Geographisch indizierte Informationen auf dem Vormarsch

Feature | 30. Januar 2006 von admin 0

Vint Cerf

Vint Cerf

Was ist Ihr Job bei Google?

Cerf: Zum einen bin ich auch bei Google eine Art Aushängeschild. Ich soll in dieser Funktion die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin sowie CEO Eric Schmidt bei Kontakten und Zusammenarbeiten mit den Medien und der Öffentlichkeit unterstützen. Bei MCI hatte ich eine ganz ähnliche Aufgabe. Daneben werde ich die Entwicklungseinrichtungen von Google abgrasen – meist persönlich, einige Kontakte pflege ich vielleicht auch via Internet. Zum einen soll ich auf diese Weise zur Kommunikation zwischen diesen Einrichtungen beitragen. Zum anderen sehe ich mich als eine Art intellektuelle Honigbiene – ich sammle überall möglichst viele technische Ideen und Lösungen und trage sie im gesamten Unternehmen weiter.

Wie wird sich Ihrer Ansicht nach das Internet weiterentwickeln?

Cerf: In der frühen Entwicklungsphase, so um 1970, konnte ich nicht absehen wie stark sich das Internet auf das öffentliche Leben auswirken würde. Heute werden neue Ideen und Anwendungen buchstäblich aus Millionen von Quellen gespeist und mit hoher Geschwindigkeit vorangetrieben. Das wird sich fortsetzen. Ich erwarte für die Zukunft immer schnellere Internetzugänge, sei es vom Festnetz oder mobil, eine stärkere Einbindung von Unterhaltungsdiensten, die Verschmelzung von Internet und Internet-Telefonie (VoIP), mehr geschäftliche Transaktionen und einen stärkeren Austausch von Geschäftsdokumenten über das Netz. Meiner Meinung nach darf man auch davon ausgehen, dass durch eine weitere Verbreitung von XML-Tagging die Suchalgorithmen verbessert werden.

Was halten Sie von GRID-Systemen?

Cerf: GRID-Systeme werden leider oft auch als “Web-Services” bezeichnet, oder beispielsweise mit den kommerziellen Produkten WebSphere von IBM oder .NET von Microsoft identifiziert. Diese Nachlässigkeit führt oft zu Verwirrungen. Ganz allgemein gesprochen sind in einem Grid-System Ressourcen verschiedener Art, aufgestellt an verschiedenen Orten, zu einem virtuellen Pool zusammen gepackt – beispielsweise elektronische Datenverarbeitung, Speicherkapazitäten, Netzwerkstrukturen. Den Ressourcen werden über eine Schnittstelle Aufgaben zugewiesen. Sind diese erledigt, stehen die Ressourcen dem Pool wieder für neue Aufgaben zur Verfügung. Weil das GRID-System Aufgaben dynamisch verteilt lassen sich die Ressourcen effizienter ausnutzen. GRIDs garantieren darüber hinaus eine bessere Kontinuität im Unternehmen, weil sich ein Prozess von einer physischen Ressource leicht auf eine andere übertragen lässt.

In der Praxis bringen GRID-Systeme jedoch einige Probleme mit sich. Die räumliche Trennung der Ressourcen verzögert deren Kommunikation untereinander. Eine weitere potenzielle Schwachstelle liegt in der Leistungsfähigkeit des verbindenden Netzwerks. Einschränkungen dieser Art können zu einer geringeren Performanz führen. Geräte, die in räumlicher Einheit in so genannten Clustern aufgestellt sind, eignen sich oft besser für ein GRID-Konzept und bieten trotzdem einen hohen Nutzwert.
Die Einführung von GRID-Systemen muss so weit wie möglich standardisiert erfolgen. Nur dann bietet sich den Unternehmen die Möglichkeit, elektronische Datenverarbeitung, Speicherkapazitäten und Kommunikationsressourcen aus unterschiedlichen Quellen in einem einzigen System zu bündeln. Protokolle wie SOAP und XML oder Registrierungssysteme, mit denen Lieferanten netzwerkzugängliche GRID-Dienste anbieten, könnten die Art und Weise, wie die elektronische Datenverarbeitung innerhalb von Unternehmen und zwischen Unternehmen funktioniert, stark verändern.

Zurück zu Google: Welches Potenzial steckt in geographisch indizierten Informationen?

Cerf: Mehr und mehr Anwender greifen drahtlos auf Informationen im Internet zu, auch weil die mobilen Endgeräte immer leistungsfähiger sind. Damit werden meiner Ansicht nach geographisch indizierte Informationen immer wertvoller. In Zukunft wird es üblich sein, eine Suchanfrage mit geographischen Informationen zu verbinden. Ein Internetanwender erhält damit beispielsweise die Möglichkeit, Produktlieferanten und Dienstleister in einem bestimmten Umkreis ausfindig zu machen.

Auch demographische, wirtschaftliche oder soziologische Daten werden geographisch indiziert sein. Wichtig sind solche Daten beispielsweise bei politischen Kampagnen, wenn bei Epidemien die Demografie der Krankheit untersucht wird oder bei der Analyse des gesundheitlichen und ökologischen Zustands von Städten, Landkreisen, Ländern und Regionen. Jedem ist unmittelbar klar, dass Wetterinformationen eine geografische Bedeutung haben. Sie sind nicht nur bedeutsam für die Landwirtschaft, sondern auch für so unterschiedliche Bereiche wie dem Transportwesen und der Stadtplanung. Google stellt für seinen Dienst “Google Maps” eine Schnittstelle zur Anwendungsprogrammierung (API) zur Verfügung. Nach unseren Erfahrungen nutzen Unternehmen die zu Grunde liegenden Landkarten für ihre Zwecke.

Sie arbeiten derzeit bei der NASA und anderen Einrichtungen an interplanetarischen Kommunikationsmethoden. Was steckt dahinter?

Cerf: Es handelt sich hierbei um ein langfristiges Projekt. Wir haben eine Reihe von Protokollen entwickelt und ausgewertet, die sich für den Einsatz in einer von starken Verzögerungen und großen Störungen geprägten Umgebung eignen. Die einzelnen Teile der vielschichtigen Protokollgruppe werden gegenwärtig bei Raumfahrtmissionen getestet. Das standardmäßige Link-Protokoll des Consultative Committee for Space Data Systems ist in hunderten von Missionen erprobt. Wir hoffen, dass sich die neuen Protokolle auf der Erde oder in erdnahen Missionen als brauchbar erweisen und deshalb künftig wichtige Dienste bei Flügen zu den äußeren Planenten leisten werden. Solche Missionen sind für das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts geplant. Das Jet Propulsion Laboratory möchte außerdem einige dieser Protokolle bei der Mission des Mars Reconnaissance Orbiter einsetzen, der vor ein paar Wochen gestartet ist.

Was erwarten Sie zukünftig von der Kommunikation im Weltraum?

Cerf: Langfristig würde ich mir wünschen, dass aus einem standardisierten Kommunikationsnetz im Weltraum ein Basisnetz ähnlich dem Internet entsteht. Jede neue wissenschaftliche Weltraummission hätte dann das Standardprotokoll an Bord. Die Mission würde mithilfe dieses Protokolls Geräte benutzen, die von früheren Missionen im Weltraum hinterlassen wurden, aber noch funktionstüchtig sind.

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