ist On Demand bzw. Cloud Computing nur in wenigen Spezialbereichen möglich.

Cloud Computing spielt nur in wenigen Spezialbereichen eine Rolle

Welche sind für Sie die wichtigsten Lösungen im Handel?

Es gibt viele interessante. Natürlich gehört die Branchenlösung SAP Retail dazu. So hat die Telekom kürzlich über eine App einen Coupon für Nutzer von Smartphones abrufbar gemacht, über die so genannte Bonuskaufabwicklung. Prognosefunktionen sind wichtig, um zu wissen, wie viele Produkte nötig sind und nachbestellt werden müssen, also das so genannte SAP Forecasting and Replenishment for Retail. Mit Hilfe des SAP Promotionmanagement for Retail lassen sich Werbekampagnen planen und abschätzen, welche Auswirkung das auf den Verkauf und die Absatzentwicklung haben wird. Interessant ist auch das „Cross-Docking-Verfahren“. Der Lieferant kann die Ware vorkommissionieren. Dadurch wird sie im Verteilzentrum gleich an die Filialen weiter geleitet und gar nicht erst eingelagert.

Sind Sie zufrieden mit der aktuellen Software?

Software stößt immer mal wieder an Grenzen. So ist es aktuell beispielsweise noch nicht richtig möglich, „nicht kalibrierte Gewichtsware“ im Retail-System abzuwickeln. Ist etwa nicht jedes Stück Fleisch exakt 200 Gramm schwer, lässt sich das Im System nicht sauber erfassen. Anderes Beispiel: Die Rückstellungsbearbeitung. Kommt etwa ein neues iPhone heraus, sehr viele wollen das neue Gerät haben und die Bestellungen laufen beim Händler auf. Dann weiß das ERP-System nicht, mit welchen Bestellungen es zu erst anfangen soll und nach welchen Prioritäten. Das sind natürlich auch die Punkte, denen wir im Arbeitskreis auf den Grund gehen und auf die Umsetzung durch die SAP hoffen.

Knackpunkt Rückstellungsbearbeitung: Wenn abertausende iPhones bestellt sind und nicht ausgeliefert werden können

Gibt es eigentlich noch den Tante-Emma-Laden, der heute noch erfolgreich ist?

Na ja, es wird schwieriger. Aber eins ist auch klar: Erfolgreich sind nicht die Technokraten, sondern die, die es verstehen, ihre Kunden emotional anzusprechen. Denn die Kunden, die sind einerseits preisbewusst, wollen ein Einkaufserlebnis haben und auch davon überzeugt sein, dass es eine gute Sache ist, bei dem Händler zu kaufen. EDEKA macht das ganz z.B. sehr gut mit seiner Kampagne „Wir lieben Lebensmittel“.

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