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Hochschulen: Durch Digitalisierung differenzieren

1. April 2016 von Andreas Schmitz 0

Die Digitalisierung ist in Hochschulen derzeit selten strategisch verankert. Gerade in der Lehre zeigen Pilotprojekte jedoch enormes Potenzial auf.

Das Szenario ist einfach: Anhand erster Prüfungsabschlüsse und Seminarbeurteilungen, der Frequenz der abgelegten Prüfungen, der Abi-Note und ein paar anderen Key Performance Indicators sind Hochschulen schon weit vor dem Bachelor- oder Masterabschluss eines Studenten ziemlich genau in der Lage, abschätzen zu können, ob das Studium erfolgreich sein wird. „Das ermöglicht ihnen, Studenten zusätzliche Hilfe anzubieten, bei denen sich Probleme abzeichnen und herausragende Studenten etwa auf Stipendien und Fördermöglichkeiten hinzuweisen“, erläutert der Business Enterprise Chief Consultant der SAP Kay Hradilak. Nach einer aktuellen Analyse von Marktforscher Gartner gehört das Thema „Predictive Analytics“ ganz oben auf die Liste der „strategischen Technologien für 2016“, die der Studie nach zusammen genommen in Deutschland ein finanzielles Potenzial von über zwei Milliarden Euro haben. „Trotzdem ist es noch ein Zukunftsthema, das erst langsam kommt“, so Hradilaks Einschätzung, der gerade sein erstes Pilotprojekt an einer deutschen Hochschule dafür gestartet hat.

Es gibt eine Menge gute Ansätze, doch sind die meisten von ihnen Piloten.

„Es gibt eine Menge gute Ansätze“, kommentiert Julius-David Friedrich, „noch sind die meisten von ihnen Piloten, noch nicht strategisch in den Hochschulen verankert und auch nicht in der Breite der Hochschullandschaft zu finden.“ Der für das Thema Digitalisierung federführende Projektmanager aus dem gemeinnützigen CHE Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh nennt besonders vier Ansätze, die zeigen, wie die Digitalisierung die Hochschulen künftig verändern können.

4 Szenarien für Digitalisierung im Hochschulbereich

1. Inverted Classroom

Vor der Vorlesung stellt der Professor oder Lehrbeauftragte Inhalte online. Der Linguistikprofessors Jürgen Handke von der Philipps-Universität in Marburg hat für das Studienfach Anglistik bisher über 250 E-Lectures etwa als Videos, Hörproben und digitale Arbeitsbücher zusammengestellt. In einem Online-Quiz überprüfen die Studenten das selbst Gelernte, was einen interessanten Zusatzeffekt hat. Der Professor erfährt so, auf welchem Stand die Studenten sind. „Die Vorlesung wird um die Wissensvermittlung entschlackt“, erläutert CHE-Experte Friedrich, „üben und diskutieren steht dann im Mittelpunkt der Vorlesung“. Die Wissensvermittlung findet also zu Hause am eigenen Schreibtisch statt – im „inverted“ (also umgedrehten) Hörsaal.

2. Open Educational Resources (OER)

Besonders im Forschungsbereich aber auch in der Lehre können online Lehrmaterialien frei und damit ohne die üblichen Lizenzgebühren für urheberrechtlich geschützte Werke als OER zur Verfügung stehen. Wer beispielsweise eine Publikation geschrieben hat oder Unterrichtsmaterial erstellt, kann diese Ressourcen als OER online stellen. Auf diese Weise können Studenten wie Wissenschaftler sie sich herunterladen, für sich nutzen und für eigene Zwecke weiter verwenden.

3. Spielbasiertes Lernen

Die Grundlage für spielbasiertes Lernen können reale Situationen aus dem Berufsleben sein. Ein gutes Beispiel bietet das Medizinstudium. Ein Patient kommt in einem Computerspiel in die Notaufnahme und schildert seine Symptome. Daraufhin entscheidet sich der Student für einen Therapieansatz, der aus dem Spiel heraus kommentiert wird. „Das spielerische Lernen hilft, Gelerntes in der Praxis einzusetzen“, erläutert Friedrich.

