“Heute wird mit Risikokapital sorgfältiger umgegangen als in den Jahren des Dotcom-Hype”

Feature | 8. November 2004 von admin 0

Warum ist SAP in das Geschäft mit Risikokapital eingestiegen?

Nolan: Das hat sich zufällig so ergeben. Als Hasso Plattner vor einigen Jahren in CrossWorld investierte, gewann er die Überzeugung, SAP solle auch in das Venture-Capital-Geschäft einsteigen. Howard Lowell, der damalige Leiter der SAP Labs, übernahm die neue Abteilung und erarbeitete das Programm der ersten Tage. Selbst ein Vollblutunternehmer hatte Hasso Plattner stets großen Respekt vor den Startups – und davon wimmelt es im Silicon Valley. SAP musste eine Möglichkeit finden, sich im Interesse Branche als ganzes daran zu beteiligen. Schließlich sind Innovationen durch Startups für Software-Anbieter enorm wichtig. Für Unternehmen wie SAP wiederum ist es von Vorteil, ein eigenes Programm für Risikokapital zu haben. Das ist in Kürze die Erkenntnis, zu der Hasso Plattner zum damaligen Zeitpunkt gelangte.

Und wie ging es damals mit SAP Ventures weiter?

Nolan: Im Jahr 1997 bestand die Abteilung aus einer Person, 1998 waren es mit Howard Lowell zwei Leute. Nach und nach kamen dann noch einige hinzu. Bisher hat niemand die Abteilung verlassen, außer Howard Lowell – er ging in den Ruhestand. Wir konzentrieren uns stark auf Software-Applikationen, weil wir diesen Markt kennen. Alle Mitarbeiter verfügen über einen soliden betriebswirtschaftlichen Hintergrund, wir kommen ursprünglich aus dem Vertrieb oder dem Marketing und nicht aus dem Finanzbereich. Wir sind keine Börsenmakler. Unsere Spielregeln: Wir stellen keine Bedingungen an die Unternehmen die wir mit finanzieren, wir sind immer Partner in einem Konsortiums, wir investieren mit den anderen Partnern, um das Risiko auszugleichen, dass sich ein Unternehmen nicht selbst finanzieren oder nicht mit führenden Firmen im Silicon Valley konkurrieren kann. Unter den 58 getätigten Investitionen waren einige Gewinne, einige Verluste und bestenfalls einige mittelmäßige Ergebnisse. Im Großen und Ganzen waren wir erfolgreich, wir haben mehr Gewinne als Verluste gemacht.

Als Folge der Richtlinien der US-GAAP (Generally Agreed Accounting Principles) sind wir bei unseren Investitionen auf eine Beteiligung von 20 Prozent beschränkt. Im Übrigen erscheint uns das auch als taktisch angemessen. Alle unsere Investitionen erscheinen im Jahresabschluss der SAP. Hätten wir mehr als 20 Prozent, müssten wir die Gewinne und die Verluste aus den Investitionen in der Gewinn- und Verlustrechnung der SAP angeben. Besäßen wir beispielsweise 25 Prozent eines Unternehmens, das 10 Millionen US-Dollar Verlust im Jahr macht, wäre SAP verpflichtet, in der eigenen Gewinn- und Verlustrechnung unter ‚Nicht zahlungswirksame Erträge/ Verluste’ einen Verlust von 2,5 Millionen US-Dollar im Jahr auszuweisen.

In was für Unternehmen haben Sie denn investiert?

Nolan: Wir verfolgen einen langfristigen Ansatz. Andere Risikokapitalgeber hingegen planen quartalsweise. Wir investieren für mehrere Jahre, und streichen daher auch unsere Gewinne erst später ein. Gerade haben wir in T3CI investiert, einen Anbieter von RFID-Applikationen und Diensten. Das junge Untenehmen befindet sich in der Anfangsphase, es erwirtschaftet noch keine Gewinne und beschäftigt sich mit Preproduct-Projekten. Vor einem Jahr gab es das Unternehmen noch gar nicht.

Wir haben auch in die Open-Source-Firma Sistina investiert, die sich mit Clustering-Technologie beschäftigt. Sistina wurde später von Red Hat übernommen. Indx verkaufte die Sparte Performance-Management und stieg in die Öl- und Gasindustrie ein. Das Unternehmen Apriso aus Südkalifornien befindet sich in einer sehr fortgeschrittenen Entwicklungsphase. Alle Applikationen dieses Unternehmens basieren auf SAP, das passte gut zusammen. Wir haben aber beispielsweise auch zu einem frühen Zeitpunkt in WbEx und Red Hat investiert.

In der Softwarebranche herrscht ein starker Wettbewerb. Was für ein Wind herrscht in der Welt des Venture Capital?

Nolan: Eigentlich haben wir mit unseren Wettbewerbern gemeinsam in einige Unternehmen investiert. Das ist durchaus üblich. Würden wir als Risikokapitalgeber eine Führungsposition anstreben, dann wären wir Wettbewerber. So jedoch sind wir Partner. Wir profitieren von der Marke SAP, deshalb ging es uns auch dann noch gut, als der Markt am Boden war. Geschäfte im Bereich Risikokapital laufen stark über die persönliche Schiene. Was zählt, sind Partnerschaften und persönlichen Beziehungen. In der Branche kennt jeder jeden, das ist ganz wichtig.

Wie steigern Sie Ihren Bekanntheitsgrad bei anderen Risikokapitalgebern?

Nolan: Wir haben Niederlassungen im Silicon Valley, in Boston und in Colorado, unsere Mitarbeiter sind überall verstreut. Man kennt uns einfach, weil wir schon so lange im Geschäft sind. Da wird kein großes Aufheben gemacht.

