GPS und Galileo: In aller Freundschaft

Feature | 13. September 2004 von admin 0

Heinz Hilbrecht

Heinz Hilbrecht

Herr Hilbrecht, was sind die Hauptunterschiede, was Ähnlichkeiten zwischen GPS und Galileo?

Hilbrecht: Galileo ist das einzige globale Satellitennavigationssystem, das speziell für zivile Nutzer entwickelt und optimiert wird. Dagegen ist GPS erst seit einigen Jahren ein Dual-Use-System, also auch für die Nutzung im zivilen Bereich offen, bleibt aber in erster Linie ein Grundbaustein des amerikanischen Verteidigungssystems. Während GPS als Seitenprodukt nur einen einzigen zivilen Signaldienst anbietet, wird Galileo neben einem kostenlosen offenen Signal auch verschiedene Mehrwertdienste offerieren: ein spezielles kommerziell nutzbares und ein Navigationssignal für die Luft- und Seeschifffahrt mit automatischer Fehlerwarnung, ein besonders gesichertes Signal für die öffentlichen Dienste wie Polizei oder Grenzschutz, sowie ein Signal für Rettungsdienste. Galileo bietet also viel mehr operationelle Möglichkeiten als GPS.

Diese offenen Dienste werden ähnlich sein wie die entsprechenden GPS-Dienste. Damit ist gesichert, dass Empfänger sowohl GPS- als auch Galileo-Signale empfangen können. Im Unterschied zu GPS werden die offenen Galileo-Dienste weiter optimiert, aber im Großen und Ganzen bleibt ein gemeinsamer Grunddienst zwischen Galileo und GPS bestehen.
Auf der technischen Seite liegt ein Hauptunterschied darin, dass Galileo bezüglich der Genauigkeit und Zuverlässigkeit bei der Standortbestimmung erheblich verbessert wurde – auch in Problemzonen wie den Erdpolen oder Städten mit hoher Bebauung. Die Korrektheit und ständige Verfügbarkeit der Signale wird bei Galileo besser gewährleistet, was beispielsweise in sicherheitskritischen Anwendungen wie dem Flugverkehr wichtig ist. Das kann GPS nicht bieten.

Also ergänzen sich GPS und Galileo eher sinnvoll, als einander Konkurrenz zu bieten?

Hilbrecht: Ja, so könnte man sagen.

In welchen Bereichen soll Galileo zunächst, in welchen künftig angewendet werden?

Hilbrecht: Bisher ist Galileo für den Einsatz in über 100 verschiedenen Anwendungsbereichen vorgesehen: vom Transport und Flottenmanagement über Dienstleistungen, die mit persönlicher Standortbestimmung verbunden sind, bis hin zu den Bereichen Energie oder Präzisionsbewirtschaftung im Agrarbereich. Im Energiesektor kann Galileo beispielsweise zur elektronischen Kartographisierung der Infrastruktur genutzt werden, zur Synchronisation der Stromnetze und Generatoren oder auch zur Fehlerlokalisierung in Stromnetzen. In der Landwirtschaft kann man mit Galileo zum Beispiel die Bodenqualität, Schädlingsbefall und Ernteerträge auf den Feldern punktgenau erfassen, was dann den gezielten, sparsamen und damit umwelt- und ressourcenschonenden Einsatz von Düngern, Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmitteln – wiederum mit Hilfe von Galileo– ermöglicht.In 20 Jahren wird die Standortbestimmung mit Satellitennavigation zu den im Alltag unerlässlichen Hilfsmitteln gehören, wie heute das Telefon. Auch im Verkehrsmanagement lässt sich eine standardmäßige Verwendung mit einem erheblichen Effizienzgewinn vorstellen, beispielsweise bei Mautsystemen, Systemen zur Verkehrsflussteuerung und Notfalldiensten.

Da Galileo, anders als GPS, besondere Mehrwert-Dienste anbieten kann, wird es sich weltweit neue Märkte erschließen. Die Entwicklung von Galileo wird nicht wie bei GPS von der militärischen Seite vorangetrieben, auch Drittstaaten und der Privatsektor können sich daran beteiligen. Das große Interesse, das Drittstaaten an einer Beteiligung an Galileo zeigen, weist bereits auf weltweites Marktpotenzial hin. Die EU hat kürzlich bereits Abkommen mit China und Israel abgeschlossen, und andere werden sicher folgen.

Wo sind Probleme mit dem amerikanischen GPS zu erwarten, wenn Galileo realisiert wird?

Hilbrecht: Ich erwarte keine Probleme. Galileo wird zu einem gesunden Wettbewerb beitragen, der auch zur Verbesserung von GPS im Interesse ziviler Nutzer führen wird. Entgegen einer häufig zu hörenden Darstellung können die USA Galileo nicht “abschalten”. Die angeblichen Probleme für die nationale Sicherheit, die von den USA wiederholt genannt wurden, betrafen vielmehr die Teilung der knappen Radiofrequenzen zwischen Galileo und GPS. In den Verhandlungen konnten die Fragen des Zusammenlebens beider Systeme im selben Frequenzband zur beiderseitigen Zufriedenheit gelöst werden. Dies gibt den NATO-Kommandeuren die technische Möglichkeit, in einem regionalen Krisenfall zivile Galileo- oder GPS-Signale in einem geografisch beschränkten Kreis zu stören. Die weltweite Verfügbarkeit von Galileo bleibt davon jedoch vollkommen unberührt.

