Hardware ohne Gestalt

Feature | 6. August 2009 von Wolfgang Krips 0

Durch Virtualisierung werden Ressourcen von Servern gebündelt und Kapazitäten besser ausgelastet. (Foto: Jupiterimages)

Haben Sie sich auch schon gefragt, warum Flugzeuge oft bis auf den letzten Platz belegt sind? Eins steht fest: Voll besetzte Maschinen sind weder ein Wunder noch ein Zufall, sondern das Ergebnis cleverer Kapazitätsauslastung. Das sogenannte Yield Management berücksichtigt unter anderem Parameter wie vorhandene Kapazitäten, belegte und noch freie Plätze und die zu erwartende Nachfrage.

Vorhandene Ressourcen bestmöglich zu nutzen, steht dabei im Mittelpunkt. Eine Tatsache, die zunehmend auch für das IT-Backend von Unternehmen wichtiger werden, denn die Zeiten immer höherer Serverkapazitäten sind endgültig vorbei. Bestes Beispiel: SAP Managed Services als In-House IT-Infrastruktur-Provider betreibt sechs Rechenzentren mit mehr als 28.000 Servern und einem täglichen Datenbackup von rund 340 Terabyte.

Die Grenzen des Wachstums werden also immer offensichtlicher. Immer mehr rückt daher in den Fokus, die technischen Betriebskosten zu senken und damit im Unternehmen Mittel für Innovationen freizuschaufeln. Doch wie lässt sich der Spagat bewältigen, einerseits aus Kosten- und ökologischen Gründen nicht endlos in physische Rechnerkapazitäten zu investieren, andererseits aber genügend Ressourcen für ständig wachsende Anforderungen bereitzustellen?

Auslastung, nicht Ausbau

Eine naheliegende Lösung heißt Virtualisierung. Damit lassen sich die Ressourcen im Rechenzentrum, z.B. von Servern zusammenfassen oder aufteilen und verwalten. Funktionell ändert sich für die Anwender dabei nichts.

Für die Kapazitätssteuerung ergeben sich dadurch aber zahlreiche Vorteile, denn die Auslastung lässt sich spürbar verbessern. Die Erfahrung zeigt, dass die bis dato vorhandenen CPU-Leistungen im Durchschnitt zu lediglich zehn Prozent genutzt werden. 90 Prozent liegen für den Großteil der Zeit brach. Bei konventioneller Hardwarennutzung lässt sich dies allerdings kaum vermeiden. SAP hat sich darum das Ziel gesetzt, mit Virtualisierung die CPU-Auslastung deutlich anzuheben.

Server selber buchen

Virtuelle Serverinfrastrukturen helfen aber nicht nur, vorhandene Kapazitäten besser zu nutzen. Sie sorgen auch in vielfacher Hinsicht für spürbar höhere Effizienz. Automatisierung ist der Schlüssel: Anwender sind beispielsweise in der Lage, exakt die Serverkapazitäten zu buchen, die sie auch wirklich benötigen – als Employee Self-Service. Statt ein Ticket aufzusetzen, können die User selbst die von ihnen benötigte Hardwarespezifikation per Eingabemaske bestellen und auch direkt konfigurieren. Der Bestell- und Freigabeprozess läuft dann selbständig an. Statt nach Wochen verfügen Nutzer nach Stunden über die geforderte Rechnerleistung, unabhängig vom Standort des Auftragsgebers. Die Verrechnung auf die entsprechende Kostenstelle funktioniert im gleichen Schritt. Dieses sogenannte Pay per Use entlastet intern die IT-Budgets und sorgt bei globalen Unternehmen für einen deutlich höheren Flexibilisierungsgrad.

Bei SAP profitieren davon unter anderem Abteilungen mit zahlreichen Test- oder Demosystemen. Diese Volumennutzer erhalten beispielsweise auf Wunsch einen virtuellen Pool an Servern, den sie komplett selbst verwalten. Das lohnt sich: Eine Investition von rund 250.000 Euro kann sich bereits innerhalb des ersten halben Jahres amortisieren. Das beweist bei SAP beispielsweise ein Projekt zur automatisierten Bereitstellung von Demosystemen in der Abteilung Showroom & Trial Solutions. Die Erfahrung zeigt schon heute, dass sich konsequente Virtualisierungsprojekte für ein Unternehmen im Zeitraum zwischen sechs und 18 Monaten rechnen. Wer also in wirtschaftlich angespannten Zeiten die richtigen Weichen stellt, profitiert umso früher von Kosteneinsparungen.

