Guter Geschmack verpflichtet

Feature | 7. Mai 2008 von Carsten Lüdtge 0


Englische Noblesse der süßen Art: Edel und handlich, suggerieren die runden 200-Gramm-Drops-Dosen five-o-clock-tea im Empire-Ambiente. Diese Assoziation liegt nahe, denn auf den britischen Inseln fing bei Cavendish & Harvey, dem Hersteller dieser „Travel Tins“, alles an: 1932 gründete Unternehmer Paul Schmedding in Hamburg eine Handelsgesellschaft zur Einfuhr zollfreier englischer Produkte. Erst 1984 nahm der Traditionsbetrieb in Kaltenkirchen bei Hamburg selbst die Produktion auf.

Rund 17.000 Tonnen sind es heute: Hart- und Weichkaramellen sowie Toffee-, Weingummi- und Lakritzspezialitäten in allen gängigen Verpackungen – viele davon in „britischem Look“. Doch der Klassiker sind die Drops in verschiedenen Geschmacksrichtungen, von Apfel und Erdbeer über Kirsch und Zitrone bis zu Kaffee, Cola und Vollmilch. Bekannt sind sie nicht nur wegen ihrer dekorativen Verpackung: Cavendish & Harvey (C&H) ist das einzige Süßwarenunternehmen, das seine Bonbondosen mit einer Folie versiegelt. Aromaschutz garantiert.

Qualität hört bei Bonbons nicht auf

Vor allem über seinen hohen Qualitätsanspruch positioniert sich der Spezialist für Hart- und Weichkaramellen auf dem engen Süßwarenmarkt. Audits und Prüfungen finden in jedem Bereich statt, beginnend beim Rohwareneinkauf über das Dosieren, Mischen und Aromatisieren bis zur Formgebung und Endabnahme des Fertigprodukts. „Unser Qualitätsanspruch gilt für alle Bereiche, nicht nur für die Produktion“, erläutert Geschäftsführer Jürgen Biskup – und denkt dabei auch an die EDV-Situation im Unternehmen.

Die war nicht immer rosig. Bis vor zwei Jahren verfügte Cavendish & Harvey nur über Insellösungen. Schwächen hatte das Altsystem vor allem in der Produktionsplanung und -steuerung. Ursprünglich für die Brauereibranche entwickelt, diente die bisherige Warenwirtschaftslösung vor allem dazu, eingehende Waren einzubuchen und einen groben Produktionsauftrag zu erzeugen. Das war letztlich nicht mehr als eine Stückliste. Die Planung an sich lief außerhalb des Systems; meist in Excel-Tabellen oder Papierdokumenten. Zudem gab es keine automatische Fortschrittsmeldung aus der Produktion. Erst, wenn der komplette Auftrag beendet war, wurde an das System rückgemeldet – allerdings nicht sofort, sondern meistens Stunden später. Kurz: Cavendish & Harvey kannte nie den aktuellen Status. Auch die Chargenführung war nicht in das Altsystem integriert, sondern wurde in Papierform dokumentiert.

Lückenlose Prozesse

Das hat sich geändert. Heute arbeitet Cavendish & Harvey mit der speziell für die Süßwarenindustrie voreingestellten Branchensoftware „Foodsprint“ des SAP-Partners cormeta ag. Die SAP-Partnerlösung verbindet alle Unternehmensbereiche lückenlos miteinander – vom Wareneingang über die Produktion bis hin zum Vertrieb, inklusive Qualitätsmanagement und Chargeneinführung. Informationen wie Bestände, Aufträge, oder Fertigungsstatus liegen aktuell vor und lassen sich jederzeit abrufen. Dank dieser verbesserten Datenqualität kann C&H seinen Kunden heute schneller einen verbindlichen Liefertermin nennen. Und: Die Durchlaufzeiten bei der Auftragsbearbeitung haben sich dank des hohen Integrationsgrades halbiert. „Wir können uns heute alle notwendigen Daten auf den Bildschirm holen“, sagt Michael Eiselt, stellvertretender Betriebsleiter, und verweist in diesem Zusammenhang auch auf Einsparungen von 30 Prozent beim Papier. „Wir müssen nicht mehr von jedem Auftrag zig Kopien anfertigen, da jede Abteilung Zugang zum Datenpool hat.“

