Soccer team in a huddle

Fußball mit Hirn: „Schnell erfassen, was abgeht“

Feature | 18. Januar 2017 von Andreas Schmitz 87

Bessere Spielübersicht in virtuellem Umfeld trainieren: Das ist die neueste Methode des Fußballbundesligisten TSG 1899 Hoffenheim. Das ist nötig. Denn das Tempo im Fußball nimmt immer mehr zu.

Wenn Sandro Wagner wie beim Heimspiel gegen den 1.FC Köln einen Lattenabpraller aus kürzester Distanz abstaubt und in der siebten Minute das 1:0 erzielt, zögert der Stürmer der TSG Hoffenheim nicht den Bruchteil einer Sekunde, genauso wenig wie bei seinem Kopfballtor zum 3:0 nach einer Standardsituation. „Vor dem Tor sollte niemand aktiv denken“, sagt Jan Mayer, Sportpsychologe der TSG Hoffenheim, der weiß, dass 90 Prozent der Aktionen auf dem Platz unterbewusst passieren – quasi automatisch setzt das Gehirn Situationen richtig um.

Knackpunkt Exekutivfunktion – oder wie die letzten zehn Prozent noch besser genutzt werden

Bei den noch übrigen zehn Prozent ist das nicht so. „Hier geht es darum, bewusst zu entscheiden und taktische Konzepte und Anweisungen vom Trainer umzusetzen“, erläutert Mayer. Die Fähigkeit, konkrete Anweisungen im Kurzzeitgedächtnis zu behalten, einen Pass in gewissen Situationen doch nicht zu spielen und kognitiv flexibel sein zu können, nennt man im Psychologenjargon „Exekutivfunktionen“. Wie die Erfahrung aus den letzten Jahren bereits gezeigt hat, können Spieler bei regelmäßigen kognitivem Training etwa mithilfe von Tablet-Apps die Verarbeitungsgeschwindigkeit dieser Informationen deutlich steigern. Sie werden also künftig immer schneller in der Lage sein, „zu erfassen, was abgeht“, bringt es Mayer auf den Punkt. In der von SAP speziell für die TSG Hoffenheim entwickelten App „Less or More“ etwa befinden sich orange und blaue Spieler auf dem virtuellen Spielfeld. Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen, welche der beiden Mannschaften sich in Überzahl befindet. Je mehr Spieler sich auf dem Spielfeld befinden, umso schwieriger ist die Aufgabe.

Wissenschaftlich bewiesen: Die Vorteile von Computerspielen

Dass derartige Computerspiele eine positive Wirkung auf die Hirnfunktion hat, hat die Hirnforscherin Daphne Bavellier von der Universität Genf bereits vor einigen Jahren erkannt. Mit den Parietal-, dem Frontallappen und der Gyrus Cinguli genannten Regionen arbeiten gerade jene neuronalen Netze im Gehirn effizienter, die dafür zuständig sind, die Aufmerksamkeit zu fokussieren und aufrecht zu erhalten sowie Widersprüche zu erkennen und zu lösen. Besonders Spieler von Action-Games, die nicht exzessiv, aber hin und wieder spielen, haben hier Vorteile. Eine Verbesserung der räumlichen Wahrnehmung, der Reaktionsfähigkeit, beschleunigte Verarbeitungsprozesse und sogar „mehr Zellen im frontalen Kortex“ attestieren verschiedene Forscher aktiven Computerspielern.

Brain-Apps: Profis spielen 30 Minuten pro Woche

Auch für Mayer ist klar: „Gaming wirkt sich positiv auf die Genauigkeit und Schnelligkeit der Entscheidung aus“. Einmal in der Woche für eine halbe Stunde sitzen Nachwuchsspieler und Profis der TSG 1899 Hoffenheim deshalb durchschnittlich vor einer der Brain-Apps, Torhüter noch etwas häufiger, da schnelle Reaktionen des Schlussmanns spielentscheidend sein können. Besonderer Treiber dieser Entwicklung ist das zunehmende Tempo im Spiel. Die „Ballkontaktzeiten“ der deutschen Fußballnationalmannschaft etwa haben sich – so weiß Mayer – in den letzten zehn Jahren von knapp drei auf nun unter eine Sekunde reduziert. „Deshalb sind heute schon Unterschiede von drei Zehntel eine Welt“, meint Mayer.