Der Blog den Sie seit geraumer Zeit schreiben hat Sie aber durchaus noch bekannter gemacht… Worüber schreiben Sie denn?

Nolan: Vor etwa 18 Monaten war der Begriff Blog (Weblog) in aller Munde, da bin ich auf die Idee gekommen, selbst einen Blog vom Standpunkt der Venture-Capital-Welt aus zu schreiben. Meine Hauptmotivation bestand darin, etwas über das Medium zu lernen und mitzuhelfen, das Profil von SAP Venture zu verbessern.

Es machte mir Spaß, den Ventureblog zu schreiben. Im ersten Monat haben ihn etwa 20 Leute gelesen, es wurden immer mehr. Heute habe ich etwa 1000 Leser täglich. Ich habe damit angefangen über Dinge zu schreiben, die ich gelesen hatte – lesen, eine der Hauptbeschäftigungen der Branche. Jeder von uns muss täglich eine Menge Daten aufnehmen und aussortieren. Durch den Blog haben sich auch ein paar Abschlüsse ergeben. Mein Blog wurde zu meinem persönlichen Archiv, ich kann darin nach etwas suchen, das ich vor sechs Monaten geschrieben habe, oder etwa über ein Unternehmen nachlesen, an dem ich interessiert war, oder nach interessanten Personen.

Wie ist die Stimmung in der Branche drei Jahre nach dem großen Dotcom-Sterben?

Nolan: Obwohl der Markt am Boden ist, gibt es immer mehr Geld als in der Zeit davor. Es gibt heute immer noch eine Kerngruppe von Investoren, die Geld beschaffen. Ich denke nicht, dass der Markt so sehr darunter gelitten hat, wie man uns weismachen wollte. Einige Startups sollten vermutlich nicht gefördert werden.

In den vergangenen drei Jahren gab es eine zunehmende Anzahl an Startups mit straff organisiertem Management, dessen Mitglieder vorher schon in anderen Unternehmen erfolgreich waren. Diese Startups haben sie es geschafft, mit eigenem Geld, ohne Risikokapital, ihre Unternehmen aus dem Boden zu stampfen und erste Kunden für ihre Produkte zu gewinnen. Solche Startups, die nun am Ende ihrer ersten Finazierungsrunde stehen, sind bedeutend reifer als die vor ein paar Jahren.
Der Markt ist wahrscheinlich besser als vor zehn Jahren, als zu viel Geld in zu wenige Unternehmen gesteckt wurde. In den Jahren 1999 und 2000 stand sehr viel Geld zur Verfügung und der Markt orientierte sich am Angebot. Heute ist das Kapital nachfrageorientiert. Es wird viel mehr Sorgfalt walten lassen als in den hektischen Jahren. Was zählt sind umfangreiche Analysen und harte Fakten.

Hängen die Risikokapitalgeber einer wie auch immer gearteten Idee eines “Killer-Business” nach?

Nolan: Nein, wir sind längst von der Idee abgekommen eine einzelne Applikation könne alles verändern. Trotzdem gibt der Bereich Unternehmenssoftware genug Anlass zum Enthusiasmus und bietet ein großes Potential für neue, erfolgreiche Unternehmen. Ebenso Erfolg versprechend sind drahtlose Anwendungen im privaten Bereich. Die digitale Technologie bleibt weiterhin ein interessantes Thema, weil es nicht auf ein Unternehmen beschränkt ist.

Ich bin sehr angetan von den Möglichkeiten der Unternehmenssoftware. Sensorennetzwerke, Suchfunktionen, Werkzeuge zur Kollaboration und für die Analytiken sind nur einige Beispiele für die Bereiche, in denen eine Menge Startup-Aktivitäten zu verzeichnen sind. Die drahtlose Technologie ist keine neue Kategorie. Aber Themen wie etwa die Sicherheit solcher Technologien eröffnen immer immer noch riesige Investitionsmöglichkeiten. Die drahtlose und mobile Technologie ist sehr facettenreich, da nun die Quadband-Geräte auf den Markt kommen und öffentliche, drahtlose Infrastrukturen den Platz der privaten Netzwerke einnehmen.

Wie sind Gerüchte einzuordnen, dass sich die Risikokapitalgeber nach China orientieren?

Nolan: Natürlich lautet das Motto `Sag niemals nie´. Aber zunächst stehen wir den Aktivitäten in China, Indien und Lateinamerika noch abwartend gegenüber, müssen mehr erfahren. Die Technologiebranche ist global ausgerichtet und in guter Verfassung. Das Geschäft mit Risikokapital ist eine knifflige Angelegenheit, denn es ist von Faktoren abhängig, die wir nicht kontrollieren können – etwa das kulturelle und rechtliche Umfeld und die Mentalität der Menschen in den Gebieten, in denen investiert wird.

China ist ein komplexer Markt und wir brauchten dort chinesische Partner und Teilnehmer. Risikokapitalgeber investieren durch Bevollmächtigte vor Ort. Sie entsenden keine US-Amerikaner oder Europäer, sondern würden mit chinesischen Partnern arbeiten. In China oder Indien sieht vieles anders aus und obwohl wir Partner finden könnten, müssten wir abwarten, wie viele Verluste wir machen, bevor wir Gewinne einfahren. Doch dafür besteht aus aktueller Sicht keine zwingende Notwendigkeit. Wir haben im Bereich aufkommender Technologien, die ein großes Marktpotential darstellen und Aussicht auf ein hohes Wachstum bieten mehr als genug Investitionen in Europa und den USA.

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