Foodsprint erleichtert auch die komplexe Preisgestaltung gegenüber dem Handel durch zahlreiche Voreinstellungen. Jahresrückvergütungen, Werbekostenzuschüsse, Rabatte, Netto-Netto-Preise und Qualitätssicherungskosten sowie weitere Arten von handelsüblichen Erlösschmälerungen sind im System hinterlegt. Zudem sind die im Handel bestehenden Hierarchien und Abrechnungsebenen mit sämtlichen Filialen und den dazugehörigen Zentralen nachgebildet. Preis- und Konditionsabsprachen, die auf einer bestimmten Stufe getroffen wurden, gelten für alle untergeordneten Märkte. Die Daten müssen nur ein Mal eingegeben werden. Durch die Voreinstellungen berücksichtigt die SAP-Partnerlösung die unterschiedlichen Kundenkonditionen automatisch bei Auftragseingang.

Auch beim Export vereinfacht die SAP-Branchensoftware die Prozesse. Cavendish & Harvey liefert seine Produkte unter anderem in Nicht-EU-Länder. Für bestimmte landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Zucker – so genannte Waren der Marktordnung – gewährt die Europäische Union Ausfuhrerstattungen, wenn die Preise auf dem Weltmarkt niedriger sind als auf dem europäischen. Die damit einhergehende Dokumentation ist sehr aufwändig – schließlich muss der jeweilige Zuckeranteil in den Exportartikeln ermittelt und mit der Lizenz abgeglichen werden, die nur für eine bestimmte Menge gültig ist. Macht der Exporteuer dies mit Excel-Tabellen, entsteht ein hoher administrativer Aufwand, vor allem, wenn er mit mehreren Einzelprodukten in einer Umverpackung arbeitet. Mit Foodsprint laufen diese Prozesse automatisiert. Die Lösung akkumuliert die ausgeführten Mengen, gleicht sie mit der Lizenz ab und ermittelt, für wie viel Ware noch Erstattungen möglich sind. Auch die notwendigen Zollpapiere mit den geforderten Lizenznummern generiert die Software automatisch.

Alleine 40.000 Euro Einsparung bei der Produktkennzeichnung

Ein weiteres Highlight: Als erstes Unternehmen weltweit hat Cavendish & Harvey die Kennzeichnung der Produkte direkt in die Verpackungslinien integriert. Die Mitarbeiter brauchen nicht mehr – wie früher – in einem separaten System Hunderte von Etiketten mit Artikelbezeichnung, Barcodes und Produktionsdatum zu drucken und auf die Verpackungen zu kleben. Allein für die Kartonaufkleber wurden jährlich 40.000 Euro ausgegeben. Heute dagegen werden die Informationen direkt auf die Verpackung aufgetragen – mit Hilfe von Wachskennzeichnungsgeräten, die unmittelbar an der Produktionsstraße installiert sind. Cavendish & Harvey kennzeichnet damit alle Verpackungen, Kartonagen, Folien oder Beutel, Dosen und Gläser. Die Daten für die Codierung liefert die SAP-Partnerlösung.

So zahlte sich das Gesamtprojekt durch die Umstellung auf eine innovative Kennzeichnungsmethode zusätzlich aus. Und: „Wir haben erstmals eine Lösung, die alle Prozesse integriert sowie Daten zentral und in Echtzeit zur Verfügung stellt“, bringt es Jürgen Biskup auf den Punkt. Diese Erfolge machen Mut für die nächsten Vorhaben: Eine neue Lagerverwaltung und den Ausbau der mobilen Datenerfassung. Cavendish & Harvey legt eben auch in Sachen EDV viel Wert auf guten Geschmack. Und der verpflichtet.

Leave a Reply