4. Adaptive Formate

Nach jeder online erledigten Lerneinheit folgt ein Online-Test, der einerseits dem Studenten eine Überprüfung des gerade Gelernten gibt – aber auch dem System. Die Plattform registriert den jeweiligen Lernfortschritt und entscheidet, mit welcher Lektion der Student weiter machen sollte – es passt sich also dem individuellen Lerntempo und Kenntnissen des Studenten an. „In der Einführungsvorlesung für BWL bekommen 500 Studenten den gleichen Stoff vorgesetzt, egal ob sie sich langweilen oder überfordert sind“, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich. Am Beispiel des Schulfachs Mathematik praktiziert die KHAN-Akademie bereits adaptive Formate. Das Thema führt in der aktuellen Gartner-Studie übrigens das Trend-Ranking der Technologie-Strategien an.

Ziele der Digitalisierung: Verbesserung der Qualität und individuelles Lernen

Alle Ansätze haben zwei Dinge gemeinsam: Sie helfen den Hochschulen, eine wachsende Zahl von Studierenden zu bewältigen und individuelleres Lernen möglich zu machen. Um jedoch herauszufinden, welche die Good Practices im Hochschulbereich sind und um Handlungsempfehlungen zu geben, wurde 2014 das Hochschulforum Digitalisierung gegründet, in dem Politiker, Hochschulrektoren, Professoren und Unternehmen wie SAP vertreten sind. SAP-Experte Hradilak ist seit Gründung dabei. In einer der sechs Arbeitsgruppen diskutiert er im Hochschulforum einmal im Quartal Geschäftsmodelle für digitale Lehrangebote, die auf die Bedürfnisse der Hochschulen passen.

MOOC als ein Baustein im Lernkonzept

„Noch bis vor Kurzem gab es den Hype der Massive Open Online Courses (MOOC) und sogar die Diskussion darum, ob sie die Hochschule eines Tages ablösen würden“, greift Hradilak ein Thema heraus. „Inzwischen ist klar, dass eine Mischung aus der klassischen Vorlesung, Seminaren zur Vertiefung und online-unterstützendem Lernen das richtige ist – etwa mit Unterstützung durch Online-Lerngruppen, E-Learning und Chats.“ Heute gelten MOOCs für Spezialisten als interessantes Format, weniger jedoch für Einsteiger. CHE-Mann Friedrich nennt das den „Matthäus-Effekt“: „Wer hat, dem wird gegeben“. Wer sich sowieso schon gut auskennt und zumeist bereits einen Hochschulabschluss in der Tasche hat, bekommt durch MOOCs eine weitere Vertiefung. Studienanfänger haben allerdings zum Teil Probleme mit dem Format. In Kombination allerdings etwa mit dem Inverted-Classroom-Szenario würden MOOCs dann wieder gut funktionieren.

SAP-Experte Kay Hradilak: „Hochschulen müssen ihre Ziele definieren.“

Im Wettbewerb der Hochschulen sind letztlich nicht einzelne Ideen dafür verantwortlich, welche Ausbildungsstätte die besten Studenten bekommt. Das Gesamtkonzept entscheidet. „Erst wenn die Ziele feststehen, sollte die Auswahl der Technologie erfolgen“, erläutert Hochschulexperte Hradilak von SAP, „denn Digitalisierung bedeutet auch, bestehende Prozesse grundlegend infrage zu stellen und sich zu verändern.“

Sich im Wettbewerb differenzieren, durch durchgängige Abläufe effizienter werden und die Verwaltung attraktiver machen sind für Hradilak nur drei Gründe, sich mit der Digitalisierung eingehend zu beschäftigen. Und in diesem Kontext könnte es dann auch durchaus Sinn machen, „predictive analytics“ nicht nur für die Studentenleistung einzusetzen, sondern auch, um herauszubekommen, wie viele Abiturienten sich künftig für angebotene Studiengänge interessieren werden und wie hoch die Auslastung der Kapazitäten sein wird.

Interessante Seminare zum Thema

Hochschule 2025: Digitale Transformation und Perspektiven mit SAP am 1. Juni 2016, 10.00–10.40 Uhr

Userzentriert, intuitiv, mobil – SAP Fiori Services für Studierende am 10. Juni 2016, 10.00–10.40 Uhr

Service Faktura-Rechnungserstellung im Hochschulumfeld am 16. Juni 2016, 9.00–9.40 Uhr

Erfahrungsbericht IPEK: Mit SAP Innovation Management zur Produktentwicklung im virtuellen Ideenlabor am 20. September 2016, 11.00–11.40 Uhr

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