Welche Vorteile bringt die Einigung mit den USA für Galileo?

Hilbrecht: Das Abkommen garantiert nicht nur eine gleichberechtigte Koexistenz, sondern bringt auch erhebliche Vorteile durch die Vereinbarung eines weltweiten gemeinsamen Signalstandards für generelle Anwendungen sowie für offene Dienste. Systemstörungen werden von beiden Seiten vermieden. Empfänger sollen Signale beider Systeme empfangen können (Interoperabilität der Systeme). Die USA und die EU haben zudem die Möglichkeit, technische Verbesserungen an ihren Systemen vorzunehmen, ohne dass dagegen Vetorechte der jeweils anderen Seite existierten. Natürlich müssen nationale Sicherheitsinteressen respektiert werden. Nicht zuletzt hoffen wir, dass damit allen Spekulationen in den Medien über Frequenzprobleme ein Ende gesetzt wird.

Welche Zugeständnisse mussten die Verhandlungspartner wechselseitig machen?

Hilbrecht: Beide Seiten mussten für die Koexistenz beider Systeme in einem engen Frequenzbereich Zugeständnisse machen, die erst nach langwierigen und technisch komplizierten Verhandlungen möglich waren. Das erforderte ein gewisses Verständnis der EU für die Zwänge der elektronischen Kriegsführung, in denen sich die USA, aber auch andere NATO-Militärs sehen. Andererseits mussten die USA letztendlich akzeptieren, dass der militärische GPS-Code keine unzulässigen Interferenzen auf die zivilen Galileo-Signale ausüben kann. Die Verhandlungen waren sehr intensiv und technisch qualifiziert, in zeitweise gespannter, aber immer professioneller Atmosphäre. Am Ende konnten wir, allen Unkenrufen zum Trotz, tatsächlich eine Win-Win-Lösung erreichen.

Gibt es noch offene Konfliktpunkte?

Hilbrecht: Nein. Beide Seiten haben auch vereinbart, Arbeitsgruppen zu gründen, um den Gedankenaustausch zu Fragen der Sicherheit, des Handels oder der künftigen Systementwicklung fortzuführen.

Ist damit gesichert, dass Galileo künftig auch während eines Krieges, an dem die USA beteiligt sind, verfügbar ist?

Hilbrecht: Damit ist garantiert, dass die Kontrolle über Galileo bei der EU bleibt. Die USA können Galileo nicht abschalten. Das Abschalten von Galileo (durch die EU selbst) ist im Übrigen nicht realistisch, selbst nicht in Krisenfällen. Es liegt im Interesse der EU, die weltweite Kontinuität der Galileo-Signale sicherzustellen. Auch in einem hypothetischen Fall, in dem ein Satellitennavigationssystem von feindlicher Seite gegen unsere Interessen benutzt wird, wird es nicht einfach abgeschaltet. Stattdessen werden lokale Gegenmaßnahmen verwendet, etwa das so genannte “Jamming”, die Störung der Signale in einem bestimmten, regional begrenzten Gebiet.

Wer oder welcher Staatenbund könnte als nächstes daran interessiert sein, ein GPS zu etablieren und wie würde sich die EU dazu stellen?

Hilbrecht: Neben GPS besteht bereits seit längerem das russische System Glonass, wie GPS ebenfalls ein in erster Linie militärisch ausgerichtetes System. Die Europäische Kommission verhandelt derzeit auch ein Kooperationsabkommen zwischen Galileo und Glonass. Außer Galileo ist ein wirklich neues globales Satellitennavigationssystem aber vorerst nicht in Sicht. Daneben werden beispielsweise in Indien regionale Systeme entwickelt, die allerdings von GPS oder Glonass abhängen.

Erfordern die Fortschritte bei der Entwicklung der Satelliten-Navigation im vergangenen Jahrzehnt nicht neue internationale Verträge?

Hilbrecht: In der Kommission haben wir die Frage multilateraler Konventionen überlegt, beispielsweise die Frage einer Internationalen Satellitennavigations-Konvention über Haftungsfragen. Neben den erwähnten bilateralen Verträgen zwischen der EU und Drittstaaten haben wir jedoch keinen dringenden multilateralen Handlungsbedarf identifiziert. Die UNO zeigt allerdings wachsendes Interesse an der Nutzung der Satellitennavigationstechnologie. Im Oktober wird die UN Generalversammlung einige Empfehlungen, beispielsweise über die Koordination zwischen Betreibern, veröffentlichen. Die EU-Kommission trägt zu diesen Arbeiten regelmäßig bei.

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