Gaming wirkt sich positiv auf die Genauigkeit und Schnelligkeit der Entscheidung aus.

Helix: Trainings-Prototyp für mehr Spielübersicht

Noch einen Schritt weiter geht Mayer mit der so genannten Helix, einer von SAP entwickelten Trainingsumgebung. Diese ursprünglich für Videokonferenzen entwickelte Technologie arbeitet mit einer Leinwand, die sich in einem Halb- oder Dreiviertelkreis mit einem Durchmesser von acht Metern um den Betrachter herum befindet. Über neun Beamer entsteht ein geschlossenes Bild, das den Eindruck von Dreidimensionalität erweckt. Was also sollte besser geeignet sein, um darauf Spielsituationen virtuell nachzustellen – mit Avataren, die genauso groß sind wie Spieler auf dem echten Bolzplatz. „Es geht darum, Spielübersicht zu vermitteln“, erläutert Mayer, der mit seinen Spielern aktuell auf einem 180-Grad-Feld das so genannte Multiple-Object-Tracking, das periphere Sehen und die Konzentrationsfähigkeit der Spieler trainiert, aber bereits über neue Möglichkeiten durch ein 270-Grad-Feld nachdenkt.

Bei der Helix geht es darum, Spielübersicht zu vermitteln.

Derzeit setzt er die Helix einmal in der Woche ein, ähnlich oft wie die Ballwurfmaschine der Fußballer, den Footbonauten. Aktuell handelt es sich noch um einen Prototyp und Mayer scheut sich, bereits valide Aussagen darüber zu treffen, welche Vorteile dieser Ansatz für die Exekutivfunktion bringen wird. „Die Helix-Trainingsumgebung ist ein weltweit einzigartiger Showcase, den wir zusammen mit der TSG Hoffenheim entwickelt haben. Unser Ziel war es, als Hauptsponsor den Verein auch technologisch zu unterstützen und dabei gleichzeitig zu zeigen, dass die digitale Transformation auch Bereiche erfassen kann, an die man nicht sofort denken würde“, erläutert Matthias Weber, der im Global-Sponsorship-Team der SAP für Fußball zuständig ist. Da die TSG Hoffenheim bereits SAP Sports One etwa für die Leistungsdiagnostik der Spieler einsetzt, fließen die neuen Daten über die mentale Fitness der Spieler heute bereits mit ein.

Was Profi-Hirne auf Trab bringt, kann auch Schlaganfallpatienten helfen

Was im Leistungssport darauf abzielt, die letzten Prozent oder Promille Steigerung in der Aufmerksamkeit oder Konzentrationsfähigkeit aus den Profis heraus zu kitzeln, kann anderen möglicherweise helfen, wieder am Leben teilzunehmen. Schlaganfallpatienten der Kliniken Schmieder Heidelberg, eines neurologischen Fach- und Rehabilitationskrankenhauses, haben daher die Helix testweise genutzt, „um ihren Gesichtsfeldverlust durch kontinuierliches Training wieder auszugleichen“, erläutert Psychologe Mayer. Betroffene, die nach einem Schlaganfall, Hirnblutungen oder Aneurismen in der Klinik behandelt wurden, kamen dafür auf das Trainingsgelände der TSG Hoffenheim. Zwar gibt es noch keine klinische Studie über den therapeutischen Nutzen der Gaming-Behandlung. Doch sind die ersten sechs nicht nur motiviert, ein solches Mentaltraining zu absolvieren, auch deren Wahrnehmung im Alltag hat sich nach eigenem Empfinden bereits verbessert. Im nächsten Schritt ist eine medizinische Studie angedacht, um zu validieren, ob ein „Helix“-Training tatsächlich Schlaganfallpatienten helfen kann.

Weitere Informationen:

Tags:

Leave a Reply