Daraus ergeben sich allerdings auch Konsequenzen für das Personal der IT-Abteilungen: Manuelle Tätigkeiten verlieren an Bedeutung, denn der Großteil der Serverbereitstellung läuft automatisch. In Zukunft obliegt dem Team dagegen zunehmend die Auslastungssteuerung. Entscheidend wird sein, die Maschinen immer bestmöglich zu belegen – ähnlich wie beim Beispiel Flugzeug. Das gelingt unter anderem über günstige Tarife, die dafür sorgen, dass Server auch zu vermeintlich unattraktiven Zeiten für potenzielle Anwender interessant werden (wie der Nachtstrom von Energieversorgern). Oder es gilt, durch Last-Minute-Angebote Auslastungslücken zu schließen. Proaktiv lassen sich Kapazitäten auch „überbuchen“, da erfahrungsgemäß ein bestimmter Prozentsatz angemeldeter Nutzer wieder abspringt. Die Königsdisziplin: Anwender dabei zu beraten, wie sie ihren Infrastrukturaufwand senken können, und dabei Modelle zu berechnen, die das bestmögliche Nutzen-Kosten-Verhältnis bieten.

Und wenn dann doch einmal Engpässe auftreten? Dann lässt sich Rechnerkapazität auch einkaufen, zum Beispiel über Partner außerhalb des Unternehmens. Das sogenannte Cloud Computing im Rechnerverbund erlaubt die dynamische Nutzung von Rechnerressourcen – und sorgt somit für eine hohe Flexibilität. Dienste mit niedrigerer Priorität lassen sich auslagern, während unmittelbar geschäfts- oder sicherheitsrelevante Projekte in-House bleiben.

Gut für die Umwelt

Doch Virtualisierung schont nicht nur die IT-Budgets von Unternehmen. Auch die Umwelt profitiert. Hardware braucht Strom, bis zu 50 Prozent gehen in manchen Fällen davon in die erforderliche Kühlung. Das trägt auch zu den weltweiten CO2-Emissionen bei. Dabei spielt es so gut wie keine Rolle, ob beispielsweise ein Server unter Volllast läuft oder nur ein geringer Teil des Leistungsvermögens benötigt wird. Eine konsequente Ausnutzung der vorhandenen Ressourcen macht also zusätzliche Rechner überflüssig und verhindert damit weiteren Stromverbrauch. SAP hat daher schon jetzt reagiert: 2008 waren bereits 80 Prozent der in Betrieb genommenen neuen Server virtuelle Maschinen – ein wichtiger Beitrag, die selbst gesteckten Ziele zur CO2-Reduktion zu erreichen.

Nur Gewinner

Das verdeutlicht: Von der Virtualisierung können alle Beteiligten profitieren. Der Komfort für die Nutzer steigt, gleiches gilt für die Effizienz im Unternehmen. Dennoch sinken die Kosten. Auch der Umweltaspekt spielt eine Rolle. Keine Frage: Dank stichhaltiger Argumente gehört der Virtualisierung die Zukunft. Aber nicht nur im Unternehmen. Der stetig steigende Bedarf an On-Demand-Software setzt das Thema auch bei den Anbietern von Unternehmenslösungen ganz oben auf die Agenda. Die Virtualisierung rollt gerade langsam an. Nicht mehr lange, dann hebt das Thema ab. Wichtig ist daher, nicht den Anschluss zu verlieren. Im Bereich Capacity Management zeigen Fluglinien schon heute, wie es geht.

Wolfgang Krips

Wolfgang Krips leitet den Geschäftsbereich SAP Managed Services (ehemals SAP Hosting), der weltweit Infrastruktur und Hosting-Dienstleistungen für die SAP-Gruppe bereitstellt und unter anderem alle Konzernrechenzentren betreibt. Krips ist Betriebswirt und promovierter Physiker.

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