Gartner prognostiziert Boom nach OASIS-Entscheidung

Feature | 23. August 2006 von admin 0

Unternehmen begreifen sich und ihre Branche immer öfter als eine „Ansammlung“ von Prozessen – und nicht mehr als Funktionsbereiche, territoriale Einheiten oder Einzelbetriebe. Diese Sichtweise, so die Marktforscher von Gartner, wird sich immer weiter durchsetzen und bis spätestens 2009 die großen Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen durchdrungen haben. Damit rückt einmal mehr das Management der Geschäftsprozesse (Business Process Management, BPM) in den Mittelpunkt des Interesses, verspricht es doch Unternehmen mehr Effizienz und Flexibilität.
Laut Gartner fehlt es allerdings dem Markt an BPM-Lösungen noch etwas an weithin umgesetzten Standards. Der Markt werde daher solange unter Fragmentierung leiden, bis genügend Anbieter von Lösungen für ein Business Process Management für Interoperabilität zwischen ihren Produkten gesorgt haben. Dann allerdings, so Gartner weiter, werde der Markt boomen. Die Kombination einer BPM-Lösung und einer Plattform mit auf Standards basierenden Prozesskomponenten – etwa einer Enterprise Service-orientierten Architektur – sei den traditionellen Paketlösungen weit überlegen. Eine solche Kombination ermöglichte es Managern, die Geschäftsprozesse weitgehend ohne technische Unterstützung rasch zu ändern.

Einblick in Prozesse nehmen

In seinem Bericht „Findings for Next Generation BPM“ beschreibt der Gartner-Analyst Jim Sinur ausgehend von dieser Annahme die Hauptaufgaben der kommenden Entwicklergeneration. Es gilt, grundverschiedene Softwareapplets, Prozesse, Infrastruktur, Anwendungen und Prozesskomponenten, die zur kohärenten Arbeit eines Unternehmens notwendig sind, mit Services dynamisch zusammen zu führen. „BPM wird eine wesentliche Rolle dabei spielen, solche Services flexibel bereitzustellen“, urteilt Sinur. Um von BPM stärker zu profitieren, müssten die Unternehmen jedoch die Art, wie sie ihre Prozesse modellieren, Zusammenarbeit organisieren und die Services erstellen, formalisieren.
Bei der Implementierung von BPM-Methoden wählen laut Sinur viele Unternehmen einen Bottom-up-Ansatz. Bei den BPM-Untersuchungen nehmen sie sich zuerst grundlegende Dinge wie die Service-Level-Agreements von Dienstleistungsverträgen vor oder die zugehörige Kommunikation, Schlichtungsverfahren oder Eskalationsstufen. Sinur: „Die Unternehmen sammeln durch diese Vorgehensweise Kenntnisse, wie die wesentlichen Unternehmensprozesse ablaufen und wie Software diese Tätigkeit unterstützt.“
Derzeit bieten über 140 Unternehmen BPM-Lösungen an, darunter jedoch nur wenige mit einer vollständigen Suite. Laut Gartner wird im Jahr 2009 mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Fünftel der Global-2000-Unternehmen bei ihren Geschäftsprozessen auf ein BPM-System setzen – vor allem um Prozesse aufzuspüren und zu optimieren, die zum einen wesentlich im Wettbewerb sind, zum anderen noch reichlich manuelle Tätigkeit erfordern. Bis 2012 wird der Anteil der von einer BPM-Lösung unterstützten Unternehmensprozesse in Global-2000-Unternehmen auf 40 Prozent anwachsen.

Gute Nachrichten von OASIS

Die Marktforscher von Gartner unterstreichen, dass die Prozesse künftig immer seltener von der IT-Abteilung definiert werden. Die Aufgabe der IT besteht vielmehr darin, die prozessverantwortlichen Manager aus den kaufmännischen Unternehmensbereichen bei der Entwicklung und Anpassung ihrer Prozesse zu unterstützen. Gartner: „Gut positionierte Unternehmen werden durch die Einführung von BPM ihren Wettbewerbsvorteil ausbauen. Sie profitieren von einem Plus an Effizienz, weniger Bürokratie, einer verbesserten Abstimmung zwischen operativem Betrieb und Strategie sowie von einer größeren Beweglichkeit – auch unternehmensintern.“
In diesem Zusammenhang hat OASIS zu Beginn des Jahres gute Nachrichten vermeldet: In punkto „Interoperabilität“ bei BPM haben sich die Mitglieder der „Business-Centric Methodology“ (BCM) auf eine Version 1.0 als OASIS-Standard geeinigt. Der BCM-Standard hilft Unternehmen, technologieunabhängig Faktoren für einen geschäftlichen Erfolg auf der Grundlage offener Standards zu identifizieren und zu nutzen. Die BCM-Roadmap ergänzt ideal Konzepte wie Unternehmensarchitekturen (EA) oder Service-orientierte Architekturen (SOA), Technologien wie WS-Reliability, ebXML Messaging, UDDI oder Bezugssysteme wie die „Federal Architecture Reference Models“.

Lieber Legostein als Blackbox

Neue BPM-Methoden, neue Aufgabenbereiche für IT-Abteilungen

Neue BPM-Methoden, neue Aufgabenbereiche für IT-Abteilungen

Standards schaffen Sicherheit. James Bryce Clark, Direktor für Standardentwicklung bei OASIS: „Wer auf offene Standards setzt, macht sich nicht von einer Bezugsquelle oder einem Softwareunternehmen abhängig. SOA öffnet die Tür für Modularität und Austauschbarkeit. Die Software-Lösung eines Unternehmens ist damit nicht länger eine Blackbox – sondern eine Anordnung von Legosteinen.“
Zu den Ergebnissen der Standardisierungsbemühungen der vergangenen Jahre, so Clark, habe jeder Analyst seine eigene Theorie. Einigkeit herrscht jedoch in Bezug auf die Notwendigkeit einer Palette allgemein kompatibler Datenservices und -objekte für Unternehmen, deren Anwender und IT-Werkzeuge. „Die Standardisierung kommt erst langsam in Gang. Von besonderem Interesse erscheinen mir vor allem UBL, BPE, die von der UN-Wirtschaftskommission für Europa vorangetriebene Arbeit sowie eine Reihe relativ neuer Projekte zur Vereinheitlichung von Ausdrücken für Unternehmensregeln. An diesen Bemühungen sind auch Gremien wie OMG, W3C oder OASIS beteiligt.”
BPM stehe jedoch noch am Anfang, unterstreicht Clark. Wie so häufig habe sich zwar die Technologie, mit deren Hilfe sich Meldungen und Services verteilen lassen, rasch entwickelt. Die Strukturierung und Steuerung der daraus resultierenden, eigentlichen unternehmerischen Tätigkeiten hinke hingegen hinterher. “Vergleichbares“, so Clark, „war schon bei Telegrafen, dem Telefon oder viel später dem Electronic Data Interchange zu beobachten“. Immer sei die rein funktionelle Ebene weiter entwickelt gewesen als die Organisation des darauf abgewickelten Geschäftsbetriebs.
“Heute funktionieren grundlegende Webservices etwa auf der Basis von AS2, ebXML oder WSDL”, so Clark weiter. Die grundlegende Technik funktioniere somit reibungslos, jetzt sei es an der Zeit, mit großer Energie die Entwicklung von Funktionen für den Geschäftsbetrieb voranzutreiben. Das Augenmerk liege auf der Prozessstandardisierung.

Barbara Gengler

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